Wortgeschichten

Näbel, Ribel, Säbeli und Züribaabi

Illustration: Tizian Merletti

Redaktion und Mitarbeitende des Schweizerischen Idiotikons hoffen, dass alle Freundinnen und Freunde des Wörterbuchs das neue Jahr gut angefangen haben! Bei der einen oder dem andern könnte bei den vergangenen Festtagen vielleicht ein Gläschen zu viel der Feierfreude dabei gewesen sein. Hoffen wir, dass es beim Näbel geblieben ist, wie der «leichte Rausch» manchenorts auch genannt wird, wohl weil er den Geist vernebelt. Bei Gotthelf heisst es: «Man hat Beispiele, dass Menschen, welche viel essen und regelmässig des Abends mit einem kleinen Nebel zu Bette gehen, dessen ungeachtet sehr rührig sind, wenig Schlaf bedürfen, wenn sie auch des Abends die Allerletzten zu Bette gegangen, dennoch des Morgens wieder wecken und die ersten auf den Beinen und den ganzen Tag an allen Orten sind, als ob sie Flügel hätten.»

Ja, die Schweizerinnen und Schweizer sind ein trinkfreudiges Volk. Wir wollen den Alkoholgenuss nicht verharmlosen; wie verbreitet das Rauschtrinken aber war und ist, zeigt sich an den vielen Namen der Trunkenheit. Die Benennungsmotive reichen von humoristisch über verharmlosend bis verhüllend. Besonders viele Bezeichnungen sind übrigens vom Lindenberg zwischen See- und Reusstal überliefert, was nicht heisst, dass dort ein besonders trinkfester (oder eben nicht) Menschenschlag zuhause sei; es ist wohl eher der Effekt eines fleissigen, wenn auch anonymen Sammlers entsprechender Benennungen.

Aus St. Gallen ist der Euphemismus illuminiert für «betrunken» überliefert, wörtlich «erleuchtet». Der ehemalige Maienfelder Pfarrer Emil Marty teilte 1905 mit, dort heisse ein «Rausch in gemütlichem Stadium» [!] Ribel. Das Schweizerische Idiotikon hält das für eine Übertragung des gleichen Worts in der Bedeutung «am Hinterkopf kreisförmig aufgewundene Haare» – weil es einem im Zustand der Trunkenheit im Kopf dreht?

Dass der «leichte Rausch» in Schwyz Kapuziinerli genannt wird, andernorts auch Jesuitli, stammt angeblich vom «Biercomment der Studenten, wo die verschiedenen Grade von Biercapacität [der Angehörigen von Verbindungen] nach den Graden der Hierarchie benannt werden». Vielleicht spielt aber die Übertragung auch nur darauf an, dass katholische Geistliche im Gegensatz zum einfachen Kirchenvolk im Gottesdienst Messwein trinken?

Die Wirkung des Alkohols thematisiert die an verschiedenen Orten bekannte Bezeichnung Schwätzer für einen «leichten Rausch, der sich in ungewohnter Beredsamkeit äussert». Sie äussert sich auch im Zungetatterich, wie in Basel die «schwache Lähmung der Zunge im Zustand der Trunkenheit» heisst. In Glarus, im Gasterland und in Ausserschwyz wird der Rausch dagegen der Heer genannt, weil der Alkohol den Berauschten beherrscht.

Ein «leichter Rausch» mag angenehm sein, kippt aber rasch ins Schmerzhafte. In Engelberg wird er dann Säbeli genannt, weil er «sticht wie ein Säbel». Und der Brand ist eine «Entzündung», aber eben auch ein «starker Rausch» – wobei man selbst das noch scherzhaft ausdrücken kann, zum Beispiel mit der Zürcher Redensart Der Herr Brändeli ischt zue-n-em choo «er ist angetrunken».

Tut es richtig weh, wird auch einmal geflucht. Manchenorts wird der «Rausch» dann als Chätzer betitelt, eigentlich «Häretiker». Am Lindenberg nennt man ihn auch Kanalie, eigentlich ein «rohes Schimpfwort auf eine liederliche oder böse, streitsüchtige Weibsperson», in Graubünden dagegen Häx.

Personalisiert (und damit vielleicht zumindest terminologisch auch entschärft) wird der «starke Rausch» in Amden unter dem Namen Ferdi – vermutlich ursprünglich nicht vom Vornamen abgeleitet, sondern von Fert «Fuhre, Ladung». Und wenn die Vermutung des Idiotikons zutrifft, heisst der «Rausch» in Sempach Züribaabi, weil man ihn vom Markt in Zürich mitbringt.

Das Schweizerische Idiotikon wünscht allen Befreundeten, dass 2020 holops angefangen habe und auch weiterhin so verlaufen möge, nämlich «munter, lustig, hüpfend, ohne Mühe». Und wenn dabei der eine oder andere Holops resultiert, sind wir froh, dass damit in Luzern lediglich ein «leichter Rausch» bezeichnet wird.

Galangger, Venediger und andere Zigüüner
Herr Füegli und Miss Right

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