Wortgeschichten

Schorsch Ggaggo

Illustration von Tizian Merletti

Ein Schorsch Ggaggo ist ein Ewigdummer, ein Sündenbock, ein Verlierer, der für andere den Kopf hinhält – «Ig ha lang gnue der Schorsch Ggaggo gspilt!», ruft also aus, wer sich nicht mehr alles bieten lassen will, wessen Gutmütigkeit überstrapaziert wurde. Aber kann man das heute überhaupt noch sagen oder ist der Schorsch Ggaggo eigentlich dasselbe wie der Neger im Umzug, nämlich der Dumme als rassistisches Zerrbild eines Schwarzafrikaners?

Das könnte man vermuten, denn der heute wohl bekannteste Schorsch Ggaggo reist im Kasperlitheater auf der Suche nach Schokolade nach Afrika zum Negerkönig Krambambuli und zum schnusigen Negermeiteli Susu. Die Assoziation verbindet natürlich die braune Farbe von Schokolade mit der dunklen Hautfarbe. Zweifellos ist diese Geschichte von 1970 mit ihrem klischierten Afrikabild aus heutiger Sicht in Sachen politischer Korrektheit unbedarft, ja rassistisch. Was man aber in der Erinnerung an die eigene Kindheit mit den Kasperlitheatern leicht durcheinanderbringt: Der Reisende, Schorsch Gaggo, ist gar kein Schwarzer, sondern ein bleichgesichtiger Schweizer Einfaltspinsel. Und erfunden hat der Autor Jörg Schneider weder die Figur noch ihren Namen.

Erstmals fassbar wird Schorsch Gaggo mit einer Basler Fasnachtszeitung, die 1948 bis 1976 unter diesem Namen erschien, möglicherweise in Anspielung darauf, dass Kakao um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ein beliebtes Stärkungsmittel am Morgestraich war. Vielleicht spielt auch schon eine jüngere Bedeutung von Kakao hinein, die sich in Redensarten wie im Ggaggo usse «abgeschieden, in der Unwirtlichkeit», dur de Ggaggo zie «schlecht machen, zum Narren halten», im Ggaggo laa «im Stich lassen», merci Ggaggo «nein danke» zeigt. Schorsch hingegen, natürlich der französische Georges, ist ebenso wie Schang (Jean) eine Bezeichnung für einen «Burschen, Kerl», vor allem, wenn er etwas unbeholfen, ungeschickt, gutmütig beschränkt ist. Beliebte Taufnamen nehmen gern solche abwertenden Bedeutungen an.

Was aber verbindet den Namen einer Fasnachtszeitung mit einer weit verbreiteten Bezeichnung für Verlierertypen? Die verfügbaren Belege für die allgemeine Wortverwendung setzen 1950 mit dem Ausruf «I bi der Schorsch Cacao» in Friedrich Schwabs Einakter «Brutwärbig» ein. 1951 erschien dann «Fliegerfunker Schorsch» von Waldemar Schlittler und Karl Schwarz. Die Hauptfigur Paul Locher wünscht sich nichts sehnlicher, als Fliegersoldat zu werden. Leider stellt er sich in der Rekrutenschule tollpatschig an, und als er wieder einmal nicht in Reih und Glied steht, herrscht ihn ein Leutnant an: «Was für ein Schorsch Gaggo ist das auch wieder?» – ein Name, der an ihm haften bleibt. Dieses damals wohl ziemlich bekannte, heute in Vergessenheit geratene Buch dürfte das Vorbild aller späteren Schorsch Ggaggo gewesen sein und auch den Afrikareisenden im Kasperlitheater inspiriert haben, womit sich die Assoziation von Kakao, dunkler Hautfarbe und Dummheit als sekundär erweist. Noch 1980 werden im «Beobachter» Velofahrer, die ein Ärgernis darstellen, als Schorschgaggo bezeichnet. Den Karrieresprung von der literarischen Figur in den allgemeinen Wortschatz aber teilt sich Schorsch Ggaggo mit dem schweizerdeutschen Bünzli «Spiessbürger», dessen Ursprung in der Figur von Züs Bünzlin in Gottfried Kellers Novelle «Die drei gerechten Kammacher» von 1856 liegt.

Us hinech wird nächti, us hüür wird fäärn

Ähnliche Beiträge

Nach oben