Illustration: Tizian Merletti

Jahreswechsel! Letzte Gelegenheit, im alten Jahr doch noch einmal unter den Ersten zu sein! Erste Chance, im neuen zu spät zu kommen! Der Jahreswechsel als Ende und Neuanfang war früher mit verschiedenen Spielereien verbunden, die heute vermutlich mehrheitlich vergessen sind. Wer am 31. Dezember (je nach Region am 1. Januar) zuerst aufstand und in der Stube erschien, war der Stubefuchs oder Stubehund und galt als besonders zuverlässig. Diese Person durfte das ganze Jahr regieren, sagte man. Kein Wunder, dass die Kinder sich einen Wettstreit um diese Ehre lieferten und sich freuten, wenn der Vater derjenige war, der am längsten schlief und zuletzt aufstand. Diese Person wurde nämlich verspottet, zum Beispiel als Silvester, im Zürcher Unterland als Bettnetzer. Teilweise wurde dieser Faulpelz auch symbolisch bestraft: Im Freiamt wurden dem Neujohrchälbli Heu und eine Schüssel Milch ans Bett gebracht, in Stammheim musste das letzte Kind, das beim Schulsilvester auftauchte, eine Kerze bezahlen, die dann abgebrannt wurde. In Zug gab es dagegen einen Eierweggen zum Trost, in Eschlikon einen Schnaps.

Wie prägend das Bewusstsein war, etwas zum letzten Mal im alten Jahr, zum ersten Mal im neuen Jahr zu tun, zeigen auch weitere Benennungen für Personen, die etwas als Erste oder Letzte tun, ohne dass damit ein Wettstreit verbunden gewesen wäre: Der Ofebrueter sass am Morgen des 31. Dezember zuerst am warmen Ofen, die Ofechatz am 1. Januar. Niemand schaute am 1. Januar früher als der Feischtergüggel aus dem Fenster. Aber welche Falle der Fällelilupfer am frühen Neujahrstag als Erster hob, teilt das Schweizerische Idiotikon leider nicht mit.

Warum kommen in diesen Bezeichnungen so viele Tiere vor? Tiernamen für Menschen, denen man ein bestimmtes Verhalten unterstellt, sind ja ohnehin weit verbreitet und drücken oft Spott aus (dumme Kuh, blöder Aff). Bei der Ofechatz mag mitspielen, dass Katzen bekanntlich gern am warmen Ofen liegen. Das Neujohrchälbli spielt wohl auf die sprichwörtliche Unreife und Unbeholfenheit von Kälbern an. Der Fuchs schliesslich gilt als klug und listig, was dem Stubefuchs helfen mag, seinen Vorsatz, als Erster aufzustehen, umzusetzen. Und der Feischtergüggel ist vielleicht ursprünglich gar kein Tier, sondern jemand, der aus dem Fenster gugget, also hinausschaut.

Ein frohes Jahr wünscht das Schweizerische Idiotikon allen Freundinnen und Freunden!

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