Wortgeschichten

Schorsch Ggaggo

Illustration von Tizian Merletti
Ein Schorsch Ggaggo ist ein Ewigdummer, ein Sündenbock, ein Verlierer, der für andere den Kopf hinält – «Ig ha lang gnue der Schorsch Ggaggo gspilt!», ruft also aus, wer sich nicht mehr alles bieten lassen will, wessen Gutmütigkeit überstrapaziert wurde. Aber kann man das heute überhaupt noch sagen oder ist der Schorsch Ggaggo eigentlich dasselbe wie der Neger im Umzug, nämlich der Dumme als rassistisches Zerrbild eines Schwarzafrikaners? Das kön...
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E gueti bzw. käi gueti Falle mache

E Falle mache findet sich im ersten Band des Schweizerischen Idiotikons, der in den frühen 1880er-Jahren erarbeitet wurde, aus Basel bezeugt, und als Bedeutungsangabe steht daneben «betrübtes Gesicht». Zumindest heute kennt man den Begriff natürlich in der ganzen Deutschschweiz. Betrachten wir Wendungen, die das Gleiche bedeuten, dann kommen wir der ursprünglichen Meinung von Falle auf die Schliche: Das Wort «Lätsch» in Er macht en Lätsch bedeute...
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Das isch en Heisse

Wer kennt sie nicht, die Wendung das isch en Heisse oder auch das isch mer en z Heisse im Sinne von «das ist eine heikle Sache» bzw. «eine zu heikle Sache»? Nur: en heisse – was? Eigenartig, dass einem – anders als bei en Schöne (nämlich Tag ) und en Guete (nämlich Appetit ) – nicht gleich das fehlende Substantiv einfällt… Für die Bearbeiter der dritten Auflage des «Zürichdeutschen Wörterbuchs», die 1983 herauskam, war die Sache jedoch noch klar....
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Figgi und Müli haa

In den kommenden Wortgeschichten wollen wir einigen typisch schweizerdeutschen Wendungen nachspüren. In dieser Wortgeschichte geht es nun um «Figgi und Müli». Figgi und Müli haa bedeutet «zwei Optionen zugleich offen haben». Der Begriff stammt aus dem Mühlespiel: Eine «Mühle», schweizerdeutsch Müli, sind im Mühlespiel (oder Nüünimool, -spiil, -schtäi, -zie, wie man hierzulande auch sagt) drei Steine der gleichen Farbe, die in einer Geraden auf Fe...
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Wenn Trunkenbolde den Murtenpsalm singen und Vielfrasse tälleren

Wer über die vergangenen Feiertage zu viel gegessen hatte, litt danach womöglich an Übelkeit oder Nausea . Der Bildhaftigkeit des lateinischen Fachausdrucks, von griechisch nautía «Seekrankheit», stehen die Dialekte keineswegs nach, wenn es um die Folgen von Übelkeit, das Erbrechen, geht. Schon im 16. Jahrhundert verzeichnet Josua Maaler in seinem Wörterbuch die Redewendung em Ueli rüeffe «sich erbrechen». Laut dem Schweizerischen Idiotikon geht ...
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Mach nöd eso en Lätsch!

En Lätsch mache heisst «missmutig den Mund verziehen», lätsche meint «den Mund zum Weinen verziehen; weinen», und ein Brüel(l)ätsch ist ein «oft und laut weinendes Kind». Das Wort Lätsch hat eine überraschende Verwandtschaft: den Latz und das Lasso . Alle drei gehen letztlich auf lateinisch laqueus «Schlinge, Fallstrick» zurück, haben also gemeinsame Grosseltern – aber nicht gemeinsame Eltern. Im Spanischen wurde lateinisch laqueus zu lazo, was n...
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Soldatensprache im Ersten Weltkrieg

1914, vor hundert Jahren, brach der Erste Weltkrieg aus, und die Schweizer Männer wurden zur Grenzbesetzung aufgeboten. Schon ein Jahr später veröffentlichte Hanns Bächtold im «Archiv für Volkskunde» Einsendungen schweizerischer Wehrmänner, in denen es unter anderem um die Soldatensprache ging. 1922 erschien ein ganzes Wörterbüchlein aus seiner Feder: «Die schweizerische Soldatensprache 1914–1918», leider weitgehend ohne die gefügten Wendungen, d...
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Karl der Grosse & Karl der Kühne

Am 28. Januar vor 1200 Jahren starb Karl der Grosse. Vom sagenhaften Gründer des Zürcher Grossmünsters und einstigen Stadtpatron Zürichs könnte man meinen, dass er sich auch sprachlich in Form von Wendungen und Redensarten im Zürichdeutschen verewigt habe. Das ist jedoch gar nicht der Fall; die Erinnerung an ihn beschränkt sich auf Sagen, die Karl als frommen und gerechten Herrscher zeigen, und auf die in Stein gemeisselte Figur hoch oben auf dem...
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Dibidäbi

Die Idiotikon-Redaktion wird von Zeit zu Zeit angefragt, woher die scherzhafte Bezeichnung Dibidäbi für den Appenzeller stamme. Das Wort fehlt in unserem Wörterbuch, doch im Nachtragsmaterial haben wir eine erste Anfrage von 1939, in der es heisst, dass das Wort im St. Gallischen üblich sei. Leider hat sich die Antwort nicht erhalten. Spätere Belege kommen auch aus den Kantonen Zürich und Bern. Eine traditionelle Worterklärung, die immer wieder a...
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Chind, Bueb und Meitli – zum heutigen Weltjugendtag

Heute ist der Internationale Tag der Jugend. Die einschlägigen Wortartikel im Idiotikon wurden um 1900 herum verfasst und reflektieren einige eigentümliche Ansichten über die nachwachsende Generation. Hier ein paar Müsterchen: Morgens früh beim Heraustreten aus der Haustür einem Buben zu begegnen, galt in Stammheim für ein gutes Omen. D Mäitschi und Abrellewätter sind veränderli, hiess es im Luzernischen. Im Emmental bedeuteten Buben für die Pati...
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Sex wie ein Florentiner oder wie ein Winterthurer haben

Diese Woche findet in Zürich das Zurich Pride Festival statt – ihr sei diese Wortgeschichte gewidmet! Eines der wenigen Wörter im Idiotikon, die Homosexualität zum Thema haben, ist „florenzen". Es war im 16. Jahrhundert mit der Bedeutung „gleichgeschlechtlich verkehren" geläufig und bedeutet wörtlich „Sex wie in Florenz haben". Florenz war das Zentrum der Renaissance und galt damals offenbar zugleich als Zentrum schwulen Verhaltens. Der Wortartik...
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Runzival

Ein wunderschönes und zugleich geheimnisvolles Berner Wort ist der „Runzival". „Im Runzival sy" oder „i Runzival choo" meint „in der Klemme, in arger Verlegenheit, in (ökonomischen, sozialen, moralischen) Schwierigkeiten sein" bzw. in solche kommen. Wer als Literatur- oder Musikkenner einen fernen Anklang an den Parzival heraushört, liegt gar nicht so falsch: Auch der Runzival hat mit altfranzösischer und mittelhochdeutscher Literatur zu tun, näm...
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Lins, wi cha de Fisel tschaane!

Das „Wort der Woche" präsentiert zur Abwechslung einmal etwas aus der Sprache der Schweizer Fahrenden: „Lins, wi cha de Fisel tschaane!" bedeutet „schau, wie kann der Bub rennen!" „Linse" ist sprachgeschichtlich unsicher, vgl. allenfalls bairisch „linsen" = lauschen, horchen. „Fisel" kommt von mittelhochdeutsch „visel" = Penis. Und „tschaane" geht auf romanisch „dschal" = er/sie/es geht, reist zurück.  Quelle: Hans-Jörg Roth: Jenisches Wörte...
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