Wortgeschichten

Us hinech wird nächti, us hüür wird fäärn

Illustration von Tizian Merletti

«Geschter bini z Luzärn gsi, hüt gooni uf Bärn und morn bini z Lausanne», spricht eine ältere Zugreisende ins Telefon. «Nei, nei, hinech bini am haubi achti deheime, es het mer scho nächti uf Tagesschou heiglängt», geht es weiter. «Friburg? Dört bini färn gsi, hüür wotti öppis Nöis gseh», erzählt sie weiter. Die umtriebige Rentnerin muss ein GA besitzen.

Geschter, hüt, morn, hinech, nächti, färn und hüür. Mit diesen Adverbien strukturiert die Zugfahrerin die zeitliche Abfolge ihrer Reisetätigkeit für ihr Gegenüber und gibt Antwort auf die explizite oder implizite Frage: Wann? Die genannten Adverbien bezeichnen einen (mehr oder weniger) bestimmten Zeitpunkt respektive Zeitabschnitt im Leben der Zugfahrerin, ausgehend vom Moment des Telefongesprächs. Und um diese Zeitadverbien geht es in der Wortgeschichte.

Während geschter dem hochdeutschen gestern entspricht, lässt sich über die Mundartausdrücke morn und hüt Spannenderes erzählen. Das Nomen Morgen 'der Morgen' und das Adverb morgen 'am folgenden Tag' sind nämlich das gleiche Wort. Im Hochdeutschen ist dies – anders als im Schweizerdeutschen – noch immer deutlich zu sehen. Das Adverb war ursprünglich eine Dativform, ahd. morgane, mhd. morgene, mit der Bedeutung 'am Morgen = am folgenden Tag'. Dieses häufig gebrauchte und inhaltlich eigenständige Wort kam schon im Mittelhochdeutschen gekürzt als morne vor, und in dieser gekürzten Form kennt man es im Schweizerdeutschen. Das Wort hüt, ahd. hiutu, mhd. hiute, wiederum besteht eigentlich aus zwei Wörtern, die zusammengewachsen sind: Zugrunde liegt hiu tagu, was so viel bedeutet wie 'an diesem Tag'. Sowohl hüt als auch morn bezogen sich ursprünglich nur auf einen bestimmten Abschnitt des Tages, nämlich morn auf den Morgen des folgenden Tages und hüt auf die Lichtzeit des aktuellen Tages. Im Verlaufe der Jahrhunderte hat sich die Bedeutung auf den grösseren Abschnitt, nämlich die 24 Stunden eines Volltages ausgedehnt.

Mit hüt meinte man also ursprünglich 'zur Lichtzeit dieses Tages'. Und wie brachte man zum Ausdruck, dass ein Ereignis 'zur Nachtzeit dieses Tages' stattfinden werde? Auch dafür gab bzw. gibt es eine eigenständige Bezeichnung: hinecht oder hinech. Dieser Ausdruck ist nach dem gleichen Muster gebildet wie hüt: Die beiden Wörter hia nacht 'in dieser Nacht' sind zusammengewachsen, was sich noch recht deutlich erkennen lässt. Hinech(t) bezeichnet im Schweizerdeutschen meist die kommende Nacht, bedeutet also 'heute Nacht'. Das Schweizerische Idiotikon zeigt allerdings auf, dass mit hinech(t) auch die vergangene Nacht, also 'gestern Nacht', bezeichnet werden kann, so in den nördlichen Kantonen der Deutschschweiz. In den meisten Regionen wird die vergangene Nacht aber mit nächti bezeichnet. Wie bei morn handelt es sich beim Adverb nächti um eine ursprüngliche Dativform des Nomens Nacht, die also 'in der Nacht' bedeutet. In Gebieten, wo hinech(t) die vergangene Nacht bezeichnet, bezeichnet nächti die vorletzte Nacht.

Nach demselben Muster wie hüt und hinech(t) ist ein weiteres Wort gebildet, das auf einen deutlich grösseren Zeitabschnitt Bezug nimmt: hüür, ahd. hiuro, mhd. hiure, bedeutet 'in diesem Jahr' und ist zusammengewachsen aus den beiden Wörtern hiu jaru 'in diesem Jahr'. Auch für den Blick zurück auf einen grösseren Zeitabschnitt gibt es ein eigenständiges Wort: färn, was 'vor einem Jahr, letztes Jahr' bedeutet und im Mittelhochdeutschen als verne 'vorjährig' erscheint. Es ist wohl zu fern 'fern' zu stellen. Die beiden Zeitbegriffe hüür und färn treten vor allem in frühneuhochdeutscher Zeit oft zusammen als Formel auf: hüür und fäärn oder hüür als färn bedeutet 'immer'.

Überblickt man das soeben vorgestellte Inventar an Zeitadverbien, fällt einem auf, dass spezifische eigenständige Wörter, die einen Tagesabschnitt bezeichnen, in der Mundart nur in Bezug auf die Nacht vorkommen (hinech, nächti). Will man den Tag bezeichnen, muss man auf Formulierungen wie hüt de Tag düre, hüt am Morge etc. zurückgreifen. Dies mag damit zusammenhängen, dass in der früheren Zeitrechnung die Nacht zur Grundlage gemacht wurde, nicht der Tag. Das zeigt sich beispielsweise darin, dass in altdeutschen Gesetzen und Urkunden nach Nächten und nicht nach Tagen gemessen wird. Auffällig ist auch, dass die Auswahl an eigenständigen Wörtern für die Vergangenheit (geschter, färn, nächti) und den Jetztzeitpunkt (hüt, hinech, hüür) ausgeprägt ist, weniger aber für die Zukunft (morn). Wieso dies so ist? Man darf spekulieren.

Dass die umtriebige Zugfahrerin über ein so grosses Inventar an Zeitadverbien verfügt, verdankt sie wesentlich einem Faktor: ihrem Alter. Bei jungen Sprechern sind die Ausdrücke hinech(t), nächti, hüür, färn kaum mehr geläufig. Anstelle von spezifischen Einzelwörtern treten entsprechende Formulierungen wie hüt z Nacht, geschter z Nacht oder daas Johr, letschts Johr o. Ä. So wird zwar im natürlichen Lauf der Zeit aus hinech nächti und aus hüür färn, wie der Titel dieser Wortgeschichte zeigt; der Sprachrealität entspricht dies aber nicht mehr.

Schorsch Ggaggo
Grüezi

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