Illustration: Tizian Merletti

Unsere adventliche Wortgeschichte 2020 ist einer der Hauptfiguren der Saison gewidmet: Gott. Der einschlägige Artikel im Schweizeri­schen Idiotikon wurde 1887 verfasst. Bemerkenswert ist schon die Definition: «das lebendig und persönlich gedachte höchste Wesen, meistens der éine, wahre Gott des Christentums». Die erste Hälfte der Definition ist zeitlos formuliert und könnte auch in einem modernen Wörterbuch stehen; die zweite Hälfte würden wir heutigen Redaktoren uns nicht mehr trauen so zu formulieren – im ausgehenden 19. Jahr­hundert schien man sich der Wahrheit noch sicherer zu sein ...

Damit ist es mit der Theologie aber auch schon wieder zu Ende, schliesslich legt das Schweizerische Idiotikon seinen Fokus aufs Sprachliche. So hält es mit feinem Gespür fest, dass die Fügung «der lieb Gott, oft fast wie eine Zusammensetzung und wechselnd mit Herrgott, im Volksmunde einzig üblich für das einfache ,Gott‛» – das nackte «Gott» ist ein Wort der Pfarrpersonen. Erwähnt wird auch die «scherzhaft freundliche Anrede» Chind Gottes!, womit der Schreibende noch gegen hundert Jahre später dann und wann von seiner zunehmend entnervten Mutter angeredet wurde. Ernster ist der Gottsgwalt, was «höhere Macht» bedeutet, «z. B. von verheerenden Naturereignissen, gegen die der Mensch nichts vermag und vor der es auch kein Recht gibt» – ergänzt um die rechtstheoretische Anmerkung «so dass z. B., wenn durch eine Überschwemmung Erde in eines Nachbars Gut geschwemmt worden ist, dieser keine Entschädigung verlangen darf».

Breit bezeugt findet sich e [= in] Gotts Name!, das gleichsam als Kürzestgebet bei einem Anfang gesagt wird oder wurde, zum Beipiel e Gotts Namen aagfange oder e Gotts Namen uufgstande oder e Gotts Namen i s Bett ggange, aber auch als Ausdruck von Resignation gebraucht wird: E Gotts Name, i cha nüd anderscht. Unverändert gut bekannt ist die Fügung weiss Gott, die entweder beteuernd im Sinne von «wahrhaftig, gewiss» oder aber auch schulterzuckend im Sinne von «wer weiss» verwendet wird; daneben steht will s Gott im Sinne von «gewiss, wahrlich, hoffentlich». Gotts Wille brauchen wir etwa im Ausruf um tuusig Gotts Wille!; kaum mehr bekannt ist hingegen, dass der Gottswille früher auch die Bedeutung «Almosen» hatte und in der Fügung der [= durch] Gotts Wille gää oder um Gotts Wille gää für «gratis, umsonst» stand.

In ungezählten Varianten kommt Gott in wünschend-konjunktivischen Formeln vor, wir nennen an dieser Stelle beispielhaft Guete Taag gäb i (gäb ech) Gott oder Gott grüez i bzw. grüess ech (als Willkommensgruss); bhüet di Gott (als Abschiedsgruss); dank der Gott, Gott looni der s, Vergält s Gott (alle drei als Verdankung); das walt Gott (als Segensspruch); Gott erbarm s (als Ausdruck des Bedauern); Gott hälff der (zu einem Niesenden) oder Gott hälff mer (als Beteuerung); Gott gsägn i s oder Gott gsägn ech s (für modernes «guten Appetit»); Gott strooff mi (als Beteuerung; zu ergänzen: wenn ich etwas Falsches sage); Gott verzie mer s (zur Entschuldigung eines harten Ausdrucks, den man sich nicht verklemmen kann).

In der älteren Schweizer Mundart war die Fügung Gott mir sprich oder Gott mer chydt (chyde ist ein altes Wort für «sprechen») geläufig, die in betonender, beteuernder, auf etwas hinweisender Funktion gebraucht wurde: Wenn myn Bueb öppis Netts uf em Määrkt siet, so schupft er mi allimool, gottmerchydt, ich söll im s chauffe, oder: I hei au scho über de Haag dure glueget, hät er gsäit, gommerschprich, i hei nüd gnueg a mym Wyb. Häufig ist oder war die Anrufung Gottes auch in Ausrufen, etwa solchen des Schreckens: Jessesgott, Jeeregott, Jeegerligott, des Schmerzes: Gottes Trooscht!, des Erstaunens: Wundergott!, der Beteuerung: Waarli Gott! oder Gwüss Gott! oder Mi Gott Seel!

Richtiggehend kreativ ist die Mundart im Verschleifen und Verballhornen. Das weiter oben genannte Gott strooff mi gibt es auch als Gott stroomi  und sogar als Gott Stroossburg. Die Fügung Gott will (au) wird zu gottel, gottli, (e)goppel (au), gottlau, alles im Sinne von «gewiss, freilich, wahrlich, allerdings, eben, wohl»: Es ischt egoppel Zyt! Du häsch es goppel au verstande! Das isch öppe gottli böös gnue. Besonders zahlreich sind die mundartlichen Verhüllungen im Fall von bi Gott «bei Gott», etwa bigoscht, bigopp, bigoch, bigold, bihopp, bihott, bigopplig, bigoschtlig usw.: Hä bigopplig denn au – bischt duu doo?

Den Abschluss unserer «theo-philologischen» Grand Tour macht das genitivische Gotts bzw. verhüllend Botz, eine Verkürzung aus den einst beliebten Fügungen «Gotts Lyden», «Gotts Marter», «Gotts Wunden». Unsere altschweizerischen Quellen kennen Flüche wie Dass dich Botz Wunden schend («schänden» = zu Schande machen, zu Schanden bringen, vernichten). «Gottes Sakrament» wiederum verbirgt sich hinter so phantasievollen alteidgenössischen Konstruktionen wie Dass üch Botz Sack voll Enten schend oder Botz Tausend Schlapperment oder Botz Tonders Rasperment. Noch heute braucht der eine oder die andere Ausdrücke des Erstaunens wie Potz Blitz!, Potz tuusig!, Potz Wält!, Potz Wätter!

Jetzt haben wir aber übriggotzegnueg geschrieben, und die Leserinnen und Leser sind hoffentlich herrgottewool zfride.

 

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