Isch es äuä amig albig besser gsy? Äuää!

Schweizerdeutsch kennt so hübsche Kleinwörter wie aade, ächt (in: chunt si ächt?), äisder, albe, allpott, amel, ämel, amig, ase, esie, (mo)moll, notte, sèda, selewie oder sobänd – wer hat sich nicht schon gefragt, woher sie stammen? In dieser Wortgeschichte fangen wir mit albe & amig an.

Albe (oder aube) und amig (oder amigs) sind Geschwister: Ersteres ist im Baselbiet, im Bernbiet und im Freiburgischen zuhause, letzteres im Zürichbiet. Weitere Geschwister sind albig im Bündnerland, im Glarnerland und im südlichen Kanton St. Gallen, alig in der Innerschweiz, ame im Aargau, amed im nordwestlichsten Baselbiet, im Schaffhausischen sowie im Zürcher Weinland und Rafzerfeld, alle im Luzernbiet, äuä im Bernbiet und schliesslich algu bei den Südwalsern in der piemontesischen Valle Antigorio.

Alle diese Formen gehen auf mittelhochdeutsch allewëge zurück. Bedeutungsmässig teilen sich die obigen Formen im Wesentlichen in drei Gruppen: Das Bündner albig und das südwalsersiche algu bedeuten noch wie zu mittelhochdeutscher Zeit «immer»: Er ischt albig en Esel gsyn und iez im Alter nid gschyder woorden, schreibt der Prättigauer Georg Fient, und im piemontesischen Saley sagt man: Schi wärchut algu, aani nie naazlään. In den übrigen Teilen der Deutschschweiz hat die ursprüngliche zeitliche Bedeutung die modale Nuance «jeweils» erhalten: Glatt isch es amigs für en Tachdecker gsy, am früene Morgen i fröndi Zimmer inezgaffe, belegt das Schweizerische Idiotikon aus Zürich. Verbreitet ist auch die Bedeutungsverschiebung in Richtung «früher»: Mier hein das albe nid esoo gmachd, sagen die Interlaker. Darüber hinaus kann das Wörtchen auch ironisierend-ablehnend eingesetzt werden: Bisch chrank? Antwort: Äuää! «ach was!»

Mittelhochdeutsch allewëge lebt im Schweizerdeutschen jedoch nicht nur in den obigen, stark verschliffenen Formen weiter, sondern auch noch ganz «vollständig» als allwääg. Diese Form braucht man besonders in der Bedeutung «(doch) wohl, vermutlich, wahrscheinlich»: Er chunt allwääg scho no, heisst es weitherum in der Deutschschweiz. Doch auch hier bevorzugen die Berner die reduzierte Form: Är isch äuä scho daa.

(31. Mai 2017, CL)

 

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