Wortgeschichten

Bschüssig: Was Teiggis von Pasta unterscheidet

Illustration: Tizian Merletti

In klassischen Schweizer Kochbüchern werden Rezepte wie Älplermagronen beschrieben, in modernen Foodblogs geht der Trend eher zu Gerichten wie Strozzapreti mit Barba di frate, bei denen manche gar nicht wissen, was die Zutaten sind (wörtlich Priesterwürger mit Mönchsbart; eine Art geschwungener Teigwaren mit Salzkraut, das ähnlich wie Spinat zubereitet wird). In den Gestellen der Supermärkte stehen darum heute auch mehr oder weniger exotische Lebensmittel wie Fusilli, Trofie, Buchweizenspaghetti, Urdinkelpenne und Nudeln aus roten Linsen neben klassischen Teigwaren wie Krawättli und Magronen von Bschüssig.

Wie bodenständig schweizerisch Bschüssig ist, zeigt nicht nur die Produktepalette mit den (vielleicht etwas angestrengten) Bezeichnungen Schwingerhörnli, Gletscherhüetli und Edelweissli. Auch der Name der Firma selbst lässt keinen Zweifel, wo ihre Wurzeln liegen: Nur in den oberdeutschen Dialekten fällt der Vokal von Vorsilben aus. Käme die Pasta aus (Nord-)Deutschland, hiesse sie kaum Bschüssig, sondern Beschüssig, wie auch die Familiennamen Gschwend und Zwald (und eben nicht Geschwend und Zewald) nur hier entstanden sein können. Also wurden die Bschüssig-Teigwaren von einer tüchtigen Schweizer Familie dieses Namens erfunden, die sich früh in Italien inspirieren liess? Könnte man denken. Nur kennt das Familiennamenbuch der Schweiz keine Bschüssig, und auch das Telefonbuch verzeichnet keine Personen dieses Namens. Bschüssig-Teigwaren sind gar nicht nach einer Familie benannt, sie tragen ein einst ganz alltägliches Wort im Namen. Bschüssig, bschüüssig, bschiessig bedeutet so viel wie «ergiebig, von Nahrungsmitteln» und kommt von bschüüsse, bschiesse «gereichen, dienen, erspriesslich sein, nützen, helfen, fruchten». Die Bedeutung geht wahrscheinlich aus vom Bild der keimenden Pflanze, die sozusagen aus dem Boden hervorschiesst, um später Frucht zu tragen.

Bschüssig-Teigwaren heissen also so, weil sie gut sättigen sollen. Das hätten noch vor zwei, drei Generationen alle Deutschschweizer und ‑schweizerinnen verstanden. Das Schweizerische Idiotikon verzeichnet das Wort 1920 noch von Bern bis zum Bodensee, von Basel bis Graubünden als lebendig. Heute kennen es vermutlich nur noch wenige. Und vielleicht ist das der Fabrik, wo Bschüssig hergestellt wird, auch ganz recht: Wenn Essen nicht mehr nur Kalorienzufuhr ist, sondern auch Ausdruck von Weltläufigkeit und Lebenseinstellung, wenn Teiggis (oder Teigaffen) zu Pasta werden, möchte man ungern darauf reduziert werden, für wenig Geld den Magen zu füllen. Die Mutterfirma von Bschüssig jedenfalls kann nicht nur Swissness: Ihr Name Pasta Premium zeigt, dass halt doch auch Italianità in Hörnli und Magronen steckt.

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