Konfitüre – einst und heute

Wirft man einen Blick auf die Karte «die Konfitüre» des Sprachatlasses der deutschen Schweiz, traut man seinen Augen nicht: Während wir heute wohl fast alle Gomfi oder Gumfi sagen, galten noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ganz andere Wörter. In der westlichen und zentralen Deutschschweiz dominierte immerhin schon «halbmodernes» Gomiftüüre, Gumfitüüre, ansonsten aber brauchte man heute so merkwürdig anmutende Wörter wie Iigmach(e)ts oder Iigchochets (Baselbiet, Nordaargau, Schaffhausen, Weinland, Thurgau), Moscht (Region Basel), Mues (westliches Berner Oberland), Gschlaargg (östliches Berner Oberland), Saft (Emmental, Oberaargau, Glarus, Region Chur/Sarganserland), Sirup (Schwyz, Zug, Freiamt), Saasse (westliches Bernbiet), Gsäälz (Schaffhausen), Latwä(ä)ri (Thurgau, westliches St. Gallen, Appenzell) und Hunng oder Hung (Zürich, Appenzell, St. Galler Rheintal, Graubünden).

Warum dieser Wortwandel? Zum einen ist das neue Wort über die im Handel erhältliche, industriell hergestellte Konfitüre in die Alltagssprache eingedrungen. Zum andern aber war das vor hundert Jahren in der ländlichen Schweiz hergestellte Produkt mit dem gegenwärtigen gar nicht identisch. Heute konserviert man das Fruchtmus mittels der Beigabe von viel Kristallzucker, füllt es heiss in Gläser ab und verschliesst diese luftdicht. Früher aber wurden die Früchte so lange eingekocht, bis ein Grossteil des Wassers verdunstet war, und konservierte dadurch das Mus im eigenen Fruchtzucker. Dieses füllte man in Steinguttöpfe ab und schützte es anschliessend mit einer Schicht Schnaps oder Paraffin vor Schimmel.

Schauen wir uns die einzelnen Begriffe näher an. Iigchochets und Iigmach(e)ts bringen die alte Herstellung noch direkt zum Ausdruck. Auch Gomfitüüre, Gumfitüüre oder eben modern Gomfi, Gumfi meint eigentlich nichts anderes: Die ursprüngliche Bedeutung von französisch confiture – eine Ableitung zu altfranzösisch confire «einlegen, einmachen» – war ebenfalls «Eingemachtes». Vielleicht gehört auch s Moscht (jawohl, mit sächlichem Geschlecht!) in diese Gruppe – im 18. Jahrhundert verstanden die Basler darunter jedenfalls noch «gesottene Äpfel und Birnen».

Mues und Gschlaargg sprechen für sich: Ersteres ist einfach «Mus», letzteres eine «breiige, klebrige Masse». Saft und Sirup beziehen sich dagegen auf den durch Kochen eingedickten Fruchtsaft. Das Gleiche gilt für das am Westrand der Deutschschweiz bekannte Saasse, das dem frankoprovenzalischen Wort für französisch sauce entspricht – und das am Nordrand der Deutschschweiz sein alemannisches Pendant Gsäälz hat. Wie man von der Ursprungsbedeutung «gesalzene Brühe» zur Bezeichnung eingekochter Früchte kommt, bleibe dahingestellt... Auch Lätwä(ä)ri (vergleiche hochdeutsch «Latwerge») ist ein Wort für Dicksaft. Es stammt von lateinisch ēlect(u)ārium «Heilsaft» – Latwerge wurde früher als Medizin eingenommen.

Hunng oder Hung ist eigentlich «Honig» – der Begriff für diese süsse Masse wurde einfach auf das süsse Fruchtmus übertragen. Wollte man klarmachen, dass man Bienenhonig meinte, verdeutlichte man diesen mittels des Dialektworts für «Biene» zu Byli-, Beieli-, Imbeli- oder Immihunng.

Und woher kommt eigentlich die bundesdeutsche und österreichische Marmelade? Aus dem Portugiesischen, wo marmelada «Quittenmus» bedeutet – eine Ableitung von marmelo «Honigapfel, Quitte».

(26. Oktober 2016, CL)

 

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