Herbstzeit – nicht nur Zwätschge-, sondern auch Chrieli-, Steifrüümli-, Palöögli-,Wärdasche-Zeit

Viele DeutschschweizerInnen sind stolz darauf, dass sie im Gegensatz zu Norddeutschen Zwetschgen und Pflaumen auseinanderhalten können. In wissenschaftlicher Terminologie wird zwar zwischen den beiden unterschieden, aber vor allem hierarchisch: Prunus ist der Name eine Untergattung der Steinobst­gewächse, die wiederum in verschiedene Sektionen unterteilt ist, deren eine ebenfalls Prunus oder deutsch Pflaume heisst – Pflaume (Prunus domestica) ist also die übergeordnete Bezeichnung einer Art, die sich in Edelpflaume, Zwetschge, Kriechenpflaume und weitere Unterarten gliedert. Doch die Kenntnis der Namen dieser verschiedenen Unterarten schwindet alllmählich. Als da wären:

Die «Pflaume» selbst, Prunus domestica. Die Frucht gelangte wie andere Obstarten mit der griechisch-römischen Obstkultur auf die Nordseite der Alpen und mit ihr auch ihr Name, lateinisch prūnus (genauer vulgärlateinisch *prūma) bzw. altgriechisch proúmnon. In den schweizerdeutschen Dialekten heisst sie auch Pfluum, Pflumme, Fluume, Flumme, Pfruume, Fruume – Bezeichnungen, die man so in keinem Supermarkt findet und die daher heute der Pfluume Platz machen. Besondere Sorten sind die Eierpfluum und die auffallend grosse, rote Rosspfluum aus Zollikon. Im Badenbiet und in Teilen des Kantons Solothurn wird die gewöhnliche Pflaume auch Chrieche genannt, womit sonst aber eine andere Frucht bezeichnet wird. Dazu kommt noch die Hosechrieche, eine Aargauer Pflaumensorte.

Die «Haferpflaume», Prunus domestica subspecies insititia, wird vor allem in der Schnapsbrennerei verwendet. In Graubünden heisst sie Palooga, Palöögli, eine Entlehnung aus dem rätoromanischen paloga (Engadin), ploga (Surselva). Das Wort bedeutet schlicht «Pflaume» und geht auf das frühmittelalterlich-lateinische bulluca zurück, das eine «kleine Pflaume, Schlehe» bezeichnete – dass ein Name für unterschiedliche Sorten steht, ist nicht aussergewöhnlich, auch das heutige Wort Palooga kann ebenso die «Mirabelle» meinen. Andernorts wird sie auch Zibarte genannt, in Zollikon Haberpfluum (weil sie zur Zeit der Haferernte reif sei), in Solothurn Müneli, in Stein am Rhein Pfluumeschlehe. Am verbreitetsten war aber der Name Chriech, Chrieche, Chrie, Chriechli oder Haberchrieche, dem auch die standarddeutsche Kriechenpflaume entspricht. Der Name scheint auf eine ursprüngliche Herkunft der Sorte aus Griechenland zu weisen, denn das mittelhochdeutsche krieche bedeutet «Grieche», aber der weitere Zusammenhang ist unklar. Wie Palooga kann Chriech neben «Haferpflaume» auch «Mirabelle» bedeuten.

Die «Reineclaude» oder «Edelpflaume», Prunus domestica subspecies italica, wird im Schweizerischen Idiotikon nur für Bern erwähnt, wo sie je nach Region Wärdasche, Wätasche oder Wardasche heisst. Auch dieser Name ist entlehnt: Im Freiburger Patois ist eine pronma vèrdache eine «prune jaune-verte», also eine «gelbgrüne Pflaume». Vielleicht ist auch die süsse, grüngelbe Zuckerpfluum eine «Reineclaude».

Auch die «Mirabelle», Prunus domestica subspecies syriaca, wird nur vereinzelt im Idiotikon erwähnt: Neben den schon genannten Namen Palooga und Chriech, die ursprünglich andere Sorten bezeichnen, steht das Zürcher Meeräppli, offenbar eine Umdeutung des italienischen Namens mirobalano. Gemeint ist damit vermutlich die «Kirschpflaume», Prunus cerasifera, Myrobalane. Dieselbe Grundlage hat der Name Appelane für «eine Art bleichroter, sehr schöner, aber unschmackhafter Pflaumen».

Schliesslich gibt es noch den «Schlehdorn» oder «Schwarzdorn», Prunus spinosa, dessen Früchte zu Saft oder Bränden verarbeitet werden. Auch er wird manchenorts Chriech genannt. Häufiger ist der Name Schleehe, Schleeje, Schlee, Schleeche, Schlieeche, Schleche, Schleebeer, Schleehdorn. Das Wort Schlehe ist verwandt mit dem slawischen sliva «Zwetschge», das alle kennen, die schon einmal auf dem Balkan Sliwowitz «Pflaumenschnaps» getrunken haben. In Sargans werden die Pflanze und wohl auch ihre Früchte Boggsbeeri genannt – der genaue Zusammenhang mit dem Bock ist unbekannt. In Einsiedeln heisst die Frucht Mählbirrlibick (ebenso die Frucht des Weissdorns), in Bern Hagpfüümli, in Grindelwald und im Goms Schneefruume oder Winterfruume (wohl weil die Früchte erst nach dem ersten Frost geerntet werden), an der Lenk Steifrüümli. Die Walser im Prättigau und im Schanfigg haben auch für diese Frucht einen rätoromanischen Namen übernommen: Sie nennen sie Pärmollja, Pärnoullja, Prmulje, entsprechend parmuglia (Surselva) und parmuoglia (Engadin). Es handelt sich dabei um eine Verkleinerungsform wie im italienischen prugnola.

Wie wärs also statt einer Zwetschgenwähe zur Abwechslung mal mit einem Chriechechueche?

(27. September 2018, TF)

 

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