Vom Tschutten der Bälle und Schafe

Die Schweiz ist zwar im Achtelfinal der WM ausgeschieden, aber wir machen mit unseren Wortgeschichten zum Fussball weiter!

Die Fachterminologie des Fussballs wurde Ende des 19. Jahrhunderts gleich zusammen mit dem Sport aus England in die Schweiz importiert. Darum heisst es in der Deutschschweiz immer noch Goal statt wie in unseren nördlichen Nachbarland eingedeutscht Tor, Penalty statt Strafstoss und Corner statt Eckstoss. Das hiesige tschuute, tschutte, schuute, schutte kommt vom englischen to shoot «schiessen» und war an dieser Stelle schon einmal Thema (Wortgeschichte vom Juni 2012).

Ein gleichlautendes Wort tschutte gab es im Schweizerdeutschen aber schon viel früher, wenn auch mit ganz anderer Bedeutung: In Graubünden, im St. Galler Rheintal, im glarnerischen Elm und teils auch in den angrenzenden Gebieten Liechtenstein, Vorarlberg und Tirol bedeutet es einerseits «den Schafen rufen», anderseits «Kleinvieh, auch Säuglinge künstlich nähren statt am Euter, an der Brust trinken lassen». Dieses Wort kommt natürlich nicht von to shoot, sondern von Tschutt «halbwüchsiges Schaf». Das ist zwar auch ein Lehnwort, stammt aber aus dem Rätoromanischen und ahmt entweder das Sauggeräusch beim Trinken nach oder beruht auf dem Lockruf tschutt, mit dem man in Graubünden Schafe ruft. Es hat Verwandte in verschiedenen europäischen Sprachen, so im korsischen sciotta «Ziege».

Heute sind wir mehrheitlich keine Bauern mehr, sondern Bürogummis und Fussballfans. Dass tschutte etwas mit Schafen zu tun haben könnte, wird uns daher zunehmend fremd – höchstens noch mit Schaaffseckle «dummen Menschen (primitives Schimpfwort)», wenn die Nati die Bälle nicht ins Gool bringt.

(4. Juli 2018, TF)

 

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