Vom Guetjahr und der Helsete  sowie (un)anständigen Neujahrswünschen

Heute konzentriert sich das um die Wintersonnenwende übliche Schenken auf Weihnachten. Früher gab es (und gibt es da und dort noch heute) eine ganze Reihe möglicher Geschenktermine – Nikolaustag, Heiligabend, Weihnachtstag, Neujahrstag und Dreikönigstag. Wohl ganz verschwunden sind die traditionellen Namen für das, war wir heute einfach Gschänk oder Gschänkli nennen: die Helsete, der Helstag und, besonders sprechend, das Guetjahr oder Guetjohr.

Das Neujahrsgeschenk bestand im 19. Jahrhundert zumeist aus einem Festgebäck, etwa «Neujahrringen», «Neujahrzüpfen» und «Gutjahrweggen»; Patenkinder erhielten im Gegenzug etwa Kleidungsstücke. Der Zürcher Oberländer Jakob Stutz beschrieb 1835 eine neujährliche Helsete, anlässlich derer die Mutter das gespannt die Gotte erwartende Kind wie folgt ermahnte: Und säg dänn, de göngischt so gèèrn i d Schuel. Gib ren au asen aartig s rächt Händli, si bringt der jetz vilicht dys Ooschteregwändli.

In älterer Zeit galt das Neujahrsgeschenk für Angestellte als Teil des Lohnes und war entsprechend geregelt: In Luzern erhielt 1469 ein Bäckergeselle ein guot jar von zwen plapart, und in Zürich bekam 1488 ein Stubenknecht 1 Schilling und eine Magd 4 Pfennig zum guoten jar. Aber auch die Behörden wurden beglückt, beispielsweise mit Lebkuchen, grossen «Eierringen» (ein ringförmiges Gebäck aus Semmelmehl, Eiern und Butter), «Neujahrskäse» oder «spetzeryen» (Gewürzen). In Bern musste der Wirt seinen Herren von der Pfisterzunft 1537 ein schyben ziger und zwen kuochen zum guoten jar geben. Neujahrsgeschenke konnten recht ins Geld gehen; so bat der Vikar von Baden 1565 um eine Aufbesserung seiner Besoldung, denn er müsse uf das nüwjar das guotjar uf alle gesellschaften geben.

Mit der Übergabe des Guetjahrs war natürlich ein angemessener Glückwunsch verbunden. Statt des modernen, auf drei einsilbige Wörter beschränkten e guets Nöis waren früher eigentliche Glückwunsch­formeln üblich. Im Prättigau etwa heisst es traditionell Ich wünschä dier äs glückhaftigs nüüs Jaar und alls, was Guet ischt an Lyb und Seel. Die Formel abzukürzen, galt als unhöflich. So berichtet der Schriftsteller Jakob Bosshart (1862–1924), wie er als Student seinem Vater gegenüber das umständliche zürcherische I wöisch i e guets, gsägnets, glückhaftigs, fröiderychs Nöijaar und das er no mängs mögid erläben i gueter Gsundhäit und Gottes Säge zu einem I wöisch der e guets Nöijaar reduziert hatte, worauf der Vater noch kürzer mit einem Ich dir au antwortete und für den Rest des Tages kein Wort mehr mit seinem Sohn sprach. Eine unkorrekt wiedergegebene Formel wirkt nun einmal nicht!

(28. Dezember 2017, CL)

 

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