Seda, sine, sabie, selewie, senusedänn...

Wir fahren fort in unserer Serie geheimnisvoller Kleinwörter. Diesmal geht es um se, sèda, sine, sabie, selewie und Konsorten.

Sèda kennen zumindest noch die Älteren unter uns. Es wird beispielsweise gesagt, wenn man einem Kind etwas reicht, und steht für «da, nimm, voilà». Im vorderen Teil des Wortes steckt ein altes germanisches Wort, das im Gotischen als sai und im Althochdeutschen als vorkam; es bedeutete etwa «wohlan», «nun denn». Im Schweizerischen Idiotikon finden sich zahlreiche Beispiele mit se, in denen es um eine Aufforderung geht: Se, i will di no echli uusbürschte, sagt die Mutter zur Tochter; Se, was hesch? entspricht etwa «zeig einmal!»; se du, chomm, hilf!, schrieb der Aargauer Andreas Dietsch 1844; Seh du, schenk mir auw noch ayn yn!, verlangt ein Durstiger in Johann Caspar Weissenbachs «Helvetia» von 1702; und Se, gib mir ein plaphart haruss!, fordert 1478 ein Zürcher vor Gericht (der Plappart war eine Silbermünze).

Häufig kommt se in Verbindungen mit da, nu und wie vor, wobei diese lautlich bis zur Unkenntlichkeit verformt sein können. Sä do ne Bitz Broot! führt das Schweizerische Idiotikon aus dem Solothurnischen an. Senusedänn, mach emoole, entspricht im Zürcher Oberland einem modernen «ok, dann leg los!». Sine, mir wend goo!, mahnt eine St. Gallerin zum Aufbruch. Sabie, Platz doo!, kann ein Schaffhauser sagen. Noch verfremdeter ist die Verbindung sele: So findet sich in Titus Toblers «Appenzellischem Sprachschatz» von 1837 das Sätzlein Sele, me wönd luege mit der Erklärung «nun lasset uns sehen». Aus se + nun + wie (und nicht etwa von französisch c’est la vie, wie manche meinen), entstehen senewie, senebie, selewie und helewie, die besonders für die Ostschweiz typisch sind: Selebie, Lisebeth oder Amerei, wersch goppel au choo!, heisst es im Familienblatt «Schweizer Frauenheim» von 1902.

Unser Wörtchen lässt sich auch in die Mehrzahl setzen: Geht das Stück Brot an nur eine Person, sagt man sè, geht es aber an mehrere, kann man sänd oder sät sagen: Sänd doo öiers Broot! steht in Jakob Hunzikers «Aargauer Wörterbuch» (1877) und Sät no grad es chlyys Tryychgältli in einer Wörtersammlung aus dem bernischen Ringgenberg. Das war schon im Altalemannischen möglich: In der 1530 gedruckten Übersetzung von Luigi Pulcis «Il Morgante maggiore» heisst es: Do Meridianna gsach Olliffier fallen, do lachet sy ein wenig und fieng im sin pfert und bracht im daz und sprach zuo im: Herr Olliffier, send, sitzen wider uf! Partikeln in den Plural setzen – das kann unser Hochdeutsch definitiv nicht...

(31. August 2017, CL)

 

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