Illustration: Tizian Merletti

Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte – lässt aber auch die Motoren wieder knattern über die Pässe. Die Temperaturen steigen, es ist länger hell, das lockt die Töfffahrer auf die inzwischen wieder schneefreien Strassen. Der Motor geölt, der Tank gefüllt, das Chrom poliert, es ruft die grosse Freiheit. Doch aufgepasst: Brumm, quietsch, peng, klirr – schnell ist es passiert, und das Knattern erstickt in ächz, stöhn, heul.

Was wie die Begleitgeräusche eines Comics aus Entenhausen klingt, nennt man «Inflektiv», den auf den reinen Verbalstamm reduzierten Torso eines Verbs, oft als etwas saloppes Stilmittel zum Ausdruck von Lautäusserungen verwendet. Diese ungemein praktischen, kurzen Schallwörter kennt man seit Wilhelm Buschs Max und Moritz, populär wurden sie durch Micky Maus bzw. Erika Fuchs, die die bekannten Comics ins Deutsche übersetzte und zahlreiche derartiger Bildungen prägte (daher der scherzhafte Terminus «Erikativ»).

Älter noch und ebenfalls verbreitet sind ganz vergleichbare substantivische Verwendungsweisen solcher Schallwörter, und zu ihnen gehört auch das schweizerdeutsche Wort Töff. Es ahmt natürlich das Auspuffgeräusch eines Verbrennungsmotors nach, und es demonstriert damit ganz eindrücklich, wie Wörter (und vielleicht Sprache überhaupt) entstehen: Hat ein «Ding» noch keinen allgemein etablierten Namen, bekommt es einen, und zwar den unmittelbar passendsten. So wie das «Ding» «macht», so soll es auch heissen. Und so hat im frühen 20. Jahrhundert mit dem Aufkommen der ersten Motorräder das Motorengeräusch jenen den Namen verschafft. Es ist nicht auszuschliessen, dass vielleicht Kinder für diese Wortbildung verantwortlich sind, denn das schweizerdeutsche wie das bundesdeutsche Wort Töfftöff mit der Bedeutung ‘Automobil’ wird allgemein der Kindersprache zugeordnet.

Jedenfalls: Galt das Wort Töff, wie man im Schweizerischen Idiotikon nachlesen kann, zunächst noch als «burschikos», hat es sich doch erstaunlich schnell zum ganz allgemeinen und einzigen Begriff für das Motorrad gemausert, und zwar nicht nur in der Mundart oder in der saloppen Umgangssprache, sondern zunehmend auch im Schweizerhochdeutschen, der in der Schweiz gebräuchlichen Variante der Standardsprache. Dabei verbirgt es anfangs seine sprachliche Verwandtschaft mit dem Motorrad noch gar nicht, sondern übernimmt dessen neutrales Genus; so wird das Wort Töff im entsprechenden Idiotikonartikel (gedruckt 1955)  ausschliesslich als Neutrum angegeben, und so wird es (selbst im Schweizerhochdeutschen) auch noch mindestens bis in die 70er-Jahre verwendet. Heute ist – laut Duden, laut Variantenwörterbuch und laut Sprachgefühl – nur noch die maskuline Form möglich. Es scheint, als hätte sich das Wort ganz von seinem hochdeutschen Pendant emanzipiert. Und mit der Emanzipation kamen auch allerhand ganz unmarkierte Komposita: Die Töfffahrerin trägt nämlich in der Töffsaison auf der Töfftour selbstverständlich eine Töffjacke und einen Töffhelm, um einen schlimmen Töffunfall zu vermeiden.

Nicht vergessen darf man an dieser Stelle die Verkleinerungsform Töffli. Sie ist, wie der Schweizer weiss, nicht etwa eine Verniedlichung, sondern bedeutet einfach nüchtern ‘Moped, Mofa’. Und die halbwüchsigen jungen Menschen, die an diesen Gefährten herumhantieren (oder sie gar frisieren), heissen Töfflibuebe.

PS: Auch für das schweizerische Auto gibt es ein solches Wort: den Chlapf. Fehlzündungen im Auspuffrohr (statt im Zylinder) hatten in älteren Motoren häufig einen Knall zur Folge – eben einen Chlapf – und daher ist ein etwas heruntergekommenes Auto heute eben gleich als Ganzes ein Chlapf.

 

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