Go(ge) schaffe gaa

Schweizerdeutsch – wie auch seine alemannischen Nachbarmundarten im Oberelsass und in Südwestdeutschland – kennt nach gaa/goo «gehen» eine eigenartige Partikel, nämlich go (oder ga, ge, gi, gu) – die auch noch verdoppelt werden kann: ich gang go(ge) schaffe, go spaziere, go schlaaffe. Die Idee, dass dieses go nichts anderes sei als gaa/goo, dass also «gehen» einfach verdoppelt werde, ist alt – aber stimmt sie oder stimmt sie nicht? Ja und nein.

Schweizerdeutsch kennt zwei ga/ge/go/gi/gu, nämlich
– erstens eines in der Bedeutung «nach»: Ich gang ga Bäärn, gi Züri «ich gehe nach Bern, nach Zürich» – dieser Gebrauch scheint heute weitgehend von uf «auf» oder von schriftdeutsch nach verdrängt worden zu sein (uf Bäärn, nach Züri);
– und zweitens die einführend genannte Partikel in Ich gang ga/go schaffe «ich gehe arbeiten».

Ersteres geht auf mittelhochdeutsch gen «gegen» zurück; so hiess es 1497 etwa [Sie] sind geritten gan Einsidlen «sie sind „gegen“ (nach) Einsiedeln geritten» oder um 1600 Tribschen, so auch gan Horw hört «Tribschen, das auch „gegen“ (zu) Horw gehört». Ich gang ga Bäärn meinte also ursprünglich nichts anderes als «ich gehe gegen Bern» – was ja eigentlich logischer ist als das gleichbedeutende uf Bäärn. Schaut man nun im Schweizerischen Idiotikon auch die alten Belege zur zweiten Bedeutung an, sieht man, dass auch diese auf mittelhochdeutsch gen zurückgeht: So heisst es im 1557 erschienenen «Vogelbuch» etwa So du gen schlafen gon willt «wenn du „gegen“ schlafen gehen willst». Anfänglich drückte unser Wörtchen also eine Richtung aus.

Den weiteren Verlauf hat der Sprachwissenschafter Andreas Lötscher erforscht: In einem ersten Schritt entwickelte sich die ursprüngliche Präposition gen zu einer sogenannten Verbalpräposition. In einem zweiten Schritt wurde diese Verbal­präposition von den Sprechern mit dem Verb gaa/goo «gehen» gleichgesetzt, was beispielsweise in Hans Rudolf Rebmanns 1620 verfasstem «Gespräch zwischen dem Niesen und dem Stockhorn» deutlich wird: So hoch das Viech gahn weiden gaht «so hoch das Vieh „gehen“ weiden geht» deutlich wird. In einem dritten Schritt schliesslich wurde diese scheinbare Verbverdoppelung auf andere Verben übertragen – und deshalb können wir heute auch sagen s chunt cho rägne «es „kommt kommen“ (wird bald) regnen» [in der Ostschweiz aber: s chunt go rägne], d Chriesiböim fönd afa blüe «die Kirschbäume „fangen anfangen“ blühen (fangen zu blühen an)» und si laat en la grüeze «sie lässt ihn „lassen“ grüssen». Aus dem ursprünglichen «gegen» ist also etwas ganz Neues entstanden.

Abschliessend wollen wir noch dem Gang-Go die Ehre erweisen – dem Menschen, der tagein, tagaus herumbefohlen wird. Im «Nebelspalter» war 1963 die Rede von einem Pensionierten, der klagte, er sei im Gango-Verein: «Da befiehlt die Frau jeden Augenblick: Gang go d Teppich chlopfe! Gang go d Milch und s Fleisch hole! Gang go luege, eb d Poscht cho seig! Gang go s Salotbett grase!» Sowohl der Gang-Go wie auch der Gang-go-Verein fehlen im Schweizerischen Idiotikon – hoffen wir, dass die frühen Bände dereinst überarbeitet werden können!

Quellen: [Ludwig Tobler:] Artikel gan im Schweizerischen Idiotikon, Bd. II, Sp. 322 ff.; Andreas Lötscher: Zur Genese der Verbverdoppelung bei gaa, choo, laa, aafaa („gehen“, „kommen“, „lassen“, „anfangen“) im Schweizerdeutschen. In: Dialektsyntax, hg. von Werner Abraham und Josef Bayer. Opladen 1993, S. 180–200; AH: Ein neuer Verein. In: Nebelspalter 89 (1963), Heft 43, S. 55.

(27. August 2018, CL)

 

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok