Wortgeschichten

Fünf Dinge, die Sie über Ortsnamen wissen müssen

Illustration: Tizian Merletti

So könnte ein Titel lauten, würden die Verfasser der vorliegenden Wortgeschichte «Clickbaiting» nach Art moderner Online-Medien betreiben. Dabei wissen auch wir nicht genau, welche fünf bzw. wie viele Dinge überhaupt Sie über Ortsnamen wissen sollten. Aber wir wissen, dass Zahlen in der traditionell eher zahlenfremden Philologie eine zunehmend wichtige und nützliche Sache sind. Quantitative und computergestützte Forschungsmethoden haben längst Einzug gehalten in sämtliche Geisteswissenschaften. Nicht zuletzt darum hat das Idiotikon mit seinen diversen Projekten in den letzten Jahren massiv in IT und Sprachtechnologie investiert. Die Resultate sind äusserst attraktive und informative Angebote für Wissenschaft und Öffentlichkeit. Wer solche Angebote macht, dem werden natürlich auch Fragen gestellt, die sich mit unseren Systemen (noch) nicht unmittelbar beantworten lassen. So wurde letztens die scheinbar einfache Frage an uns herangetragen, welche die fünf häufigsten Ortsnamen der Schweiz seien. Eine Kleinigkeit für den zuständigen Informatiker. Das Resultat:

1. Weid
2. Rüti
3. Büel
4. Oberdorf
5. Moos

Auf den ersten Blick ein schönes Resultat, aber auf den zweiten stellen sich gleich folgende Fragen: Was sind überhaupt Ortsnamen? Sind das Siedlungsnamen und Flurnamen? Oder gleich beides? Und zählen Berge auch dazu? Und Gewässer? Und wo sind die Namen der französischen Schweiz? Fragen über Fragen, die nur beantworten kann, wer die Daten in ihrer reichhaltigen Vernetztheit überblickt, wer das Korpus und seine Qualitäten kennt. Obige Liste wurde aus dem gesamten Datensatz von ortsnamen.ch gewonnen, der in sich jedoch sehr heterogen ist. So sind die Kantone Aargau und Bern etwa noch recht mager «verdokumentiert», die Ostschweizer und Innerschweizer Kantone (mit Ausnahme von Obwalden) hingegen sehr reichhaltig, aus den meisten Westschweizer Kantonen liegen «nur» die Daten von Swisstopo vor. Dies gilt es als Caveat bei der Interpretation (s. u.) zu beachten. Fragt man nun nach den reinen Siedlungsnamen (vom Einzelhof bis zur Grossstadt), so lautet die Liste:

1. Oberdorf
2. Unterdorf
3. Dorf
4. Underdorf
5. Rüti

Eine eher enttäuschende Rangliste, denn offensichtlich bilden die Ortsteilnamen die Hauptmasse der Schweizer Siedlungsnamen, zudem scheinen Unterdorf und Underdorf nur graphische Varianten zu sein. Ausserdem: Wo es ein Unterdorf gibt, ist natürlich ein Oberdorf nicht weit, und der Ortskern heisst wenig überraschend Dorf. Die Plätze 1 bis 4 sind also gewissermassen für die Tonne, und man muss die Daten weiter «bereinigen». Das neue Ranking lautet:

1. Rüti
2. Moos
3. Weid
4. Egg
5. Büel

Die Plätze 1, 2, 3 und 5 kennen wir – in leicht anderer Reihenfolge – schon aus der ersten Liste. Würden wir aus dieser das Oberdorf eliminieren, käme die Egg gleich auch schon auf Platz 6. Und auf Platz 5 erschiene Rain. Wir hätten diese Namengruppe jedenfalls nicht als so häufige Siedlungsnamen erwartet. Aber offensichtlich ist dem so. Damit kommen wir nun endlich zu dem Punkt, wo es möglich erscheint, das Ranking (unter Vorbehalten; s. o.) zu interpretieren: Rüti, Moos und Weid sind als Siedlungsnamen sogenannte «sekundäre Siedlungsnamen», das heisst, sie dienten zunächst als Namen für nicht besiedeltes Gebiet, wobei das bei Rüti nicht einmal so eindeutig ist. Rüti bedeutet nämlich ‘Rodung’, und gerodetes Land kann auch direkt in Siedlungsland verwandelt werden. Jedenfalls sind die weit über 2000 Rüti-Namen (inkl. Zusammensetzungen) direkte Zeugen der hochmittelalterlichen Erschliessung unseres Lebensraums. Moos im Sinne von ‘Feuchtgebiet, Sumpfland’ geht in eine ähnliche Richtung: Drainiert man eine sumpfige Fläche, gewinnt man Kulturland oder Siedlungsfläche. Auch die Moose bezeugen also den Kampf unserer Vorfahren um Nutzfläche. Die Weid ist dann bereits Nutzland; es scheint sich natürlich empfohlen zu haben, dort zu siedeln, wo man auch sein Vieh weiden liess. Egg (‘Geländekante') und Büel (‘Hügel’) sowie Rain ('Abhang’) schliesslich zeigen, dass das Deutschschweizer Mittelland eine durchaus bucklige Landschaft ist, auf der sich – dem Ranking nach zu schliessen – gut siedeln lässt. Ein Blick auf die Namenstruktur zeigt sodann: Unter den Namen sind keine, die sich den alten und ältesten Besiedlungsphasen der Schweiz zuordnen lassen. Solche Orte liegen zumeist in den fruchtbaren Niederungen der Flusstäler, während unsere «Top 5» einerseits sprachgeschichtlich recht jung sind, andererseits tendenziell von den Altsiedlungen her in die bewaldete, feuchte oder hügelige Umgebung ausstrahlen.

Was lernen wir also, wenn wir unser Ortsnamenkorpus von der Informationstechnologie analysieren lassen möchten? Es sind tatsächlich fünf wichtige Dinge:

1. Wir brauchen gute Informatikerinnen und Informatiker.
2. Wir sollten unser Datenkorpus schon vor der Rechnerei gut kennen.
3. Wir sollten die ausgespuckten Resultate hinterfragen.
4. Wir brauchen gute Linguistinnen und Linguisten.
5. Wir sollten die Resultate mit der aussersprachlichen Wirklichkeit und Geschichte abgleichen.

Der Erkenntnisgewinn mag nun nicht gerade bahnbrechend und spektakulär sein, aber doch relevant genug, um einerseits zu demonstrieren, dass das Idiotikon technologisch auf dem richtigen Weg ist, und um andererseits der Öffentlichkeit (die Frage kam aus den Medien) ein plausibles «nice to know» präsentieren zu können.

Datenaufbereitung: Lorenz Küchler

Permalink: https://www.idiotikon.ch/wortgeschichten/haeufigste-ortsnamen

 

Zmorge
Warum der Begriff Töchtiwiib heute tabu ist, das W...

Ähnliche Beiträge

By accepting you will be accessing a service provided by a third-party external to https://www.idiotikon.ch/

Nach oben