Wortgeschichten

Der Kanarienvogel – und was er mit Kardinälen und Hunden zu tun hat

Illustration: Tizian Merletti

Vermutlich sagen heute alle Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer dem hübschen gelben Vogel, der so schön singt und den man deshalb gerne im Käfig hält, Kanaarievo(o)gel. Das Wort ist so durchsichtig, dass sicher viele schon richtig vermuten, was dahintersteckt: Es ist ein Vogel, den die Spanier von den Kanarischen Inseln nach Europa mitbrachten. Die Stammart übrigens ist der Kanarengirlitz, der von der Regionalregierung 1991 zum «Natursymbol der Kanarischen Inseln» erklärt wurde.

Im späten 19. Jahrhundert sagten in der Schweiz aber noch nicht alle Kanaarievo(o)gel, sondern es herrschte eine originelle Vielfalt an Varianten. Wenig spektakulär sind zwar Kanaari und Kanaarivogel, die das Schweizerische Idiotikon aus den Kantonen Bern und Zürich kennt, man vergleiche hierzu das auch heute noch verbreitete Famili für Familie. Die weiteren Dialektausdrücke aber weichen viel deutlicher von der historischen Ausgangslage ab: Aus dem Thurgau führt das Idiotikon den Kanaali auf, aus Solothurn und Unterwalden den Kanaalivogel, aus dem St. Gallischen den Karinaaljevogel, aus Zürich das Kardinaarievögeli und aus Appenzell, St. Gallen und Schwyz – gut katholisch! – den Kardinaalvogel oder das Kardinäälivögeli.

Es ist typisch, dass die ältere Mundart Fremdwörter viel stärker einverleibt hat als die moderne. Beispiele hierfür sind Apfikaat, Afikaat, Aflikaat, Afrikaat für modernes Adwokaat; Apiteegg für modernes Apoteek, Elifant für modernes Elefant; kumidiere für modernes komandiere; Kundidöör für modernes Konduktöör; Kunte  für modernes Konto (früher allerdings im Sinne von «Rechnung»), Telifoon für modernes Telefoon; tischgidiere für modernes diskutiere; ferner tischgeriere für (kaum mehr gebräuchliches) diskuriere «über etwas reden». Und selbst gut schweizerische Aussprachen wie Apfänt, Nofämber und Fäntilatoor werden mehr und mehr zu Adwänt, Nowämber und Wäntilaator «korrigiert». Der heutige Mensch weiss natürlich, wie es «richtig» heisst, und passt seinen Dialekt entsprechend an – eigentlich schade, denn diese vielen Abwandlungen machen ja nur deutlich, was für eine integrative Kraft unsere Mundart hat (oder hatte?).

Noch einmal zurück zur Etymologie von «Kanarienvogel»: Die Herleitung von den Kanarischen Inseln ist ja schön und gut, aber woher haben denn die Inseln ihren Namen? Er geht zurück auf die Canariae Insulae, die der römische Gelehrte Plinius der Ältere in seinen «Naturalis historiae», einem gewaltigen naturkundlichen Werk, erwähnt. Über eine dieser Inseln schreibt er, dass dort zahlreiche Hunde von gewaltiger Grösse lebten. Die Kanarischen Inseln sind also die Hundeinseln, und die beiden Schildhalter des heutigen Wappens der autonomen Inselgruppe sind tatsächlich Hunde. Nun könnte man also direkt von den Hunden auf die gelben Vögel schliessen, die damit plötzlich zu «Hundevögeln» würden ... Da ziehen wir unseren schweizerischen «Kardinalsvogel» aber definitiv vor!

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Panaché

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