Wortgeschichten

Si isch sich nid z verrichta koo

Illustration von Tizian Merletti

Wenn Isabelle mit Nicole und Madlaina fürs Kino abgemacht hat, am Treffpunkt aber nur Madlaina antrifft und diese fragt, wo denn Nicole bleibe, so antwortet Madlaina vielleicht: «Si isch sich nid z verrichta koo» – und Isabelle, sofern sie keine Bündnerin ist, wird nur Bahnhof verstehen. Die Redewendung sich nid z verrichta koo, eigentlich eher eine feste Wortverbindung, besteht zwar aus lauter Wörtern, die jedes Kind versteht, aber in der Kombination löst sie Unverständnis aus. Ausser in Graubünden, wo sie heute noch gang und gäb ist. Das Schweizerische Idiotikon führt sie 1905 beim Verb verrichte für den Rheintaler Dialekt von Maienfeld an und gibt als Bedeutung «sich nicht zu helfen wissen». Als Beispielsatz bringt es aus dem Walserdialekt von Davos Iez warte wer afa ghand en halbi Stund, und Chindschi verzüht noch albig; er chund schi gwüss nid z verrichte «kommt gewiss nicht dazu, sich fertig zu machen». In seinem neueren Herrschäftler Mundart-Wörterbuch von 1999 definiert Hans-Peter Gansner die Wortverbindung mit «unbeweglich, unbeholfen sein», und im Davoserdeutschen Wörterbuch von Martin Schmid und Gaudenz Issler von 1982 steht als Beispiel D Nepööti gchund schi nid z verrichte z gaa «Meine Nichte kann sich nicht anschicken zu gehen», im Rheinwalder Mundartwörterbuch von Christian und Tilly Lorez-Brunold von 1987 Der Chrischta het welle verreise, aber er ischt schi nit z verrichte gcho «Christian wollte verreisen, aber es gelang ihm nicht, sich zu rüsten». Sich nid z verrichta koo meint also etwa «sich zu etwas nicht recht entschliessen können» bzw. «einen Plan, eine Absicht nicht umsetzen, weil man vorher noch anderes erledigen muss» oder noch eher «etwas nicht in Angriff nehmen, weil man sich selbst gegenüber vermeintliche Hinderungsgründe vorbringt», und wenn man von jemandem sagt, är keemi sich nid z verrichta, so hat das meist auch einen etwas tadelnden Unterton.

Und woher kommt diese sehr spezifische Bedeutung? Sie ist eine Verknüpfung zweier ihrerseits besonderer Wortverwendungen. Einerseits wird das Verb verrichte in der ohnehin veralteten Bedeutung «bereit, fertig machen, rüsten» nur in Graubünden auch reflexiv gebraucht, also sich verrichta «sich rüsten, fertig machen; sich entschliessen» (Idiotikon VI 430, Bedeutungsziffer 8b). Aus einer Churer Wörtersammlung von Wolfgang Killias (1794–1868) zitiert das Idiotikon etwa I kann mi nit verrichta z schriiba.

Andererseits wird das Verb choo, koo «kommen» bzw. seine präfigierte Form gchoo (vgl. die Beispielsätze aus den Walserdialekten – in den Dialekten mit dem typischen k- statt ch- ist der Unterschied lautlich nicht feststellbar) teilweise auch zusammen mit zu und einem Infinitiv verwendet, und zwar ebenfalls insbesondere, wenn auch nicht nur in Graubünden (Idiotikon III 269, Bedeutungsziffer II 2 2) a γ; III 280, Bedeutungsziffer 3 mit Verweis auf II 49, Bedeutungsziffer II C 5 h): Mer kumend das Emt nit z heimscha, vom Idiotikon ohne Bedeutungsangabe gedruckt, heisst wohl «wir schaffen es nicht, dieses Emd (rechtzeitig) heimzuführen», und aus Davos ist ds Bluet z gstella choo überliefert, «das Blut stillen», und zwar resultativ im Sinn von «damit zu Stande kommen, vermögen es auszurichten». Entsprechend kann man in Graubünden etwa klagen «Das kum i nid au no z macha!», also «Das kann ich nicht auch noch erledigen, das schaffe ich nicht auch noch!»

Sich nid z verrichta koo erklärt sich damit als Kombination von zu + Infinitiv + (ge)kommen, etwa z macha koo «zustande bringen», und reflexivem sich verrichta «sich rüsten, sich entschliessen» – Si isch sich nid z verrichta koo «sie konnte sich nicht entschliessen, mitzukommen» ist als Wortverbindung so prägnant und eindeutig, dass Bündnerinnen und Bündner Schwierigkeiten haben, ihre Bedeutung zu erklären, wenn sie damit auf Unverständnis stossen.

 

Heimweh
Kanton

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