Wenns im Tram nebenan grogget, ghückt, hürchlet, chälzet und würchlet...

… ist es wieder Winter und die Deutschschweiz beim Husten vereint. Zugegeben, heute sagen wir vermutlich alle einfach hueste. Dabei wäre es ganz praktisch, wenn wir in der Arztpraxis ein genaueres Vokabular hätten, um die unterschiedlichen Hustenarten zu benennen. Als da wären:

Der allgemeine, unspezifische Hueste, früher auch Wueste, in Wohlen AG Würchel. In seiner trockenen Form hiess er im Berner Oberland Chnütscher, im Aargau dagegen Gauzer, ein Wort, das zu Gäutsch, Gauz «schriller Schrei» gehört und letztlich lautmalerisch ist. Dazu sagte man in Bern auch ghücke, was wahrscheinlich eine Intensivbildung zu huuche ist. In der Ostschweiz nannte man einen «krampfhaften Husten» einen Hürchel, im Berner Oberland, dem Wallis und dem Prättigau einen «keuchenden Husten» Chirchel, Chürchel. Eine Nebenform zu Chirchel, Chürchel, Hürchel, Würchel ist Chirbel für «geräuschvolles Atmen bei Husten, Heiserkeit, Schnupfen». Sie bezeichnet zugleich auch «das Röcheln von Sterbenden». Allgemeiner ist das Grüüpi, nämlich ein «vorübergehendes oder auch epidemisches Unwohlsein, eine Unpässlichkeit» wie «Husten, Schnupfen». Das Namenmotiv liegt hier darin, dass die Krankheit den Erkrankten niederstreckt, denn gruupe bedeutet «sich niederbeugen». Im Wallis war ein Grogger ein «Husten mit ekelhaftem Auswurf», vielleicht vom französischen croquer «unter den Zähnen krachen». Ein «hartnäckiger Husten» wurde auch Bäcker oder Bäcki genannt, eine Ableitung von Bäck «Hieb, Streich mit einem schneidenden Werkzeug». Und wenn man vor lauter Husten heiser ist, chälzt man, ein Wort, das ebenso für das «Kläffen von Hunden» und für «keifende Menschen» gebraucht wird.

Die Krankheit, die oft mit einem Husten verbunden ist, der Schnupfen, heisst heute recht allgemein Pfnüsel, auch abgewandelt Chnüsel und Gflüsel. Das Wort ist verwandt mit dem Verb niesen und ahmt den Laut beim Niesen nach. Im Simmental galt die Bezeichnung Pfnüsel als städtisch-vornehm gegenüber der bäurischen Schnüderigi, die auf Schnuder in der Bedeutung «Nasenkatarrh» beruht, seinerseits verwandt mit Schnauze, schnaufen, schnauben und schnüffeln. Im Kanton Bern kennt man dafür auch die französische Bezeichnung Rüüme, wogegen in der Stadtberner Gassensprache auch Schnoof gebräuchlich war, im Freiburgischen und westlichen Berndeutschen Nöüsche. In Graubünden und der Ostschweiz hiess es unspezifisch Struuch, Struuch(l)ete für «Katarrh, Grippe, Husten», ein Wort, das zwar schon mittelhochdeutsch belegt, in seiner Herkunft aber ungewiss ist. Als «starker Schnupfen» wurde der Husten in Zürich auch Chrosel genannt, was mit dem chrosenden Geräusch zusammenhängen dürfte, das beim Husten entsteht.

Viele dieser Benennungen imitieren in onomatopoetischer Weise das Geräusch beim Husten – was auch nicht verwundert bei einem Phänomen, das sich für die Umstehenden ja in erster Linie durch oft unangenehme Laute äussert. Noch unangenehmer wird es, wenn der Husten mit Auswurf, also mit Choder verbunden ist. In der Basler Studentensprache wurde dieser Tafaaser genannt: Das ist die unter Einheimischen übliche Bezeichnung für einen Davoser, als «Auswurf beim Husten» dagegen eine Reminiszenz an die Tatsache, dass Davos eben ein berühmter Lungenkurort für Tuberkulosekranke war. Einen Gruss aus Davos möchte darum lieber niemand ausgerichtet bekommen …

(18. Januar 2017, TF)

 

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