Wortgeschichten

Kanton

Illustration von Tizian Merletti

Für die Schweizer Gliedstaaten gab und gibt es viele Namen: Stadt, Land, Ort, Stand, Staat – und natürlich Kanton.

  • Die früheste offizielle Bezeichnung für die Glieder der Eigenossenschaft war «Stett und Lender».
    – Stadt
    kann man heute nicht mehr auf einen Kanton anwenden, da die damaligen Reichsstädte Zürich, Bern, Luzern usw. heute nur noch gewöhnliche Gemeinden sind.
    – Land lebt hingegen in einigen Kantonen weiter, die eine «Landsgemeinde», einen «Landrat», einen «Landammann», einen «Land(es)statthalter», einen «Landschreiber», ein «Landgericht», ein «Landesarchiv», eine «Landesbibliothek» haben.
  • Ort, ein zusammenfassender Begriff für die «Städte» und «Länder», findet sich erstmals 1426 in einem Zürcher Ratsbeschluss. Heute wird er nur noch historisch verwendet, beispielsweise in den Begriffen «achtörtige» und «dreizehnörtige Eidgenossenschaft».
  • In 16. Jahrhundert kommt als ebenfalls neutraler Begriff für «Stadt» und «Land» der Begriff Stand auf – am beliebtesten war er im 18. Jahrhundert. Heute lebt «Stand» einerseits in der Formel «Volk und Stände haben entschieden ...», im «Ständemehr» und im «Ständerat», anderseits in der «Standeskommission», der «Standeskanzlei», dem «Standespräsidenten» und dem «Standesweibel» gewisser Kantone fort. Stand ist eine Ableitung von althochdeutsch stān oder stēn «stehen» und bedeutet eigentlich «Zustand» beziehungsweise spezifischer «Rechtszustand, politisches Gemeinwesen».
  • Staat kennen wir in zahlreichen Begriffen wie «Staatsanwalt», «Staatsarchiv», «Staatsbeitrag», «Staatskanzlei», «Staatspersonal», «Staatsrat», «Staatsschreiber», «Staatssteuer», «Staatsstrasse» oder «Staatsweibel», was sich alles auf den Kanton und nicht etwa auf den Bund bezieht. Staat ist das lateinischstämmige Pendant zum deutschstämmigen Stand: Es ist eine Ableitung von stāre «stehen» und bedeutet somit ebenfalls «Zustand, Rechtszustand, politisches Gemeinwesen». Ins Deutsche ist das Wort aus dem Italienischen, Französischen und Niederländischen gelangt; mit Bezug auf die Schweizer Kantone ist es aber im Wesentlichen erst nach 1800 anzutreffen.
  • Der Begriff Kanton wurde, aus der Westschweiz kommend, seit dem späten 17. Jahrhundert auch in der Deutschschweiz immer populärer; offiziell wurde er 1798. Diesem Wort, das eine recht verschlungene Geschichte hat, sei unsere Wortgeschichte im Folgenden gewidmet.

Das früheste Zeugnis für die Verwendung von «Kanton» beziehungsweise «canton» für einen eidgenössischen «Ort» stammt aus Freiburg und zwar aus dem Jahr 1467, das zweitälteste kennen wir aus Genf (1487). Am Anfang von «Kanton» steht aber lateinisch canthus, was «Radreifen» bedeutet – ein Wort, das ursprünglich wohl dem Keltischen angehörte. Später wurde die Bedeutung «Reifen» über die Zwischenbedeutung «Reifenrand» zur ganz allgemeinen Bezeichnung für den «Rand» überhaupt – eine Bedeutung, die als canto im Italienischen, Spanischen, Portugiesischen sowie als Lehnwort auch im Deutschen (Kante) und Niederländischen (kant) zu finden ist; auch im Kanton Graubünden wimmelt es nur so von cons, die auf Kanten und Anhöhen im Gelände Bezug nehmen. Vom «Rand» ausgehend, kann ein canto aber auch eine «Ecke», ein «Winkel» und schliesslich ein «Stück», ein «Teil» sein. Ein grosser canto ist ein cantone, und in dieser Form dient das Wort in Oberitalien seit dem 11. Jahrhundert zur Bezeichnung eines «grossen Stücks Landes» oder besser eines «Landesteils» – man vergleiche hierzu etwa das «Malcantone» im Tessin –, dann aber auch eines «Dorfteils». Die Norditaliener brauchten cantone aber nicht nur für ihre eigenen Landesteile, sondern auch für diejenige der damaligen schweizerischen Eidgenossenschaft, und es waren wohl lombardische Kaufleute, die das Wort schliesslich im 15. Jahrhundert nach Freiburg und Genf brachten, wo es als canton ins Französische und von hier schliesslich als Kanton ins Deutsche gelangte.

 

Schorsch Ggaggo

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