Drittes Geschlecht: Zwick, Stack und Bidibeidi

Seit das deutsche Bundesverfassungsgericht die rechtliche Anerkennung eines dritten Geschlechts gefordert hat, ist das Stichwort inter/divers in aller Munde. Uneindeutige Geschlechtsmerkmale gab es natürlich schon vorher. Zur Benennung von Menschen dieser Geschlechtsausprägung griff man einfach auf Bezeichnungen für tierische Zwitter oder Hermaphroditen zurück:

Ein Zwick m./n. ist ein «Tier mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen». Da solche Tiere keinen Nachwuchs haben, ist ein Zwick aber ebenso ein «unfruchtbares Tier», nach einer Angabe sogar eine «verschnittene weibliche Ziege». Meistens sind Zwicke äusserlich weibliche Rinder, Ziegen und Pferde, aber auch Ochsen. Obwohl für die Zucht ungeeignet, waren solche Tiere wichtig: Per Inserat wird in der Innerschweiz 1883 «ein Zugtier, Zwick, Ochs oder ein ganz schweres Rinderhaupt» gesucht, und auch im Berner Seeland galten Zwicke als gute Bruuchrösser. Dagegen wurden überflüssige Bock- ebenso wie zwittrige Lämmer nach der Geburt aussortiert. Besonders oft Zwicke im Sinn von «unfruchtbar» sind Kuhkälber, die gleichzeitig mit einem Stierkalb geboren werden.

Bei den Menschen bezeichnet Zwick eher eine generelle Abweichung von der Normerwartung als tatsächliche Intersexualität: einerseits sind das «sterile Frauen», andererseits aber auch «Frauen mit etwas männlichem Exterieur und Wesen», teilweise verbunden mit der Vorstellung, diese hätten wirklich kein eindeutiges Geschlecht. Und wenn in einer Chronik Hitler ein Zwick genannt wird, weil er ja nichts mit Frauen habe, spielt wohl auch die Vorstellung von Asexualität hinein. Auf ganz andere Weise «unfruchtbar» sind Zwicke dagegen im Wallis, nämlich «grüne Sommertriebe der Rebe», die für die Blüte zu spät kommen.

Eine älteres Wort für «zweigeschlechtliches Lebewesen» ist Zwitor m. Seine Herkunft ist ungewiss, vielleicht ist die ursprüngliche Bedeutung «zweifach Geschlechtsglieder aufweisendes Lebewesen». Die moderne Form dieses Worts ist Zwitter, die ältere Form ist in der Schweiz bis um 1700 belegt, auch in einer Mischform Zwicktor.

Bis heute erhalten hat sich in den südwalserischen Sprachinseln Gressoney und Issime sowie im Churer Rheintal und im Prättigau das althochdeutsche Wort widilla f. «Hermaphrodit, Zwitter». Als Widele f. bezeichnet es «Zwitterrinder weiblichen Geschlechts» (also wohl mit weiblichem Äusserem), die zum Mästen sehr geschätzt waren.

Schliesslich gibt es einige Wörter, die neben anderem auch für Zwittertiere stehen: Narrewärch n. ist nicht nur «närrisches Zeug», sondern im Rheinwald ein «missratenes Gebilde; Zwitterzicklein; Darm, der sich beim Wursten nicht strecken lässt.» Ein Chīber m., eigentlich ein «Keifer, Zänker», meint auch ein «Pferd, das man nur zur Hälfte verschneiden konnte» (wegen ausgebliebener Hodensenkung), weil solche Tiere einen zweifelhaften Charakter haben, und dann «Hermaphrodit, Zwitter mit vorwiegend männlichem Charakter». In Solothurn nannte man solche Zwitterpferde lautlich abweichend Chipper.

Ähnlich verläuft die Bedeutungsentwicklung bei Stack, Stacke m./f. Neben einem «verschnittenen (Ziegen-, Schaf-)Bock» ist das eine «ein- bis zweijährige Ziege» (weil die eben keine Milch gibt) und dann eine «Zwitterziege» und sogar ein «unfruchtbarer Mensch», was in Nidwalden zum Schimpfwort dui Stack dui! führt. Umgekehrt zeigt die Bezeichnung einer «zwittrigen Ziege» als Hans-Anni in Lauerz eine fast schon vermenschlichte Vorstellung des Tiers an.

Wohl in erster Linie eine Lautspielerei mit beidi ist schliesslich Bidibeidi m. «(menschlicher) Zwitter, Hermaphrodit», zu dem sich als Variante Bisibäusi m. stellt.

Viele Belege für Zwitterhaftigkeit – kein Problem im Umgang mit geschlechtlicher Uneindeutigkeit? Nicht unbedingt. Zwittrige Tiere stellen kein Problem dar, soweit sie dennoch nutzbar sind. Menschen, die unfruchtbar oder tatsächlich intersexuell sind oder einfach im Aussehen oder Verhalten abweichen, sind aber durchaus Kritik ausgesetzt, wie die Beschreibung des sonst nirgends genannten Kowenz in der Zeitschrift «Sintemal» aus dem Jahr 1759 illustriert: «Kowenz ist ein Zwitter, bey welchem dennoch etwas Männliches vorzutreffen scheint.» Zwitter ist hier in moralischem Sinn zu verstehen: Obwohl ein Mann, verhalte er sich wie eine Frau, führe ein grosses Maul, sei Freunden gegenüber illoyal, buckle dafür feig vor Feinden und verrate jedes ihm anvertraute Geheimnis.

(23. November 2017, TF)

 

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