Waggis

Der Waggis ist eine der beliebtesten Figuren an der Basler Fasnacht. Er stellt dort, ausgestattet mit einer übergrossen Nase, einen elsässischen Taglöhner in der Werktagstracht eines Gemüsebauern dar. Woher das Wort kommt, ist allerdings umstritten.

Alte Quellen fehlen; erstmals schriftlich belegt findet sich der Waggis im Jahre 1870 in der Schweizer Zeitschrift «Gwunderchratte». Das Wort kommt in den Varianten Waggis, Wagges, Wackes und ähnlich aber in weiten Teilen des deutschen Sprachgebietes vor – in der Nordwestschweiz, im Elsass, in Lothringen, Luxemburg, Saarland, Rheinland-Pfalz, Hessen, Baden-Württemberg, Teilen Bayerns, Thüringen und Südostsachsen. Als Bedeutungen geben die Wörterbücher zumeist liederlicher Mensch, Grobian, Rüppel, Nichtsnutz, Taugenichts, Herumtreiber, Lümmel, Strolch und Ähnliches an; weitere, nur regional vorkommende Bedeutungen sind kleines oder dickes Kind, (untersetzter) kräftiger Kerl, plumper Mann, Bahnarbeiter oder Saarschiffer, und last but not least kommt bzw. kam der Begriff verbreitet als Schimpfwort für die Elsässer und Lothringer vor.

Für die Herkunft des Wortes gibt es zwei Haupterklärungen, die beide von Baslern initiiert worden sind. Der Basellandschäftler Sekundarlehrer Gustav Adolf Seiler führte in seinem Basler Mundartwörterbuch von 1879 Waggis auf lateinisch vagus «Landstreicher» zurück, eine Erklärung, die von anderen Wörterbüchern aufgegriffen wurde und geradezu höchste Weihen erhielt, als sie um 1960 herum von Walther Mitzka in seine Bearbeitungen von Kluges «Etymologischem Wörterbuch der deutschen Sprache» aufgenommen wurde. Die andere Erklärung sprach erstmals 1902 der baselstädtische Volkskundler Eduard Hoffmann-Krayer an, und weiter ausgeführt wurde sie 1963/4 vom Freiburger Germanisten Otmar Werner. Hiernach liegt Waggis, Wackes das schriftdeutsch zwar ausgestorbene, dialektal aber da und dort noch lebendige wagge(n), wacke(n) «sich hin und her bewegen, wackeln, schwanken» zugrunde.

Die zweite Erklärung hat doch sehr viel für sich. Ein Waggis, Wackes im Sinne von «Tunichtgut, Lümmel, Rüppel» ist demzufolge jemand, der «umherwackt», also umherzieht bzw. herumlungert, statt einer anständigen Arbeit nachzugehen. Und der Wackes in der Bedeutung «dicker Mensch» oder «kleines Kind» ist jemand, der herumwackelt. Dass die Deutschen ihre 1870/71 gewonnenen linksrheinischen Mitbürger als Wackes bezeichneten, wirft also kein gutes Licht auf das deutsch-elsässische Verhältnis...

Die Endung ‑is, ‑es schliesslich ist in den deutschen Dialekt recht üblich, um einen Menschen negativ zu charakterisieren. Weitere Beispiele aus dem schweizerdeutschen Wortschaftz sind Bhau(p)tis «Rechthaber», Binggis  «Knirps», Chnolpis, Chnülfis «ungestalteter Bursche», Chnuupis «dicker, grober Kerl», Chnürbis, Chrübis «Knirps», Gääggis «Zauderer», Gäuggis «Geck», Ginggis «Knirps», Gnigis, Griggis «Schwächling», Gumpis «kleines Kind», Hosebumpis «Kleinkind», Malööggis «unreinlicher Mensch», Naaggis «Narr», Pfunggis «dicker Mensch», Poris «Knirps», Schminggis «Taugenichts», Schmulfis «Dickkopf», Spägis «magerer Mensch», Spinggis «Pedant», Suurrääbis «Sauertopf» und Tampis «plumper Mensch». Hübsch farbig-kräftige Wörter, nicht wahr?

(30. März 2015, CL)

 

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