Wortgeschichten

Die cheibe Brääme

Illustration: Tizian Merletti

Bei schwüler Hitze und damit besonders in den Hundstagen, wenn es also brüetig heiss, tüppig, töischtig oder tääschtig ist, laufen die Bremsen oder d Brääme – nur die blutsaugenden Weibchen stechen – zur Hochform auf.

Die Bremsen heissen bei uns Brääme oder Breeme, mehr regional auch Braame, Broome, Bromme (Nordschweiz), Brieme (Nordostschweiz) oder Bri(i)me (Sarganserland, Churer Rheintal). Diese Varianten gehen alle auf althochdeutsch brëman zurück, das die Bedeutung «brummen, surren» hatte. Die grössten Bremsen sind die Rossbrääme, die laut dem Zürcher Lexikographen Josua Maler «im summer den rossen gar überlägen» sind (1561). Den kleineren Regenbremsen verpasste man hingegen gerne vorgebliche Herkunftsnamen – ein beliebtes Benennungsmotiv für lästige Insekten: Pariiser Chäibli (Fricktal), Schwööbli (Ostschweiz), Walliserli oder Walserli (Innerschweiz) und Latterbacher Brämi (Berner Oberland).

 Zu Zeiten, als d Brääme unser Alltagsleben noch stärker prägten als heute, war Bremsenabwehr unverzichtbar. Das Vieh wurde mit Bräämenööl eingerieben. Die Zugtiere versuchte man mit dem an der Wagendeichsel aufgehängten Bräämechessel oder Bräämechübel zu schützen. So sagte man einem Blechbehälter mit Löchern, in welchem allerhand Brennbares mottete – etwa Stücke von Gummireifen – und stinkenden Rauch erzeugte. Spöttisch nannte der Volksmund deshalb die stinkende Tabakpfeife auch «Bräämechübel» (Einsiedeln) und das Weihrauchfass der katholischen Liturgie auch «Bräämechessel» (Luzern, Solothurn, St. Gallen, Aargau). Die Buben wiederum hatten die Aufgabe, mit Nussbaumzweigen die Bremsen von den Rossen zu verscheuchen, wie es in einem Beleg aus Rüdlingen heisst: Ain vun Buebe hät d Ross müese hebe und ene d Brääme stäube mit emene Nussbaumzwiig.

Im Baselbiet kannte man früher den Vergleich umesure wie d Brääme i de Hundstage, etwa mit Bezug auf übermässig geschäftige Personen. Bei Jeremias Gotthelf hatte ein junger Lehrer «eine Masse von Hoffnungen, die ihn umsurren und sich an ihn hängen wie an die Pferde im Sommer die Brämen». Oder der naive Bauer in Caspar Streiffs glarnerdeutschen Humoresken staunte im Jahr 1900, in der grossen Stadt Zürich habe es Lüüt ghaa nu gad wie Brääme. Ist die grösste Hitze vorbei, nimmt die Aktivität der Bremsen allerdings rasch ab. So thematisieren es auch Wetterregeln: Jakoobitaag schlaat de Breeme de Grind ab (Graubünden) oder: De Loränz nimmt de Brääme d Schwänz (Schaffhausen, Flums). Mit anderen Worten: das Ende der Flugzeit findet um den Jakobstag (25. Juli) und den Laurentiustag (10. August) herum statt.

Heute sind die Bremsen aus unserem zumeist urbanen Alltag weitgehend verschwunden. An sie erinnern wird sich so mancher vielleicht nur noch dank dem in der Form eines Foxtrotts komponierten Lied «Übre Gotthard flüged Bräme», das Artur Beul in der Zeit des Zweiten Weltkriegs für das Gesangstrio Geschwister Schmid aus Hägglingen geschrieben hat und das zum Evergreen geworden ist: Lueg d Soldaate, mit em Hauptme tippled s uf em Gotthardpass! Alli schnuufed, alli schwitzed, und de ganzi Maa isch nass! Aber trotzdem sind all munter, jede schickt sich eifach dri, und si stimmed mit em Hauptme i das Liedli i: Über de Gotthard, über de Gotthard flüüged d Brääme, die cheibe Brääme, wänn si über de Gotthard sind, dänn sind si däne, die cheibe Brääme, ho duli ho ... Der Refrain stammt allerdings keineswegs aus Beuls Feder, sondern war schon damals ein fast schweizweit bekannter Kinderreim, wie im umfassenden Buch «Kinderlieder der Deutschen Schweiz» der Berner Volkskundlerin Getrud Züricher von 1926 nachzuschlagen ist. Andere Berge hatten es gegenüber dem Gotthard schwer; immerhin flogen auch über den Calanda Brääme, über den Brünig taten es aber aus welchen Gründen auch immer Chrääje, die am Schluss auch nichts anderes als däne waren. Beim Splügen jedoch drängte der Reim zu einer ganz anderen Variante: Über de Splüüga flüügen d Flüüga, wenn si hüüba sind, so sind si drüüba – aber dieser Vers hat in unserer Wortgeschichte eigentlich nichts zu suchen ...

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Füürioo, felchioo, chindenoo!

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