Wortgeschichten

Sprachwitz und Globalisierung in den Orts- und Flurnamen

Illustration: Tizian Merletti

Winterthur in Delaware, New Bern in North Carolina, Nova Friburgo in Brasilien – jeder hat schon von den Schweizer Namensvettern in Übersee gehört, gegründet von Schweizer Auswanderern im 19. Jahrhundert, die ein Stück ihrer alten Heimat in die neue exportierten. Doch was machen Bethlehem, Moskau und Helgoland in der Schweiz? Und warum gibt es in der Schweiz unter anderem mindestens 26 Amerikas, 23 Bethlehems, vier Afrikas, fünf Sibirien, sieben Türkeien, zwei Chinesische Mauern, mehrere Nordpole und eine Mandschurei?

Während die überseeischen Namen ein glasklares Motiv haben, ist es bei den Exoten in der Schweiz verzwickter, denn hier haben keine Einwanderer ihr Heimweh in Namen ihres Herkunftslands übersetzt. Gemeinsam ist jedoch vielen hiesigen sogenannten «Nachbenennungsnamen» die scherzhafte Benennungsgeschichte: So soll die Bevölkerung von Ramsen das 1822 gebaute Haus ihres Vizegemeindepräsidenten Peter Neidhart scherzhaft Petersburg genannt haben. Später gesellten sich dann verschiedene Häuser und Weiler mit den Namen Warschau, Moskau und Krim zur Petersburg und damit zu einem kohärenten Namenfeld. Humor und Geographiekenntnisse bewies auch der Namengeber der Insel Helgoland in der Thur bei Nesslau. Wie das grosse Vorbild in der Nordsee ist auch die kleine Schwester im Toggenburg von länglicher Form.

Doch was veranlasste die anderen exotischen Namen? Oft war es sicherlich die entfernte Lage zum Dorfkern, die zu Namen geführt haben, die aus der Sicht der damaligen Benenner weit entfernte Landstriche darstellten: ein Feuchtgebiet am Rhein an der Landesgrenze zu Österreich weit ausserhalb von Buchs SG, ein bewaldeter Hang zwischen Pfäfers und Valens im abgelegenen Taminatal, ein verwildertes Wäldchen an einem Abhang des Gempenplateaus – all diese Örtlichkeiten in der Schweiz heissen Afrika. Ähnlich die zahlreichen Türkeien: Wenn sie nicht auf den Anbau von Mais verweisen (dessen Herkunft man irrtümlicherweise in der Türkei vermutete), stehen sie für fremdes, unbekanntes Land, im lokalen Kontext wohl einfach für schlecht erschlossenes Gelände. Die Chinesischen Mauern dürften ironisch auf altes Mauerwerk verweisen, die vielen Bethlehems sind teils vielleicht aus alten, primären Namen umgebildet worden, oder sie haben einen nicht näher bekannten Hintergrund in der volkstümlichen Frömmigkeit. Bei den Amerikas ist es etwas schwieriger: Die einen verweisen abstrakt und allgemein auf das weit Entfernte schlechthin, andere sind wohl aus älteren Namenformen «eingedeutet» worden (so vielleicht beim Amerika in Rüthi SG, das 1740 noch Ammathenna hiess), wieder andere sind nostalgische Nachbenennungen von Amerika-Rückkehrern, wie das Amerika in Wintersingen. Die Nordpole benennen ähnlich wie die Sibirien abgelegene, von der Sonne wenig verwöhnte Stellen. Auch das Frankriichli in Pfyn liegt ausserhalb des Dorfes im Vorland der Thur. Ob es sich, wie vom Thurgauer Namenbuch interpretiert, um einen Ort handeln könnte, «wo es sich sorgenfrei leben lässt», wissen wir nicht.

Aber wir wissen, dass durchaus auch heute noch Namen vergeben werden, die nicht in die sonst übliche, seit altem tradierte Nomenklatur passen: Mit sogenannten «Parallelnamen» oder «inoffiziellen Toponymen» werden nämlich auch heute noch und besonders in urbanen Gegenden auf ironische Weise bestehende Namen umgebildet (Glattbrugg zu G-Bridge; Wollishofen zu Wollyhood) oder neu geprägt (Flora Beach für das Rheinufer bei der Florastrasse in Basel).

Sprachwitz, globales Denken, kleine Einzelereignisse und freies Assoziieren haben insgesamt sicherlich mehr Namen geprägt, als es dem Namenforscher lieb ist (der die Lösungen seiner etymologischen Probleme ja üblicherweise lieber in Wörterbüchern als im Volkswitz sucht). Aber sie verleihen der behäbig-traditionellen Deutschschweizer Namenwelt mit ihren tausendfachen Breiten, Bühlen und Brühlen da und dort ein paar willkommene exotische Farbtupfer.

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