Illustration: Tizian Merletti

Öppis nöimet anepflüümle, härepflüümle, inepflüümle für ein flüchtiges, unsorgfältiges Erledigen dürfte heute zum mehr oder weniger allgemein bekannten schweizerdeutschen Wortschatz gehören – höchstens dadurch eingeschränkt, dass das Wort als ziemlich salopp gilt. Schlagen wir die fraglichen Wörter im Schweizerischen Idiotikon nach, erfahren wir aber teilweise anderes, als wir erwartet hätten. Nun – der Artikel pflüümle mit seinen Zusammensetzungen wurde auch schon 1904 geschrieben, und seither ist viel Zeit vergangen. Eine etwas eingehendere Betrachtung der Wortfamilie pflüümle, wie sie das Idiotikon präsentiert, eröffnet uns aber einen Blick in ein Bedeutungsfeld, das damals möglicherweise gerade im Entstehen war.

In unserem Wörterbuch findet man alle Zusammensetzungen unter dem Grundwort, so auch ane- und inepflüümle unter pflüümle. Der Einstieg scheint erst einmal wenig hilfreich zu sein: Laut Schweizerischem Idiotikon bedeutet pflüümle «fallen (wie die Pflaumen vom Baume)», belegt aus der Stadt Basel. Die erste Zusammensetzung ist heute wohl kaum mehr gross bekannt: Abepflüümle bedeutet(e) in den beiden Basel erstens «(wie Pflaumen vom Baume) herunterschlagen oder -stossen» und zweitens im Baselbieter Binningen «einen von seiner Stelle entfernen» – also eine übertragene Anwendung der erstgenannten Bedeutung. Das heute noch geläufige anepflüümle ist im Schweizerischen Idiotikon zwar ebenfalls vorhanden, aber noch nicht in der modernen Bedeutung; der Eintrag wird mit der Bedeutung «jemandem etwas beibringen» aus der Stadt Basel belegt: «I wotts em Herr Breesidänt scho aanepflyymle, dass di maischte Lytt grad wäägen em Dänzli kemme.» Inepflüümle bedeutet laut Idiotikon «hineinschlagen» – und diese Bedeutung ist der heutigen schon recht nahe: «Mit eme feschte Schlaag han i s Häänli yynepflyymlet» (dieser baseldeutsche Idiotikon-Beleg stammt aus der Zeit zwischen 1861 und 1877, ist also der älteste). Verpflüümle schliesslich bedeutet(e) in Liestal laut Idiotikon «vertrödeln, verschleudern»: «Är hätt e ryyche Vetter ghaa, är hätt in chönnen eerbe, dää Chnöözi, aber är het s verpflüümlet.»

Der geneigte Leser, die geneigte Leserin wird festgestellt haben, dass alle 1904 versammelten Belege im Schweizerischen Idiotikon aus Basel-Stadt und Basel-Landschaft stammen. Schlägt man nun voller Hoffnung in Gustav Adolf Seilers «Basler Wörterbuch» von 1878 (das für beide Halbkantone gilt) nach, muss man feststellen, dass pflüümle und Konsorten dort nicht vorkommt. Es fehlt auch in Jakob Hunzikers ebenfalls ausgezeichnetem «Aargauer Wörterbuch der Mundart von Leerau» von 1877. Der nächste Wörterbucheintrag nach demjenigen im Idiotikon findet sich erst wieder in Ruth Bietenhards «Berndeutschem Wörterbuch» von 1976, und zwar mit pflüümle «Pflaumen pflücken oder auflesen» und «oft zusammengesetzt [...], unsorgfältig hinsetzen, flüchtig schreiben». Im «Zürichdeutschen Wörterbuch» fehlt pflüümle (wie allerdings auch die Pfluum[e] selbst) in den Auflagen von 1961 und 1968; erst in der dritten Auflage von 1983 findet es sich, definiert mit «hinschleudern, flüchtig erledigen, praktizieren». Und auch Roland Ris kann es in seiner unpublizierten umfangreichen berndeutschen Wörtersammlung mundartliterarisch nicht vor 1978 belegen.

Versuchen wir eine Schlussfolgerung: Die im Schweizerischen Idiotikon 1904 gebuchten Bedeutungen abe-, ane- und inepflüümle legen es nahe, dass der bedeutungsmässige Ausgangspunkt das Herunterschlagen, Herunterstossen der reifen Pflaumen, um sie zu ernten, war (eine Bedeutung, die unter abepflüümle auch explizit genannt wird): Ein Mensch wird von seiner Stellung «abepflüümlet», einem anderen wird das richtige Verhalten «anepflüümlet», und der Fasshahn wird ins Fass «inepflüümlet». Bei verpflüümle liegt hingegen das Motiv des Zerstreuens der Pflaumen zugrunde – es gibt übrigens ein gleichbedeutendes verbrumbeerle. Die heutige Bedeutung von (ane- und ine-)pflüümle aber hat sich im Vergleich zu denjenigen, welche die baseldeutschen Wörter um 1900 hatten, verschoben. Im Zentrum steht nicht mehr das Schlagen, sondern die unsorgfältige Arbeit – und so sind sie heute in der ganzen Deutschschweiz bekannt. Zweifellos hat zu dieser Bedeutungsverschiebung die unschöne Lautstruktur des Wortes beigetragen: Öppis ane-, häre-, inepflüümle tönt doch so richtig schön schludrig – und schliesslich sind Pflätsch, Pfliirggibueb, Pflitz, Pflodi, Pflootsch, Pfluder(i), Pflumpf, Pfluengg, Pfluen(t)sch, Pflungg(e, -i), Pflun(t)sch(i), Pflüschte/Pflüschti, Pflutte, Pflutteri, Pflütz ja auch lauter Wörter für unordentliche oder sonst wie negativ empfundene Menschen ...

 

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