Wortgeschichten

Was am Feierabend so läuft: Ofen einfeuern, Tische scheuern, Kinder ins Bett steuern

Illustration: Tizian Merletti

Wenn die Eltern des Schreibenden ihre Kinder abends langsam im Bett sehen wollten, hiess es: Fiiroggna, sus gits kei Guatnachtgschicht – eine Aufforderung, das Pyjama anzuziehen und die Zähne zu putzen. Jahrelang behaupteten sie, das auffällige Wort komme vom angeblichen Feierabendrock, den man abends anziehe, eben dem Pyjama. Bis die vermeintlich auf die eigene Familie beschränkte Bezeichnung unverhofft doch noch verwandtschaftlichen Anschluss fand: Fiiroggna hat gar nichts mit Röcken zu tun, es ist eine Abwandlung von fiiropna «Feierabend machen».

Der Feierabend, Fiiraabe, -aabig, -oobet heisst so, weil er ursprünglich der «Vorabend eines Feiertags» war. Das zeigt sich noch beim englischen evening, dessen archaisch-poetische Form eve als Christmas Eve den Abend des 24. Dezember bezeichnet. Und New Year’s Eve wird der 31. Dezember (und eben nicht der Abend des 1. Januar) genannt.

Die Bedeutungsübertragung oder -ausweitung vom «Vorabend eines Feiertags» zur «abendlichen Ruhezeit nach der Arbeit» soll im Sprachgebrauch der Handwerker entstanden sein. Sie hängt wohl damit zusammen, dass am Tag vor kirchlichen Festen früher Arbeits- und Schulschluss ist. In einer Schulordnung aus dem 16. Jahrhundert aus Brugg heisst es etwa, der Lehrer solle «dieselben [die Schüler] vor der vierden stund nit hinlassen, es wären dann vyrabend oder solich zitt und tag, die anders wurden erheyschen.»

Als der Zusammenhang mit Feiertagen verloren ging, wurde unklar, warum der arbeitsfreie Abend Feierabend heisst, und regional wurde er zum Füürabend. Vielleicht handelt es sich dabei um eine mehr zufällige sprachliche Veränderung, ähnlich wie die Hiiraat zur Hüüraat wurde. Der entsprechende Band des Schweizerischen Idiotikons von 1881 denkt dagegen an eine Umdeutung in Füür: «Beruht am nächsten wol auf dem Anzünden des Feuers zur Bereitung der Abendmahlzeit».

Sicher ist jedenfalls, dass typische Arbeiten zur Vorbereitung der feiertäglichen oder abendlichen Ruhezeit ihrerseits sprachlich auf den Feierabend zurückführen. Fiiraabne bedeutete laut Schweizerischem Idiotikon im Prättigau im 19. Jahrhundert noch «das Haus auf einen Feiertag zurüsten, kehren, scheuern», im nahen Sarganserland auch schon moderner «Feierabend machen». Zwischen Walensee und Chur sowie in Wartau, wo der Abend mehrheitlich Oobet, Òòbet oder Oubet heisst, wird daraus fiiropne (der zweite Vokal wird gekürzt, das -b- zu -p- fortisiert, ähnlich wie man hier auch vielerorts hople statt hoble sagt). Hier bedeutete das Wort Mitte des 20. Jahrhunderts gemäss den Erhebungen für den Sprachatlas der deutschen Schweiz «grosses Reinemachen am Samstag oder im Frühling bzw. Herbst» und «Scheuern von Tischen und Bänken mit Bürste und Wasser, allenfalls mit Sand und Tuffstein». Die erste Bedeutung liegt noch näher beim Feiertag, die zweite kann auch schon die allabendliche Reinigung etwa einer Gaststube meinen.

Damit ist aber die Entwicklung des Worts nicht zu Ende: Das ohnehin schon kaum mehr durchsichtige fiiropne wird in Mels und Fläsch zu fiiroggne. Der vermeintliche Zusammenhang mit dem Rock liegt dann nicht mehr fern, denn der heisst just in dieser Gegend eben Rogg. Auch inhaltlich passt diese Umdeutung gar nicht schlecht: Sind die Kinder endlich im Pyjama, haben auch die geplagtesten Eltern Aussicht auf Feierabendruhe.

 

Das Gspäändli

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