Wortgeschichten

Von fliegenden Eiern

Illustration von Tizian Merletti

Brunch, Eiertütsche, Osternestersuche im Garten und dann ein Spaziergang – so feiert die durchschnittliche Familie in der Deutschschweiz heute Ostern. Früher aber, da kannte man eine ganze Reihe weit aufregenderer Vergnügungen zum Frühlingsbeginn an Ostern. Aus dem Prättigau berichten verschiedene Autoren, dass je nach Schneeverhältnissen auf dem Platz oder auf einer Wiese Gemeinschaftsspiele der Ledigen stattfanden. In Furna spielten die Hornusser, in Fanas organisierte der Männerchor eine Festwirtschaft, und in Putz wird noch heute in der Ruine Castels gefeiert. Osterhase und Eierverstecken waren im Prättigau nach Walter Eschers «Dorfgemeinschaft und Silvestersingen in St. Antönien» dagegen vor dem frühen 20. Jahrhundert unbekannt.

Ein besonders ostertypisches dieser Spiele ist das Eiertrööla. Einst wurde es vor allem in der Romandie ausgeübt (rouler des œufs), aber auch in Ins im Berner Seeland, im solothurnischen Derendingen und in weiten Teilen Graubündens (in Romanischbünden ruclar ovs/chics, juvar al gnieu, im Puschlav und im Bergell rotolare). Mal waren es die ledigen Burschen und jungen Frauen, die bei dieser Gelegenheit Geselligkeit pflegten, mal vergnügten sich die Kinder. Beim Eiertrööla werden die Eier einen Abhang hinunter gerollt – es gewinnt, wessen Ei am weitesten rollt, die meisten Runden unbeschadet übersteht oder ein unten liegendes Ei trifft. Manche legten die Eier früher einige Zeit in einen Ameisenhaufen, um die Schale durch das Ameisensekret härten zu lassen. Dass das funktioniert, darf wohl bezweifelt werden (und die Störung der Ameisen ist ohnehin fragwürdig) – bekannt ist dagegen, dass man Eier in Ameisenhaufen legte, weil die Säure der Insekten ein feines Muster in die Färbung ätzt.

Im Schanfigg wurden fürs Trööla eigens Gräben und Kanäle angelegt, sogar mit Tunnels. Davon berichtet ein Peister in Arnold Büchlis «Mythologischer Landeskunde von Graubünden». Diese Vorbereitung hatte ihren guten Grund: Wer einmal zum Beispiel in Maienfeld auf dem Eierbühel stand und sein Ei losrollen liess, wird schnell festgestellt haben, dass ein Ei selbst an diesem wirklich steilen Abhang nach kurzer Strecke liegen bleibt. Erst recht, wenn Ostern erst Ende April ist und das Gras schon kräftig wächst. Was also tun? Die Eier werden eben nicht einfach gerollt, sondern wie Bälle so hoch und weit wie möglich geworfen. Uneingeweihte staunen, wie bruchfest so ein Ei ist. Früher sollen die jungen Burschen die Eier sogar über einen Baum, der dort stand, geworfen haben. Wieso aber heisst das Spiel Eiertrööla, wenn die Eier tatsächlich geworfen werden? Das Wort trööla bedeutet ‚drehend bewegen‘, aber eben auch ‚werfen, schleudern‘, auch wenn letztere Bedeutung heute vielleicht weniger präsent ist. Sie zeigt sich aber auch im Schiibatrööla ‚Scheibenwerfen‘, einem Obersaxer Brauch zur Fasnachtszeit, der andernorts Scheibenschlagen heisst.

Heute ist das Eiertrööla fast vergessen. In Chur verschwand es Ende des 19. Jahrhunderts, im Prättigau wurde es Mitte des 20. Jahrhunderts laut Escher noch vereinzelt ausgeübt. In Ins verschwand es, weil es keinen geeigneten Platz mehr gab. Wer an Ostern aber einmal fliegende Eier erleben will statt nur tütsche, hat dazu trotzdem Gelegenheit: Zum Beispiel am Ostersonntag auf dem Maienfelder Eierbühel bei Rofels, wo es ganz ungezwungen zugeht, oder am Ostermontag in Pontresina auf Crast’Ota. In Trin-Digg wird am Montag in Laseaz sogar in verschiedenen Wettkampfkategorien gespielt.

Grüezi
Vom Helsen und Würgen – oder warum man den Kuchen ...

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