Ansteckende Krankheiten: Ettiker, Serbet, Sundersiechtum, Muselsucht – und die Chäferli

Schwulenpest nannten noch vor Kurzem manche Aids politisch ganz unkorrekt. Heute hat die Krankheit, obwohl immer noch nicht heilbar, ihren Schrecken weitgehend eingebüsst, und der eine oder die andere spricht euphemistisch von einem Chäferli, das Angesteckte aufgelesen oder eingefangen haben. Ins Idiotikon haben es weder Schwulenpest noch Chäferli geschafft, weil es die Krankheit noch nicht gab, als die entsprechenden Bände erschienen. Chäferli kann zwar auch jede andere durch Ansteckung erworbene Krankheit bezeichnen, aber anscheinend ist die Benennung jung. Vielleicht handelt es sich um eine Lehnübersetzung aus dem Englischen, wo bug nicht nur für die Wanze und sonstige Insekten steht, sondern auch «Bazillus, Fehler, Defekt» bedeuten kann.

Ansteckenden Krankheiten, ja Seuchen, die weite Teile der Bevölkerung betrafen, war man früher noch viel mehr ausgeliefert als heute. Einigen davon widmen wir uns heute:

Der Ettich, Ettiger, Ettike oder Etterich, mit wissenschaftlichem Namen Tuberkulose, war im 19. Jahrhundert der Inbegriff der Seuche unter städtischen Armen und in manchen Ländern und Altersgruppen die häufigste Todesursache. Bevor Antibiotika zur Behandlung zur Verfügung standen, wurden Betroffene in Sanatorien behandelt, denen Thomas Mann in seinem Davoser «Zauberberg» ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Der Krankheitsname Ettich und ähnlich ist aus dem veralteten wissenschaftlichen Terminus (febra) hectica entstellt, also etwa «hektisches Fieber». Die Auszehrung des Körpers von Tuberkulosekranken, sein Schwinden spiegelt sich in den Namen Schwindsucht und Zehrfieber. Auch die von Paracelsus überlieferte Benennung Verschwiinung bezieht sich auf das langsame Abnehmen der Körperkraft der Erkrankten: verschwiine bedeutet «allmählich schwinden». Dazu gehört auch der Ausdruck den schweinenden Siechtag haben, «die Schwindsucht haben». Allgemeiner ist die Bezeichnung Sërb, Sërbe, Sërbet; sie steht für jede «langwierige, auszehrende Kränklichkeit», insbesondere die «Schwindsucht». Der Krankheitsname ist heute vergessen, ein Verwandter dieses Worts gilt aber heute noch als typisch schweizerdeutsch: sërb(e)le für «kränkeln».

Noch vor der Tuberkulose war der Uussatz, die Lepra, der grosse Schrecken unter den Krankheiten. Sie verschwand schon im 16. Jahrhundert weitgehend aus Europa, aber noch Anfang des 20. Jahrhunderts gab es Fälle in Guttet und Oberems im Wallis. Weder Uussatz noch Lepra waren allerdings gebräuchliche Bezeichnungen für die Krankheit. Man nannte sie stattdessen Sundersiechtum: Siechtum bedeutet schlicht «Krankheit», und sunder bezieht sich darauf, dass die Betroffenen seit dem Mittelalter aus der Gemeinschaft «abgesondert» wurden, um die Ansteckungsgefahr zu reduzieren (auch Uussatz bedeutet «Absonderung»). Auf die Lage der Leprosorien, in denen sie lebten, und deren Finanzierung aus Bodenerträgen verweisen heute noch Flurnamen wie Siechenguot bei Jenins und Siechenmatt bei Murten. Die leprös entstellte Haut, besonders im Gesicht, ist wohl das Motiv des Krankheitsnamens Unreinigkeit. Ein anderer Name für die Krankheit ist das einer romanischen Sprache entlehnte Malazei, Malzii, das nichts anderes als «Krankheit» bedeutet. Auch als Muselsucht war die Lepra bekannt; dieses Lehnwort geht zurück auf lateinisch misellus «elend, aussätzig».

Was diese Krankheitsnamen ausserdem zeigen: Volkstümliche Einteilungen von Krankheitsbildern sind ungenau und entsprechen wissenschaftlich strengen Kategorien nicht. Der Ettich bezeichnet ebenso Durchfall und andere Erkrankungen, die den Körper ebenfalls auszehren. Der grosse Appetit, mit dem man diese Erkrankungen in Verbindung brachte, ist Grundlage der Glarner Redensart du issist, wie wenn d der Ettiker hettist für jemanden, der viel isst. Auch das Zehrfieber steht noch für eine weitere Krankheit, nämlich den Typhus. Und: Wie alles Negative eignen sich auch die Namen schwerer Krankheiten als Fluchwörter. In verhüllender Lautabwandlung wurden so aus der Malzii die groben Verwünschungen Milzifluech und Milzicheib. Bleibt zu hoffen, dass die verschiedenen Welt-Krankheits-Tage zum Abbau der Stigmatisierung von Kranken beitragen und Schwulenpest die letzte derart abwertende Bezeichnung bleibt!

(10. Februar 2017, TF)

 

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