Wenn Trunkenbolde den Murtenpsalm singen und Vielfrasse tälleren

Wer über die vergangenen Feiertage zu viel gegessen hatte, litt danach womöglich an Übelkeit oder Nausea. Der Bildhaftigkeit des lateinischen Fachausdrucks, von griechisch nautía «Seekrankheit», stehen die Dialekte keineswegs nach, wenn es um die Folgen von Übelkeit, das Erbrechen, geht.

Schon im 16. Jahrhundert verzeichnet Josua Maaler in seinem Wörterbuch die Redewendung em Ueli rüeffe «sich erbrechen». Laut dem Schweizerischen Idiotikon geht der Ausdruck vielleicht zurück auf den Heiligen Ulrich von Augsburg, der angeblich selbst übermässigen Trunk gesegnet habe. Allerdings sei auch zu berücksichtigen, dass «gerade der Vokal am weitesten hinten an der Kehle gebildet wird, wo auch der Brechreiz gefühlt wird» – der Name Ueli wäre also dem Würgegeräusch beim Erbrechen ähnlich und der Zusammenhang mit dem Heiligen lediglich eine Umdeutung.

Wem es so richtig übel war, der musste in Luzern vielleicht sogar so lange em Ueli rüeffe, bis de Marx [der Evangelist Markuschunnt, während der Angerufene im Suhrental der Luther war – auch das vielleicht eine Volksetymologie, wenn sich der ursprüngliche Sinn im Wort Lütter «dünnflüssiger Kot» findet. In Basel und in Elgg rief man nicht, man sang de Luzärner-Psalme (was auf jeden Fall eine dreckige Sache ist, denn in Bern verstand man darunter «schmutzige Knittelverse»), und in Bern der Murte-Psalm, was auf die Trunksucht mancher Murtenbieter, insbesondere aber auf die dortigen Weinfuhrleute anspielte.

Im Mitteland von Solothurn bis Zürich rüefft oder brediget me de Chrääje, in Bern chöttet me de Ägerste: Man «predigt den Krähen» oder «lockt die Elstern an»: Vögel fressen selbst das noch, was dann übrig bleibt. Man kann aber ebenso de Ente, Fische und Frösche bredige. Im Rheinwald und im Wallis dagegen ferlet oder ferlinet man, was eigentlich «ferkeln, junge Schweine werfen» bedeutet. Aber schon das Fäärli «junges Schwein» hat die übertragene Bedeutung «erbrochener Mageninhalt» – vielleicht, weil diese Tiere als besonders schmutzig gelten, oder aber weil ein Wurf junger Schweine aus der Sau sozusagen herausbricht wie der Mageninhalt beim Erbrechen? Jedenfalls wird auch füllene «Fohlen werfen» mancherorts im Sinn von «sich erbrechen» verwendet.

Wenn man in Schwyz, Zürich, Glarus und Graubünden gärbele, gärbere für «erbrechen» sagt, denkt man sich vielleicht, dass die Magensäure, die man dabei zu spüren bekommt, einen gerbt – oder der Zusammenhang besteht darin, dass man beim Erbrechen ebenso geknetet und gepresst wird wie das Leder in der Gerberei. Vielleicht gehört dieser Ausdruck auch zusammen mit göögge und chörble zu den Wörtern, die in erster Linie das Geräusch beim Erbrechen nachahmen, wie wahrscheinlich auch der Ausdruck oorgele in Zeiningen, bei dem vielleicht auch noch Vermischung mit gurgle vorliegt.

Geradezu nüchtern und technisch ist da der aus Nufenen überlieferte Ausdruck rietsche: Er ist rätoromanisch rietscher entlehnt, das auf lateinisch reicere «zurückwerfen» zurückgeht. Ein ähnliches Motiv liegt im walliserdeutschen tällerle vor, das vermutlich nichts anderes bedeutet als «das Gegessene wieder auf den Teller zurückbringen». Dasselbe Motiv des «Wiederausscheidens», aber in ganz derber Form, steckt in der Redewendung zwüsche de Zääne useschiisse.

Auffällig viele dieser Wendungen deuten andere Wörter lautmalerisch um. Auch religiöse Anspielungen sind verbreitet, teilweise wohl mit Bezug auf die Verachtung für Angehörige anderer Konfessionen. Es liegt vielleicht in der Natur des Erbrechens, dass man gern in verhüllenden, aber nicht gerade vornehmen Worten darüber spricht. Es muss also nicht immer alles zum Chotze sein – manche Dinge verursachen auch einfach Bogehueste.

(25. Januar 2018, TF)

 

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