Wortgeschichten

Hat der Mann im Mond auch eine extraterrestrische Kollegin?

Illustration: Tizian Merletti

Wer bei Vollmond zum Himmel schaut, sieht ihn vielleicht, den Mann im Mond … wobei eindeutig zu erkennen ist er nicht. Online finden sich zig Erklärungen, wo genau sein Gesicht oder sein Körper wahrzunehmen sei. Sicher ist nur, dass Strukturen auf der Mondoberfläche, die von blossem Auge sichtbar sind, als menschliche Figur interpretiert werden. Schon Konrad von Megenberg schrieb in seinem «Buch der Natur» im 14. Jahrhundert: Der mon hat in im swarz flecken, und sprechent die laien, ez sitz ain man mit ainer dornpürd in dem monen. Tatsächlich gebe es da natürlich keinen Mann, der Mond habe lediglich eine unebene Oberfläche, deren Schattenwurf den Eindruck einer menschlichen Figur erwecke. Es handelt sich also um eine sogenannte Pareidolie, die Wahrnehmung von Wesen in (unbelebten) natürlichen Strukturen. Andere Beispiele dafür sind das Hardermannli bei Interlaken, der Affenfelsen bei Goumois am Doubs und das 1976 fotografierte Marsgesicht, eine Struktur von 3 auf 1,5 km auf dem Mars, die wie eine Totenmaske wirkt.

Wieso aber ist der Mann im Mond ein solcher und weder ein Mondgesicht noch eine Frau im Mond? Die Vorstellung von Lebewesen ist in der deutschen Sprache bekanntlich immer noch im unmarkierten Normalfall meist männlich, die Idee einer Frau im Mond wird also ohnehin in den Hintergrund gedrängt. Es gibt aber noch einen weiteren Grund für den Mann im Mond: Der Mond heisst nämlich in den Dialekten fast nirgends so, sein auslautendes -d hat er erst in neuhochdeutscher Zeit bekommen. Althochdeutsch hiess der Himmelskörper māno, mittelhochdeutsch mâne, und in den älteren schweizerdeutschen Dialekten, wie sie im vierten Band des Schweizerischen Idiotikons um 1900 sowie im Sprachatlas der deutschen Schweiz Mitte des 20. Jahrhundert dokumentiert sind, wird er noch vielerorts Maan oder (wo man nicht Aabe, Aabig sagt, sondern zu Oobe, Òòbig u. ä. verdumpft) Moon, Mòòn genannt. In vielen Dialekten ist auslautendes -n generell geschwunden, der Himmelskörper heisst dort also Maa, Moo, auch mit Hebung oder Brechung Mùù, Mou. Das bedeutet: Wo das auslautende -n entfällt und -aa- erhalten ist, der Mond also Maa heisst, fällt seine Bezeichnung mit dem Wort für Mann zusammen, das an diesen Orten ebenfalls zu Maa wird. Kein Wunder, denkt man beim Mond in seiner älteren Dialektbezeichnung fast unweigerlich an einen Mann!

Dass das nicht an den Haaren herbeigezogen ist, zeigt übrigens ein Vergleich mit andern Sprachen: Menschliche Strukturen werden natürlich auch andernorts in den Mond hineininterpretiert. Auf Englisch spricht man vom Man in the Moon (schon im 14. Jahrhundert im Gedicht Mon in the Mone), auf Niederländisch vom Mannetje in de maan (also dem Mondmännchen), auf Norwegisch vom Mannen i månen. In allen diesen germanischen Sprachen sind die Wörter für Mann und Mond sehr ähnlich. Auf Spanisch dagegen ist die Rede von der Cara de la Luna, auf Griechisch heisst es prósopo sti selíni. Beides bedeutet Mondgesicht – weil in diesen Sprachen die Wörter für Mann und Mond keine Ähnlichkeit haben.

 

Pflüümle
Chilbi und Knabenschiessen

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