Ächt & Ächt – weles ächt isch ächt ächter?

Weiter geht’s in unserer Serie über schweizerdeutsche Kleinwörter – dieses Mal mit ächt.

Jä sette mer ächt nonig hei? schrieb die Aargauerin Sophie Haemmerli-Marti 1913, wie wirds mer ächtert gaa? der Zürcher Johann Martin Usteri 1831 und hets mi ächterscht nid lieb? der Baselbieter Jonas Breitenstein 1864. Google liefert uns hingegen fast ausschliesslich einen anderen Typus ächt, der etwa in ächt schwyzerisch, ächt Bärn, ur ächt, ächt guet oder ächt bodeständig vorkommt. Man merkt es beim Lesen: Diese beiden ächt-Typen passen nicht zusammen. Tatsächlich haben sie sprachgeschichtlich nicht das Geringste miteinander zu tun.

Ächt in der Bedeutung «wohl, vielleicht, etwa», wie es die oben genannten Haemmerli-Marti, Usteri und Breitenstein gebraucht haben und wie wir es auch heute noch kennen (chunt si ächt?), geht zurück auf das althochdeutsche Adverb eckorôdo «nur, bloss»; daneben gab es das Adjektiv eckorôdi «dürftig, armselig, zart». Im Schweizerdeutschen hat das Wort zahlreiche Varianten wie ächter, ächters, ächtert, ächterscht, ächtschter, ächscht, ächtischt, ächtigscht, acht, achscht, achschter – und im Schwäbischen, Bairischen, Fränkischen und Thüringisch-Obersächsischen lautet es ack, acker(s), ecker(s), ock, ocker(s, ‑st). Schon Althochdeutsch kannte viele Varianten – Notker III. von St. Gallen beispielsweise schrieb um das Jahr 1000 echert. Zugrunde liegt eine indogermanische Wurzel *eg- «Mangel».

Ächt in der Bedeutung «echt, das Gegenteil von falsch» haben wir hingegen aus der Schriftsprache übernommen, und diese hat es aus dem Niederdeutschen. Es geht auf ein ursprüngliches êhaft zurück, was so viel wie «rechtsgültig, gesetzmässig» bedeutete und von êwe «Gesetz, Vertrag» abgeleitet ist – von dem wiederum über die Zwischenbedeutung «Ehevertrag» unser heutiges «Ehe» stammt. Zu dem an der Nordsee nicht seltenen Lautwandel von ‑ft- zu ‑cht- (êhaft > *eft > echt) vergleiche man etwa das Wortpaar sanft und sacht – ersteres ist ober- und mitteldeutschstämmig, letzteres niederdeutschstämmig. «Ächt bodeständig» ist hierzulande also alles andere als bodenständig...

(23. Juni 2017, CL)

 

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