Wortgeschichten

Prost!

Illustration: Tizian Merletti

Ob mit Proscht!, Prosit!, Viva!, Cin cin!, zum Wool!, Gsundheit! oder nur mit einem tiefen Blick in die Augen des Gegenübers: Zugetrunken wird in unsern Breitengraden oft und auf unterschiedliche Arten. Wer mit prosit anstösst, wählt einen lateinischen Klassiker, der von proesse kommt und wörtlich «es möge nützlich sein» bedeutet, also in etwa dasselbe wie zum Wool und Gsundheit. Hierzulande wurde er einst von Studierenden eingeführt: Nur sie konnten und können im Allgemeinen Lateinisch. Längst hat er sich aber von seiner bildungsbürgerlichen Herkunft emanzipiert und ist in der verkürzten Form proscht umgangssprachlich geworden.

Der Zuruf Viva! dagegen bedeutet in etwa «lebe hoch» und stammt vermutlich aus dem Rätoromanischen. Das Wort wird vom Schweizerischen Idiotikon schon 1883 für Graubünden bezeugt, allerdings nur als «Begrüssung eines Niesenden». Heute werden in Deutschbünden viva und Gsundheit gleichermassen verwendet, beim Niesen ebenso wie beim Zutrinken: Gute Gesundheit ist ja nie verkehrt.

Geradezu abenteuerlich ist die Entstehungsgeschichte von Cin cin! Wer wie der Schreibende glaubte, es handle sich dabei um einen Anglizismus, liegt nur halb richtig. Am Anfang steht das chinesische Wort qing, das ebenfalls etwa «Gesundheit wünschen» bedeutet. In einer Gegend, wo auslautendes -ng im Chinesischen als -n ausgesprochen wird (wie in der Hafenstadt Schanghai), wurde es laut Wiktionary im Kontakt mit Fremdsprachigen zu chin oder verdoppelt chin chin. Mit dem Seehandel kam es nach England, wo es gemäss Oxford English Dictionary 1795 erstmals nachweisbar ist. Von dort gelangte es weiter nach Italien, vielleicht schon vermittelt durch eine Operette namens La Geisha (wahrscheinlich jene von Sidney Jones), sicher aber kurz darauf im Ersten Weltkrieg durch Marinekontakte. Irgendwann wurde chin chin dann als das Geräusch beim Zusammenstossen zweier Gläser interpretiert, so der Dizionario Etimologico della Lingua Italiana, und in der italienischen Schreibweise cin cin in den angelsächsischen Sprachraum zurückentlehnt. Richtig populär soll der Spruch aber auch in Italien erst in den 1960er-Jahren geworden sein, und zwar durch eine Werbung, in der die Sängerin Rita Pavoni cin cin c'innamoriamo singt, eine Wortspielerei, die sich etwa als «wi wi wir haben uns verliebt» übersetzen lässt. Und wofür warb dieser Spot? Für den Wermut Cinzano; in cin cin klingt also mindestens so sehr wie ein chinesisches Wort und das Geräusch aneinanderstossender Gläser auch der Name einer italienischen Spirituose an. Und dank der Liebe mancher Schweizerinnen und Schweizer zu Italien, zu italienischen Getränken und Liedern schaffte es cin cin endlich auch in die Schweiz, wo es wenig Hochseeschifffahrt und keine Marine gibt.

Völlig vergessen gegangen sind einige Trinkformeln, die das Schweizerische Idiotikon für das 19. Jahrhundert noch für weite Teile der Deutschschweiz belegt: I büüt ders!, I bringen echs!, auch I bring der eis! oder Tue mer Bscheid! Weil sich die Gebräuche beim Zutrinken seither gewandelt haben, ist nicht ganz einfach zu verstehen, welche Handlungen diese Sprüche begleiteten. Offenbar reichte man dabei das Glas, aus dem man eben getrunken hatte, der nächsten Person (insbesondere einem neu eintretenden Gast in einer Wirtschaft) weiter, eben: man brachte oder bot es ihr und trank anschliessend gemeinsam aus einem Glas weiter. Ein klingendes Anstossen war so natürlich nicht möglich. Oder I bring ders! war schon blosse Trinkformel, bei der man das Glas vielleicht noch erhob, aber nicht teilte. So oder so: Die angesprochene Person erwiderte den Spruch auf ähnliche Weise. Im Appenzeller Volkslied vom Seppatoni heisst es zum Beispiel: Du moscht mer nüd büüte, i tue der nüd Bschääd, ond i han e schöös Schätzeli, i täät ems nüd zlääd, also wohl etwa: Du musst nicht meinen, du könnest mir zutrinken und mich so verführen.

Wie auch immer dieses Zutrinken ablief, es muss allgegenwärtig gewesen sein. Sehr zum Ärger der Obrigkeiten; eine Verordnung aus Basel bemerkt schon 1534, das trincken und zuotrincken [sei] dem menschen an synem lyb und läben schädlich, und verbietet bei Busse, es dem andern zu pringen. Erfolgreich waren solche Verbote selten. Im Gegenteil, (zu-)getrunken wurde sogar grenzüberschreitend. So gelangte (i) bring ders durch Vermittlung deutschsprachiger Söldner in verschiedene romanische Sprachen: französisch brinde, katalanisch brindis, spanisch brindes und portugiesisch brinde gehen gemäss Dicziunari Rumantsch Grischun ebenso darauf zurück wie das rätoromanische far impringias, printgas «anstossen, zuprosten». Und wer sich in Italien weder mit Salute! noch mit Cin cin! zutrinkt, sondern Brindisi! ruft, bezieht sich damit auch nicht etwa auf die Stadt in Apulien, sondern führt ebenfalls eine Form des deutschsprachigen i bring ders im Mund. Schon in einem Text von Pietro Aretino von 1534 heisst es nämlich: Contrafecero i tedeschi con il brindisi.

Zutrinken fördert offensichtlich nicht nur Freundschaften, es ist geradezu völkerverbindend! Ein Prost auf uns alle!

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