Einkaufen zum Ersten – das «sinnvolle» Geldausgeben: chraame, poschte, kömerle & Co.

Advent ist nicht nur das Warten auf das Fest der Geburt Christi, sondern für viele auch eine Hoch-Zeit des Einkaufens – schliesslich müssen ungezählte Liebste mit einem Geschenk beglückt werden. Wie sagt man dieser Tätigkeit denn nun eigentlich auf gut Schweizerdeutsch? Wer im Schweizerischen Idiotikon nach­schlägt, wird nicht so recht fündig – genauer gesagt: solange das «sinnvolle» Einkaufen gemeint ist. Um dieses geht es in dieser Wortgeschichte; vom «unnötigen» – für welches es typischerweise sehr viele Wörter gibt! – handelt dann die nächste.

Das anscheinend normalste Wort für «einkaufen», welches das Schweizerische Idiotikon anbietet, ist eines, das heute kaum mehr jemand braucht: chraame bzw. chroome. Der Wortartikel wurde im Jahr 1894 gedruckt und mit der Bedeutung «vom Krämer etwas kaufen» versehen. Die Verkleinerungsform chräämle oder chröömle kennt hingegen der eine oder die andere sicher noch – hier sind wir aber schon beim «unnützen» Geldausgeben gelandet. Ein anderer, heute ebenfalls veralteter Klassiker fehlt im Idiotikon: Komissioone mache. Vielleicht fand man die Fügung vor 120 Jahren zu wenig einheimisch, weil sie damals auch in Süddeutschland üblich war – und weil sie ohnehin zu «modern» schien.

Dafür gibt es im Wörterbuch ein paar sehr spezifische Wörter: chlause «für seine Angehörigen Weih­nachts­geschenke einkaufen» (Toggenburg), chütterle «auf dem Gemüse- und Obstmarkt einkaufen» (Koppigen bei Burgdorf), schwyne «Schweine einkaufen» (Saas im Wallis) und wyne «Wein einkaufen» (Kanton Bern). Braucht jemand das eine oder andere noch, abgesehen davon, dass die meisten wohl selten Schweine einkaufen gehen?

Alle heute geläufigen Begriffe für «einkaufen» fehlen dagegen im Schweizerischen Idiotikon – sie sind anscheinend erst geläufig geworden, als die entsprechenden Bände schon gedruckt vorlagen.
– Das bernische kömerle ist natürlich eine Ableitung vom Komissioone mache. Roland Ris, der ein gigan­tisches, aber bislang unpubliziert gebliebenes berndeutsches Wörterbuch geschrieben hat, kann es erst­mals aus dem Jahr 1966 belegen.
– Das heute üblich gewordene ychauffe kennt das Idiotikon nur aus der Sprache des 16. Jahrhunderts, und zwar in der Bedeutung «sich bei jemandem einschmeicheln». Der Autor dieser Wortgeschichte hat es aber ganz zufällig in Heinrich Messikommers «Aus alter Zeit. Sitten und Gebräuche im zürcherischen Ober­lande» von 1909/1911 gefunden: Messikommer schreibt ikaufe – deutet das k darauf hin, dass das Wort damals frisch aus der Schriftsprache übernommen worden war?
– Das Wort poschte schliesslich findet man zwar im Idiotikon, aber nicht die gesuchte Bedeutung. Als der fragliche Artikel 1900 im Druck herauskam, hatte dieses die (heute kaum mehr bekannten) mundartlichen Bedeutungen «Botendienste besorgen», «jemanden als Boten mit Aufträgen da- und dorthin schicken» und «etwas (als Bote oder mit der Post) wohin befördern, tragen, berichten». Aus der Bedeutung «Boten­dienste besorgen» hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts das allgemeine «einkau­fen» entwickelt: Man schickte nicht mehr jemanden, sondern ging halt selber. Die Entwicklung von poschte ist also eine ganz ähnliche wie bei Komissioone mache bzw. kömerle, bedeutete «Kommission» doch ursprünglich «Auftrag». Übrigens: Obwohl poschte im Sinne von «einkaufen» sicher schon seit einiger Zeit gut zürcherisch ist, fehlt es in den Ausgaben des Zürichdeutschen Wörterbuchs von 1961 und 1968; erst 1983 fand es die Gnade der Sprachpuristen. Die Zuger waren da offener und nahmen es schon 1962 in ihr Wörterbuch auf.

(28. November 2018, CL)

 

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