Ursprünglich als Begleitung zur Ausstellung Sapperlot! Mundarten der Schweiz in der Berner Nationalbibliothek konzipiert, wird nun von Zeit zu Zeit sowohl hier auf der Homepage als auch auf facebook.com/Idiotikon, auf wortgeschichten.tumblr.com und auf https://twitter.com/CH_Idiotikon eine kleine Wortgeschichte präsentiert.

 

Der Thek

Im August geht die Schule wieder los, für viele Kinder zum ersten Mal. Was tragen sie am Rücken? In Zürich und Glarus den Theek, im Thurgau den Theekt oder die Theekte, in Luzern die Theeke, im Aargau, in Basel, Bern, Solothurn und in Teilen St. Gallens und Graubündens den Schuelsack, in Bern auch den Habersack oder kurz Habi, im Wallis, in Unterwalden und in Teilen Graubündens die Schueltäsche, vielerorts in Aargau, Bern, St. Gallen, Appenzell und Graubünden den Tornister, in Teilen von Schaffhausen und Schwyz den Ranze, in Davos und Klosters die Pulscha, und vielleicht kennen die einen oder andern Zuger noch den Ooser. So waren im Grossen und Ganzen die Verhältnisse jedenfalls in der Mitte des 20. Jahrhunderts.

Der Habersack und der Tornister waren zuerst im Militär üblich, ehe sie zur Tasche des Schülers wurden. Die Pulscha stammt aus dem Rätoromanischen und war ursprünglich die Hirtentasche. Der Ooser oder Aaser bezeichnet eigentlich die Brottasche der Wandernden und Jäger. Das auffälligste der oben genannten Wörter aber ist der Theek(t) bzw. die Theek(t)e.

Theek kommt über das Lateinische aus dem Griechischen. Lateinisch thēca bzw. griechisch thḗkē bedeutete «Behälter, Kapsel, Büchse, Kasten, Futteral für Schreibgerät», im Mittelalter auch «Reliquienschrein». In der Schweiz verstand man im 18. und 19. Jahrhundert unter «Thek» ein Futteral oder eine Mappe für Schriften, Dokumente, Zeichnungen und Ähnliches. Von hier aus ist das Wort im späteren 19. Jahrhundert auf den Schulranzen übergegangen – vorher waren solche extra für Primarschüler hergestellte Rückentragtaschen ohnehin unüblich.

Der Theek ist übrigens sprachgeschichtlich das gleiche Wort wie die Theke «Schanktisch, Ladentisch»: Der Ladentisch hat einen verglasten Auf- oder Untersatz, also einen Kasten, um die Waren auszustellen. Sei es nun die Kapsel, der Reliquienschrein, die Dokumentenmappe, der Schulranzen oder der mit einem Schaukasten versehene Ladentisch: Ausgangspunkt bei allen Bedeutungen von Thek(e) ist, dass er bzw. sie – ein «Behälter» ist.

(22. August 2016, CL)

 

huereguet

Der 2. Juni ist der «International Sex Workers’ Day» – weshalb unsere heutige Wortgeschichte dem schweizerdeutschen Verstärkungswort huere- gewidmet ist. Hartnäckig hält sich das Gerücht, huere in Wörtern wie huereguet oder verstärkt uuhuereguet käme von «Ungeheuer». Aber warum eigentlich? Weil nicht sein kann, was nicht sein darf? Dabei ist die Sache ganz einfach: Es liegt tatsächlich Huer «Hure» zugrunde.

Verstärkungswörter sind in ihrem Ursprung oft derbe Begriffe, wessen man sich heute aber vielfach gar nicht mehr bewusst ist. Bei sou(-guet), verfluecht (vill) oder verdammt (schön) ist die ursprünglich negative Bedeutung zwar noch ersichtlich. Aber wer weiss schon, dass in cheibe(-guet) und choge(-guet) alte Wörter für «Leichnam, Aas, Kadaver» stecken? Dass die Luzerner ihre rüüdig schön Fasnacht mit einem Wort charakterisieren, das eigentlich «räudig, von Krätzmilben befallen, hautkrank» bedeutet? Dass das so harmlose schampar eigentlich «mit Schande behaftet, ehrlos» meint? Dass das unchristliche Heide- in beispielsweise Heidelärme unseren Ahnen einen Schauer den Rücken hinunterjagte? Ja, dass selbst das so blasse sehr eigentlich «versehrt, wund, verletzt» meint und damit dem umgangssprachlichen englischen bloody nahekommt?

Das Verstärkungswort huere- brauchen die Schweizer und Schweizerinnen schon lange. Der Lexikograph und Volkskundler Jakob Hunziker führt in seinem «Aargauer Wörterbuch» von 1877 Huereglück auf und definiert es mit «unverdientes Glück». Und auch im zweiten Band des «Schweizerischen Idiotikons», der in den 1880er-Jahren erarbeitet worden ist, heisst es: «Vor Substantiven und Adjektiven (auch von günstiger Bedeutung) gesetzt, hat Huer oft nur allgemein verstärkende Kraft, zum Beispiel Huereglück und huereschön» – beides aus der Stadt Luzern bezeugt.

Übrigens: Huer bzw. Hure geht auf ein indoeuropäisches Urwort zurück, das «gern haben, begehren» bedeutet und von dem auch das lateinische cārus «begehrt, lieb, teuer, wert» (und damit auch französisch cher «lieb, teuer») abstammt. Also eigentlich ein huereschönes Wort, nicht wahr?

(1. Juni 2016, CL)

 

Lööl (Löu), Lööli

Der Lööli oder Lööl (bzw. Löu) oder auch Lool ist bekanntlich ein Dummkopf, ein Einfaltspinsel. Was die Herkunft des Wortes angeht, denkt man an einen losen Zusammenhang mit der lautmalerischen Wortfamilie von lallen «undeutlich sprechen» und lullen «leise singen». Früher sprach man auch vom Lollbruder und vom Lollhart, beides spöttische Begriffe für einen (ungelehrten) Mönch.

Das Wort ist schon seit mehreren Jahrhunderten geläufig. Der älteste bekannte Beleg stammt aus Südbaden: «Sie würfft im den korb nider und sagt: Sih da, löll! faß den korb balt an!» (1414/20). Die erste Bezeugung auf (heute) schweizerischem Boden kommt aus Kriessern im St. Galler Rheintal: «Hans Gächter, genannt Löll» (1486). In Anshelms Berner Chronik finden wir den Lolfätzen: «Do sprach Maria zornklich zuo irer Kathrinen: Hei, der tüfel ist im lolfätzen! schlach den verfluochten lolfätzen ins antlit! Das tät si, dass im ein back 8 tag geschwollen bleib» (1526/40).

Ausschliesslichkeit können wir Alemannen allerdings nicht beanspruchen: Im spätmittelalterlichen Frankfurt verstand man unter Lölle einen «unnützen, unfügsamen» Menschen, und in Oberhessen war im 19. Jahrhundert der Lolles eine «fahrlässige, träge» Person. Doch scheint das Wort im Hessischen inzwischen ausgestorben zu sein – sodass heute nur noch wir Schweizer, Südbadener und Vorarlberger en Lööli oder e Löu sein können.

(3. Mai 2016, CL)

 

Verzell kän Hawass (Habasch)

Im Schweizerischen Idiotikon wird immer wieder das Wort Habasch gesucht – aber nie gefunden. Warum? Der betreffende Band ist im späten 19. Jahrhundert verfasst worden, zu einer Zeit, als es das fragliche Wort noch gar nicht gab.

Den wohl ersten schriftlichen Beleg finden wir in Hanns Bächtolds «Die schweizerische Soldatensprache 1914–1918», herausgekommen 1922 in Basel. Hier wird die Wendung Wolff und Havas aufgeführt und mit der Bedeutung «unwahrscheinliche Nachrichten» versehen. Wolff war eine deutsche, Havas eine französische Nachrichtenagentur – es versteht sich von selbst, dass erstere die Kriegsnachrichten zugunsten Deutschlands und letztere zugunsten Frankreichs geschönt hat. 1938 widmete Meinrad Inglin in seinem «Schweizerspiegel» dem Hawass, wie er das Wort eingeschweizert schreibt, einen kurzen Abschnitt und führt seine Verwendung im Sinne einer irrtümlichen oder falschen Mitteilung ganz konkret auf die widersprüchlichen Meldungen der Agentur Havas im Zusammenhang mit den deutschen, französischen und englischen Truppenbewegungen an der Marne zurück.

Auch wenn die Angaben in Bächtold und Inglin nicht ganz deckungsgleich sind, wird doch deutlich, dass unser Wort unter den Soldaten entstand, die im Ersten Weltkrieg an der Schweizer Grenzbesetzung teilnahmen. Von dort ging Hawass in die allgemeine Umgangssprache über, wurde allmählich zu Habasch verballhornt und stand fortan für «Unsinn, Blödsinn, Lüge» überhaupt. Geläufig ist (oder war) die Fügung verzell kän Hawass (Habasch) oder red kän Hawass (Habasch). Etwas weiter vom Ursprung entfernt ist der personifizierte Gebrauch: En Habasch ist ein «Narr», ein «Tölpel», ein «Taugenichts». Ob zum Lautwandel und zur Personifizierung der Name des einstigen, um 1970 herum aktiven palästinensischen Terroristen George Habasch eine Rolle gespielt hat, lassen wir dahingestellt.

(23. März 2016, CL)

 

Cholera

Wer im Wallis in den Skiferien war, kennt die Cholera zumindest von der Menükarte her, und vielleicht hat er/sie sich vielleicht sogar getraut, das Gericht zu bestellen. Es handelt sich dabei um eine Speise, die heute aus Teig, Lauch, Kartoffeln, Käse und Äpfeln besteht; laut dem «Schweizerischen Idiotikon» wurde der Teig im 19. Jahrhundert hingegen lediglich mit geschnittenen Äpfeln und Käsescheiben belegt, diese dafür gerne mit Zucker bestreut. Betty Bossi und Annemarie Wildeisen erzählen hierzu die hübsche Geschichte, dass das Gericht während der Cholera-Epidemie von 1830 entstanden sei, als man dasjenige kochen musste, was Haus und Garten hergaben. Doch das taten die Bäuerinnen ja ohnehin, und man muss kein Wissenschafter sein, um eine solche Erklärung zu bezweifeln.

Das Dumme ist nur, dass auch die Sprachwissenschaft Probleme mit dem Wort hat. Die Nähe zu «Kohle» drängt sich zwar auf, aber die Endung «-era, -ere» verweist in der Alemannia gewöhnlich auf etwas, das gehäuft vorkommt. So bedeutet beispielsweise der Flurname Farnere, dass an diesem Ort viel Farnkraut wächst (oder früher wuchs). Tatsächlich bezeichnet Cholära im Lötschental den Ort im Backhaus, wo die Kohle aufbewahrt wird. Man wird deshalb am ehesten von einer Bedeutungsübertragung ausgehen müssen: Da die Pfanne mit dem Essen darin früher direkt in die Kohle gestellt wurde, dürfte der Begriff von der Kohlenanhäufung auf die Speise übergegangen sein. So wirklich elegant ist diese Erklärung vielleicht nicht, aber immer noch besser, als eine Essware mit einer Seuche zu verbinden. Oder hat schon einmal jemand eine «Pest» gegessen?

(24. Februar 2016, CL)

 

lismen und stricken

Lisme «stricken» ist wie Anke (Wortgeschichte vom 27. November 2015) ein Wort, das im deutschen Sprachraum einzig und allein im Alemannischen vorkommt. Restlos klar ist die Wortbildung von lisme nicht, aber es gehört nach Auskunft der verschiedenen Herkunftswörterbücher zweifellos zum Wortstamm von lesen. Dieses bedeutete ursprünglich «sammeln», wie das auch jetzt noch in «auflesen», «zusammenlesen», «Trauben lesen» oder «Linsen verlesen» erkennbar ist. Die heute übliche Bedeutung – «den Sinn von Schriftzeichen erfassen» – hat lesen erst unter dem Einfluss von lateinisch legere erhalten, das ursprünglich «auflesen», dann «einer Spur folgen» und schliesslich «den Schriftzeichen folgen, lesen» bedeutete.

Lisme scheint damit ursprünglich «Fäden zusammenlesen, Fäden versammeln» zu meinen, wogegen stricke, das gegenwärtig lisme verdrängt, ursprünglich «binden, heften, flechten» bedeutete. Diese alte Bedeutung von stricke sieht man noch heute im Fachwortschatz des Holzbaus, wo e gstrickts Huus ein in Blockbauweise – mit der hierfür typischen Eckverkämmung der Balken – erbautes Haus bezeichnet.

(18. Januar 2016, CL)

 

Ochs und Esel

Unsere Weihnachts-Wortgeschichte widmen wir den wichtigsten Nebenfiguren bei der Geburt Christi: dem Ochsen und dem Esel.

Sachlich dürfte es klar sein: Im Stall stand kaum ein Zuchtstier, sondern wohl ein kastrierter Ochse, den man für schwere Arbeiten gebrauchen konnte. Sprachlich sind die Verhältnisse für uns Deutschsprachige aber nicht so eindeutig, denn Ochs(e) konnte früher sowohl das verschnittene als auch das nicht verschnittene Rind bezeichnen – und die Etymologen sind sich gar nicht einig, was die ursprüngliche Bedeutung war. Bringt man das Wort mit altindisch ukṣáti «besprengt, befeuchtet» in Zusammenhang, hat Ochse ursprünglich etwa «(Samen-)Spritzer» bedeutet und war folglich ein Zuchtstier. Zieht man aber altindisch úkṣati «er wächst» bei, wäre der Ochse ursprünglich ein kastrierter Mastochse gewesen.

Beim Esel liegen die Probleme anderswo. Die alten Germanen lernten das Tier erst dank den Römern kennen und übernahmen von diesen auch gleich den Begriff dafür: urgermanisch *asiluz (woraus sich das deutsche Esel entwickelt hat) geht auf lateinisch asinus zurück. Überdies ist man sich einig, dass dieses asinus nicht auf das Indoeuropäische zurückgeht; im Fokus steht eine kleinasiatische Herkunftssprache – aber welche?

Egal. Joseph, Maria und Jesus sprachen ohnehin nicht Deutsch, sondern Aramäisch. Und über aramäische Wörter können wir leider keine Auskunft erteilen...

(18. Dezember 2015, CL)

 

Anken, Schmalz, Britschi – und Butter

Das im Idiotikon am häufigsten gesuchte Wort ist Anke – gefolgt von Cheib (siehe Wortgeschichte Nr. 29 vom 17. Oktober 2012), huere und Siech. Im traditionellen Schweizerdeutsch gilt Anke (oder Angge, Aahe, Ouhe/Ouche, Aihu/Aichu, Öihu/Öichu) für «Butter» im grössten Teil der Deutschschweiz – von Basel und Winterthur im Norden bis Zermatt im Süden und von Murten im Westen bis Walenstadt im Osten. Im deutschen Sprachraum kennen zwar ausschliesslich die Alemannen das Wort, aber bei diesen ist es uralt – schon vor 1200 Jahren sprach man im Gebiet der heutigen Schweiz und Südbadens vom anko. Ausgang ist eine indoeuropäische Wurzel *ongwen-, die auch etwa im Lateinischen als unguen mit der Bedeutung «Fett, Salbe», im Keltischen als im (irisch), amann (bretonisch) oder menyn (walisisch) mit der Bedeutung «Butter», im Armenischen als aucanam «ich salbe» oder im Altindischen als anakti «er salbt» vorkommt.

In der Nordostschweiz und in grossen Teilen der Südostschweiz sagt man der Butter traditionell Schmalz oder Schmaalz. Das Wort, das eigentlich «ausgeschmolzenes Fett» bedeutet, ist verwandt mit schmelzen. Im bündnerischen Obersaxen kennt man einen dritten Begriff, nämlich Britschi, eigentlich «Bräutlein». Dabei handelt es sich um eine Kürzung des früher weitherum bekannten Wortes Ankebruut oder Schmalzbruut für «Butterbrot». Was aber die Braut hiermit zu tun hat, bleibt schleierhaft – wie man auch nicht recht weiss, was der Bock im ebenfalls «Butterbrot» bedeutenden Ankebock zu suchen hat.

Seit wir das Speisefett fertig abgepackt bei den Grossverteilern einkaufen, dringt auf breiter Front das schriftdeutsche (aber immer noch mit dem männlichen Geschlecht von Anke und Schmalz verbundene) Wort Butter vor. Dieses stammt, durch das Lateinische vermittelt, von griechisch butyros, was eigentlich «Kuhquark» bedeutet. Es handelt sich dabei vermutlich um eine Lehnbildung nach einem Wort der Skythen, die eurasische Reiternomaden waren – die Mittelmeervölker brauchten (und brauchen) zum Kochen ja kein tierisches Fett, sondern Olivenöl.

(27. November 2015, CL)

 

Das Giritzenmoos

Es gibt in der Schweiz eine kahle Heide, die mit Disteln, verkrüppelten Bäumen und Stauden bestanden ist, wo rotes Flööschwasser (abgestandenes Wasser) dümpelt, Näschpli (Mispeln) und Brambeeri (Brombeeren) wachsen und einen die Brääme (Bremsen) plagen – das Giritzenmoos! Dort halten sich die verstorbenen Jungfrauen und Jünglinge als Strafe für ihre Ehelosigkeit auf. Die einen sagen, die ledig Verstorbenen würden sich in Kiebitze – im Dialekt Giritz – verwandeln, nach Meinung anderer spazierten sie auf dem Moos (Ried) als verdorrte Jungfrau oder ständdürrer Jüngling umher. Wieder andere wollen wissen, was sie dort machen müssten: alte Hosen blätzen, Sägemehl knüpfen, Hosenläden kauen, Linsen spalten, Wolken beigen...

Viel Schabernack trieb man mit den Ledigen an der Fasnacht. Man lud sie etwa auf einen Wagen, führte sie auf die Allmende hinaus und kippte den Wagen um. Oder man veranstaltete einen Maskenball und versteigerte die alternden Jungfrauen. Oder das Giritzengericht klagte den ältesten Junggesellen an, und wenn sich dieser schlecht verteidigte, hängte man ihm den Schlüssel zum Giritzenmoos um.

Man merkt’s deutlich: Der Idiotikon-Artikel zum Giritzenmoos basiert auf Quellen des 19. Jahrhunderts, als es nur anständige Verheiratete und merkwürdige Ledige zu geben schien. Wir können deshalb nicht sagen, wo die KonkubinatspartnerInnen, eingetragenen PartnerInnen, überzeugten Singles und glücklich Geschiedenen enden werden...

(30. Oktober 2015, CL)

 

Berner Rose, Eppeeri-Öpfel, Suurgraucher & Co.

Über 600 Mundartnamen für alte Apfelsorten enthält der erste Band des Idiotikons aus dem Jahr 1881, darunter so schöne wie Babeli-Öpfel, Chüechli-Öpfel, Eppeeri-Öpfel, Hans-Ueli-Öpfel, Pfundöpfel oder Usteröpfel (auch Chrydebüchsler genannt). Die frühreifen Augst(en)öpfel, Klaröpfel und Grafesteiner sind damals als Sorten gerade neu aufgekommen, ebenso die beliebten Berner Rose, Glogge- und Boonöpfel. Im späten 19. Jahrhundert war der Usteröpfel die verbreitetste Apfelsorte im Kanton Zürich.

Viele alte Namen haben die Endung ‑(a)cher- oder‑eker/‑iker: Breitacher/Breitiker, Grau(a)cher/Gräueker/Grooniker, Grüenacher, Wyssacher usw. In dieser Endung steckt das alte Wort Acheren für «Baumfrucht», das vor über 1600 Jahren schon von Wulfila in seiner berühmten gotischen Bibelübersetzung gebraucht wurde: bi akranam ize ufkunnaiþ ins «an ihren Früchten erkennt ihr sie» (Mt 7.16). Im heutigen Schriftdeutsch ist «Buchecker» für die Frucht der Rotbuche der letzte Nachkomme dieses Wortes.

Ein Sprichwort aus dem Zürcher Oberland windet dem Grauacher ein Kränzchen: Wän äine de Morge und z Oobig en Grooniker isst, so stirbt er under Tage nüd. Wenn es nicht deutlich früher bezeugt wäre, könnte es eine Abwandlung des heute omnipräsenten «An apple a day keeps the doctor away» sein...

(25. September 2015, HPS/CL)

 

Heugümper, Heustraffel und Heustöffel

Vor hundert Jahren gab es den Heugümper fast nur im Aaretal zwischen dem Seeland und dem Wasserschloss sowie im Freiamt – so jedenfalls wurde er im Sprachatlas verortet. Im Jura und in einem Teil des Thurgaus sagte man leicht abweichend Heu- oder Mattegumper (also mit -u- statt -ü-), im Zürcher Oberland Heugüpfer, im Oberthurgau und im st.gallischen Fürstenland Heujucker und überdies laut Idiotikon im Aargau auch Heugümpel. Fast die gesamte übrige Deutschschweiz aber hatte einen anderen Worttypus, nämlich Heustaffel, -stäffel, -stoffel, -stöffel, -stuffel, -stüffel beziehungsweise Heustraffel, -sträffel, -stroffel, -ströffel, -strüffel oder auch Heustäfze, -stäfzg, -stäfzge.

Die Bezeichnung Heugümper, Heugumper oder Mattegumper versteht sich (fast) von selbst: Das Tier «gumpet», das heisst springt dank seinen speziellen Hinterbeinen durch die Wiesen. Unter Heu ist dagegen nicht einfach das trockene Viehfutter zu verstehen, sondern das hohe sommerliche Gras, das abge«hauen» wird. Heugümper hat damit die gleiche Bedeutung wie das schriftdeutsche Heuschrecke, denn althochdeutsch schrecken bedeutete «(auf)springen» – wenn wir heute er-schrecken, «springen» wir ja immer noch auf. Woher gumpen kommt, ist schwieriger zu sagen. Das Wort lässt sich zwar schon im Spätmittelalter nachweisen, aber irgendwo anschliessen kann man es nicht so recht. Zwar scheint englisch jump ganz nahe zu liegen, doch das g- und das j- bringt man hier nicht so einfach zusammen.

Den Heustaffel mit alle seinen Varianten finden wir erstmals bezeugt in den Werken Notkers III. von St. Gallen, der um das Jahr 1000 herum vom «hêstafel» schreibt. Auch hier bezieht sich das Grundwort auf die Fortbewegung; althochdeutsch stapf oder staffo bedeutete «Schritt», stapfôn «gehen». Das Wort wurde allerdings später nicht mehr verstanden. Die einen lehnten es an Stoffel, Stöffel an, eigentlich eine Ableitung von «Christoph», die «einfältiger Mensch» bedeutet; andere an Stuffel, was entweder ebenfalls «Dummkopf» oder aber «(Getreide-)Stoppel» meint, wieder andere vermischten es mit Straffel «Tritt, Spitz, magerer Mensch» – die umgelauteten Varianten mit -sträffel und -strüffel könnten jeweils auf Übertragung der Mehrzahl in den Singular beruhen –, und noch andere verwechselten es mit Stäfz(g) «Stift».

Wie kürzlich eine kleine Umfrage auf Facebook ergab, hat sich der Heugümper in den vergangenen Jahrzehnten sozusagen zum schweizerdeutschen Standardwort gemausert – ein Beispiel, dass nicht nur schriftdeutsche Wörter einheimisches Wortgut verdrängen, sondern dass es auch einen schweizinternen Sprachausgleich gibt. Der Heugümper war wohl deshalb so erfolgreich, weil er in Wort und Form durchsichtig ist. Denn die Heuschrecke «gumpet» tatsächlich im Gras umher, wogegen uns «Staffel» nicht mehr einleuchtet – und die vielen Assoziationen mit ähnlich tönenden Wörtern wie Stöffel, Straffel oder Stäfz machten das Wort nur noch sinnloser. Der Heugümper hat diese Sinnkrise nun beseitigt.

(31. August 2015, CL)

 

Aprikose, Barille, Baringeli, Marille, Amerille – und Äämerich

Jetzt sind sie wieder reif, die Aprikosen! Im modernen Schweizerdeutsch gilt dieses Wort wohl überall. Nach den zwischen 1939 und 1957 erhobenen Daten des Sprachatlasses der deutschen Schweiz war Aprikose aber erst in der westlichen und in der östlichen Deutschschweiz bekannt; im Kanton Zürich galt damals noch geschlossen Barile, in Teilen der Innerschweiz und im östlichen Aargau Baringeli und im Wallis Ääm(e)rich, Äämbrich. Noch einmal ein paar Generationen früher sah das Bild völlig anders aus: Schauen wir im ersten Band des Schweizerischen Idiotikons nach, dessen Daten noch aus dem 19. Jahrhundert stammen, sehen wir, dass – vereinfacht ausgedrückt – in grossen Teilen der Ostschweiz (St. Gallen, Appenzell, Glarus, Graubünden) die Worttypen Amerille und Marille, in Teilen der reformierten Ostschweiz, in der ganzen reformierten Nordschweiz und in der westlichen reformierten Deutschschweiz Barille und in fast der ganzen katholischen Schweiz von Solothurn über die Innerschweiz und katholisch Aargau bis ins Sarganserland Baringel herrschten – für «Aprikose» war da schlicht kein Platz.

Sowohl «Aprikose» als auch «Amerille»/«Marille»/«Barille» haben abenteuerliche Wortgeschichten. Die Römer nannten die Frucht persicum praecoquum, was «frühreifer Pfirsich» bedeutet. Aus dem Plural praecoqua oder jünger praecoca machten die Griechen ein brekókkia, die Araber dann ein al-barqūq. Die Spanier entlehnten daraus ihr albaricoque und die Katalanen ihr albercoc, woraus im Munde der Franzosen abricot wurde. Deren Pluralform abricots wiederum wurde bei den Niederländern zu abrikoos – was die Norddeutschen endlich als Aprikose übernahmen.

«Amerille»/«Marille»/«Barille» wurde hingegen aus dem Italienischen entlehnt. Dort ist das Wort heute nur noch dialektal erhalten; der Aprikosenbaum beispielsweise heisst in Teilen Italiens armellino. Grundlage ist wiederum das Lateinische, wo man die Frucht auch armeniaca, die «Armenische», nannte. – Das walliserdeutsche Ääm(b)rich schliesslich scheint auf einer sachlichen Verwechslung mit der Sauerkirsche zu beruhen, die in der Deutschschweiz mancherorts Ämmerli, Ämmeri, Ämmeli heisst. Ausgangslage ist hier lateinisch amārus «bitter».

Wie wäre es, wenn wir Deutschschweizer/innen das niederdeutsche «Aprikose» wieder durch das oberdeutsche «Amerille», «Marille», «Barille» ersetzen würden? «Die Armenische» ist doch viel schöner als «die Frühreife»...

(30. Juni 2015, CL)

 

Moin – die Ostfriesen erobern die Schweiz

Letzthin wurde die Redaktion angefragt, warum man denn das «berndeutsche» Grusswort moin im Idiotikon nicht finde. Nun, da moin also definitiv in der Schweiz angekommen ist, darf es auch eine unserer Wortgeschichten beanspruchen!

Restlos geklärt ist die Herkunft von moin nicht, doch norddeutsch ist es auf jeden Fall. Womöglich ist das Wort im Niederländischen sowie im nordwestlichen Niederdeutsch (dem zwischen Bremen und der deutsch-niederländischen Grenze gesprochenen Plattdeutsch) zu Hause, wo es ein mooi mit der Bedeutung «schön, prächtig, angenehm» gibt. Wünscht man nun jemandem «einen schönen Tag», dann heisst das im Emsland, im Oldenburger Land und in Ostfriesland ’n mooien Dag. Das Weglassen von Artikel und Hauptwort und damit die Reduktion auf das Adjektiv wäre nichts Ungewöhnliches und ist auch aus dem Schweizerdeutschen bekannt, wo man sich da und dort mit einem schlichten Guete! begrüssen kann. Die Kürzung von -ooi- zu -oi- wiederum könnte der besonderen Eigenschaft als elliptische (aus dem Satzzusammenhang gerissene) Partikel geschuldet sein.

Auf seiner Tour d’Allemagne hat moin, vermutlich von deutschen Handwerkern mitgebracht, schon im späteren 19. Jahrhundert auch den Hochrhein überschritten und ist im Schweizerdeutschen gelandet. Anna Zollinger-Escher (Die Grussformeln der deutschen Schweiz) nennt das Wort 1925 für etliche Schweizer Städte und Gebiete (in Zürich soll es 1875 unter Kantonsschülern beliebt gewesen sein), doch konnte es sich offenbar nur in gewissen Regionen wie um Chur und in Teilen des Kantons Bern länger halten. In jüngerer Zeit dürfte das deutsche Fernsehen dazu beigetragen haben, das Wort in der Schweiz wieder bekannter zu machen. Ob wenigstens die Variante moinz, die hierzulande auch vorkommt, ein Eigengewächs ist oder mit-importiert wurde, entzieht sich unserem Wissen.

Mooi selbst ist unbekannten Ursprungs. Es findet sich erstmals 1153 bezeugt und ist in keiner anderen germanischen Sprache als dem Niederländischen und (wohl von dort entlehnt) dem Niederdeutschen bekannt. Es wurde schon vermutet, mooi sei mit «Moder» urverwandt und über die Zwischenbedeutungen «befeuchtet», «gewaschen» und «rein» zur Bedeutung «schön» gelangt. Nach einer andern Behauptung soll es von spanisch muy «sehr» kommen; es hätte in dem Fall seine niederländisch/niederdeutsche Bedeutung über die Wendung muy bien «sehr gut» erhalten, wobei die Bedeutung «schön» von bien auf muy oder eben mooi übergesprungen wäre. Beide Erklärungsversuche vermögen nicht zu überzeugen, weshalb das neueste niederländische Herkunftswörterbuch (M. Philippa u. a.: Etymologisch Woordenboek van het Nederlands, 2003–2009) die Vermutung äussert, es könnte einer nicht mehr bekannten vor-indogermanischen Sprache entstammen.

(28. April 2015, CL)

 

Waggis

Der Waggis ist eine der beliebtesten Figuren an der Basler Fasnacht. Er stellt dort, ausgestattet mit einer übergrossen Nase, einen elsässischen Taglöhner in der Werktagstracht eines Gemüsebauern dar. Woher das Wort kommt, ist allerdings umstritten.

Alte Quellen fehlen; erstmals schriftlich belegt findet sich der Waggis im Jahre 1870 in der Schweizer Zeitschrift «Gwunderchratte». Das Wort kommt in den Varianten Waggis, Wagges, Wackes und ähnlich aber in weiten Teilen des deutschen Sprachgebietes vor – in der Nordwestschweiz, im Elsass, in Lothringen, Luxemburg, Saarland, Rheinland-Pfalz, Hessen, Baden-Württemberg, Teilen Bayerns, Thüringen und Südostsachsen. Als Bedeutungen geben die Wörterbücher zumeist liederlicher Mensch, Grobian, Rüppel, Nichtsnutz, Taugenichts, Herumtreiber, Lümmel, Strolch und Ähnliches an; weitere, nur regional vorkommende Bedeutungen sind kleines oder dickes Kind, (untersetzter) kräftiger Kerl, plumper Mann, Bahnarbeiter oder Saarschiffer, und last but not least kommt bzw. kam der Begriff verbreitet als Schimpfwort für die Elsässer und Lothringer vor.

Für die Herkunft des Wortes gibt es zwei Haupterklärungen, die beide von Baslern initiiert worden sind. Der Basellandschäftler Sekundarlehrer Gustav Adolf Seiler führte in seinem Basler Mundartwörterbuch von 1879 Waggis auf lateinisch vagus «Landstreicher» zurück, eine Erklärung, die von anderen Wörterbüchern aufgegriffen wurde und geradezu höchste Weihen erhielt, als sie um 1960 herum von Walther Mitzka in seine Bearbeitungen von Kluges «Etymologischem Wörterbuch der deutschen Sprache» aufgenommen wurde. Die andere Erklärung sprach erstmals 1902 der baselstädtische Volkskundler Eduard Hoffmann-Krayer an, und weiter ausgeführt wurde sie 1963/4 vom Freiburger Germanisten Otmar Werner. Hiernach liegt Waggis, Wackes das schriftdeutsch zwar ausgestorbene, dialektal aber da und dort noch lebendige wagge(n), wacke(n) «sich hin und her bewegen, wackeln, schwanken» zugrunde.

Die zweite Erklärung hat doch sehr viel für sich. Ein Waggis, Wackes im Sinne von «Tunichtgut, Lümmel, Rüppel» ist demzufolge jemand, der «umherwackt», also umherzieht bzw. herumlungert, statt einer anständigen Arbeit nachzugehen. Und der Wackes in der Bedeutung «dicker Mensch» oder «kleines Kind» ist jemand, der herumwackelt. Dass die Deutschen ihre 1870/71 gewonnenen linksrheinischen Mitbürger als Wackes bezeichneten, wirft also kein gutes Licht auf das deutsch-elsässische Verhältnis...

Die Endung ‑is, ‑es schliesslich ist in den deutschen Dialekt recht üblich, um einen Menschen negativ zu charakterisieren. Weitere Beispiele aus dem schweizerdeutschen Wortschaftz sind Bhau(p)tis «Rechthaber», Binggis  «Knirps», Chnolpis, Chnülfis «ungestalteter Bursche», Chnuupis «dicker, grober Kerl», Chnürbis, Chrübis «Knirps», Gääggis «Zauderer», Gäuggis «Geck», Ginggis «Knirps», Gnigis, Griggis «Schwächling», Gumpis «kleines Kind», Hosebumpis «Kleinkind», Malööggis «unreinlicher Mensch», Naaggis «Narr», Pfunggis «dicker Mensch», Poris «Knirps», Schminggis «Taugenichts», Schmulfis «Dickkopf», Spägis «magerer Mensch», Spinggis «Pedant», Suurrääbis «Sauertopf» und Tampis «plumper Mensch». Hübsch farbig-kräftige Wörter, nicht wahr?

(30. März 2015, CL)

 

Potz Sackerzucker, das isch misex e verdaalisch tüüggerischi Spraach!

Kraftausdrücke sind stark dem gesellschaftlichen und kulturellen Umfeld unterworfen. Um seine Ausdrucksweise zu würzen, berief man sich früher gerne auf Gott und Teufel, auf Seele, Sakrament, Eid und Verdammung. So richtig wohl war es einem dabei aber nicht, weshalb unser älteres Schweizerdeutsch zahlreiche Verballhornungen dieser heiklen Wörter kennt. Wir bringen im Folgenden einige Beispiele.

Gott, Gottes- wurde zu Botz oder Bott. So hiess es etwa in Zürich Botz Tunderwätter!, im Aargau, Bernbiet usw. verbreitet auch bis zur Unkenntlichkeit verkürzt und verwandelt he z Donner! Der Zürcher Chronist Gerold Edlibach fluchte um 1500: das dich botz wunden schend!, also «dass dich Gottes (Christi) Wunden zuschanden machen!» Die Fügung «bei Gott» wurde zu bigoscht, bigopp, bigopper, bigopplig und so weiter verschliffen: Hä bigopplig denn au, bischt du doo?, und die Wendung «wenn Gott will» (im Sinne von «gewiss, hoffentlich») ergab goppel, gottel, gottli und ähnlich: e goppel au!

Teufel wurde zu Tübel, Tüüchel, Tüüchsel, Tüügger, Tuusig. Der St. Galler rief Potz Tüüchel!, der Walenstadter Nääm s de Tüügger!, und der Berner fluchte Ee der Tuusig abenand!

Seele wurde in bekräftigenden Wendungen vom Typus «bei meiner Seele» zu mi See, mi Seech, mi Seecht, mi Sechs, mi Sex, mi Seep, mi Geel und ähnlich. Der Zürcher August Corrodi schrieb: Möcht s ja miseechtig mym bitterschte Fründ nid gune, ein Berner: Es isch misex zum Verrücktwäärde!, und beim Toggenburger Ulrich Bräker findet man: Mi See, ’s ist mir Ernst.

Sakrament variiert noch mehr. Aus dem Appenzellischen bezeugt haben wir beispielsweise Potz bim Sackerbränt!, aus dem Bernbiet bim Sackerlimoscht!, aus dem Thurgau sowohl Stäärnsackerlott! wie auch Bim Happermänt au!, aus dem Oberaargau Potz Sackerzucker!, aus dem Glarnerland Potz Bockremänt!, aus dem Luzernischen Potz Saffermänt!; weit herum bekannt sind Sappermänt und Sapperlott, wogegen wir Raspermänt und Schlappermänt besonders aus Innerschweizer Quellen des 16. bis 18. Jahrhunderts überliefert haben.

Auch gewiss wurde, da als blasphemisch empfunden, gar nicht gerne gehört. Im Zürcher Oberland wurde den Kindern eingeschärft, statt gwüss lieber wääger zu sagen, in Davos wurde das Wort sicher empfohlen. Andere lösten das Problem, indem sie gwüss zu gwünd, gwüni, gwüür, gwüüggere, grund und so weiter verhunzten. So schrieb der Stadtberner Rudolf Trabold: Wowol, es isch gwünd waar!, und die Berneroberländerin Maria Lauber meinte, wir hee us gwüni scho lang druuf gfröwt. Genauso heikel war beim Eid, wofür unsere Eltern, Gross- und Urgrosseltern bimeich! oder sogar bim Meiteli! sagten.

Statt verdammt sagen die Bündner lieber verdaalisch: E verdaalischi Gschicht! Und ein gopfertami «Gott verdamme mich» ersetzt man doch wohl besser durch gopferteckel, gopferteli, gopfertoori, gopfridstutz, gopfridstüdeli. So schriftstellerte der Riehener Hermann Schneider: Gopferdeggel, mache Si mi nit raasig!

Last but not least kommen wir zu verflucht, das als verfluem(e)t, verflüem(e)t, verfluemeret, verflüemeret, verrüefft, verflixt, verfluxt, verfluckt auftritt. Mit e verflüemeret Meitli bezeichnete ein Wartauer «ein nichtsnutziges Mädchen», Botz verrüefft! wie gsiescht du uus!, überlieferte ein Appenzeller der Nachwelt, und ein Solothurner verstand unter einem verfluckte Kärli einen «etwas schlimmen» Burschen. Na, wenn’s weiter nichts ist...

(6. Februar 2015, CL)

 

Wann Tiere sprechen

Weihnacht steht vor der Tür – es ist Zeit für unsere Weihnachts(wort)geschichte. Zum Sprachlichen müssen wir wenig sagen, ist es doch weithin bekannt, dass in «Weihnacht» althochdeutsch wīh «heilig» und naht «Nacht» steckt; althochdeutsch zi dēn wīhēn nahtun bedeutete also «in den heiligen Nächten». Vielleicht nicht mehr so bekannt ist, dass man das Wort im traditionellen Schweizerdeutsch Wienecht, also mit einem abgeschwächten ‑e- in der zweiten Silbe, ausspricht; in Schaffhausen, im Thurgau und im Zürcher Weinland heisst es traditionell dreisilbig und mit Umlaut in der Mittelsilbe Wynächte oder Wienächte.

Nicht vergessen sollten wir urbanen Menschen aber, dass Tiere in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember sprechen können! Im Kanton Zürich parliert das ganze Vieh im Stall. Ziemlich eingeschränkt ist die Kommunikation im zugerischen Oberägeri, wo jedes Einzeltier nur ein Wort sagt. Im bernischen Lützelflüh wiederum haben die Pferde den Übergang vom julianischen zum gregorianischen Kalender nicht vollzogen, heisst es doch, sie sprächen i der alte heilige Nacht, also erst in der Nacht vom 6. auf den 7. Januar.

Übrigens: Wie schon am Andreastag (siehe unsere letzte Wortgeschichte) kann man auch in den Weihnachtstagen in die Zukunft blicken. Ein Beispiel: Man nehme sechs Zwiebeln, halbiere sie, höhle sie aus, weise jedem solchen Schälchen einen Monat zu und fülle sie am Heiligen Abend mit Salz. Am nächsten Morgen kann man aus der relativen Feuchtigkeit des Salzes auf die Witterung des betreffenden Monats schliessen. Vergesst also Meteo Schweiz!

(19. Dezember 2014, CL)

 

Wie einem der heilige Andreas in die Zukunft schauen hilft

Für «Andreas» kennt das Schweizerdeutsche viele Varianten: Andrees, Anerees, Andreies, Andreia, Andris, Ändri, Änderli, Ändi, Drees, Rees, Reesel, Reesi, Nanzi... Am 30. November ist Andreastag – beziehungsweise dialektal Zantandreeschtagg (Wallis), Andreesetag (Nidwalden) oder Za[n]tanderschtig, Sätanderschtig (Prättigau). Bis ins 18. Jahrhundert hinein galt er als Termin für die Entrichtung von Zinsen und Zehnten. Er bot und bietet aber auch zu Erfreulicherem Anlass: Man kann seine/n Zukünftige/n erblicken!

In Basel, Luzern, Schaffhausen und Zürich wischt man hierzu um Mitternacht nackt und rückwärts die Stube und schaut anschliessend in den Spiegel (ob es auch mit dem Staubsauger geht, entzieht sich unserem Wissen). Andere Möglichkeit: In Schaffhausen, Thurgau und Zürich holt man stumm und rücklings ein Glas Wasser und schlägt ein Ei hinein, worauf sich die Gestalt des zukünftigen Mannes (auch der zukünftigen Frau?) oder aber dessen Handwerkszeug zeigt. In Aargau, Bern, Schaffhausen und Zürich geht es auch mit Blei statt Ei und dem Vernehmen nach auch mit Kaffee. Anders im Toggenburg: Hier wird das Bild des oder der Zukünftigen in einem Wasserspiegel gesucht.

Man kann sich aber auch direkt an den heiligen Andreas wenden. Die Bernerinnen (geht sicher auch bei Bernern) steigen dazu rücklings ins Bett und sagen gleichzeitig den Spruch: «Wie ich diesen Bettladen betritt, heiliger Andreas ich dich bitt, sag du mir gewisslich a, was ich für-ne Ma werd ha.» Im Zürcher Oberland sagt man beim Zubettgehen den Spruch «Hier uf der Bettstatt sitz-i, o Andreas ich bitt-di, zeig-mer hinecht i der Nacht, wele Schatz mich dänn biwacht. Ist er rych, so chunnt er gritte, ist er arm, so chunnt er gschritte», und schaut dann den Zukünftigen im Traum.

Auch in sonstigen Angelegenheiten eröffnet einem der heilige Andreas die Zukunft. In Bern, wenn abends um acht die Glocken läuten, stellt man Wasser zum Gefrieren und deutet danach die entstandenen Eisfiguren, oder man klopft zur genannten Zeit den Schafen und schliesst aus dem antwortenden Blöken auf das zu erwartende Alter. Oder aber man zieht rücklings aus einer Scheiterbeige ein Stück Holz; ist es gerade, bedeutet dies Glück, ist es krumm, Unglück. Oder man wirft rücklings den rechten Schuh über die linke Schulter die Haustreppe hinunter; landet er mit der Spitze gegen die Treppe, so bleibt die Werfende noch einmal ein Jahr ledig, landet er mit der Spitze nach aussen, so wird sie bald unter die Haube kommen.

Die Redaktion des Idiotikons nimmt die gemachten Erfahrungen gerne entgegen. Vielleicht dürfen wir den vor rund hundertdreissig Jahren verfassten Wortartikel Andrēs ja einmal nachführen!

(26. November 2014, CL)

 

Baasler Herbstmäss, Lozäärner Määs und der «huorentanz» an der Zurzacher Messe

Diesen Samstag beginnt die Basler Herbstmesse. Mäss in den Bedeutungen ‹überregionaler Markt› und ‹Verkaufsaus­stellung› hat seinen Ursprung im kirchlichen Bereich. Das Wort bedeutet zwar bis heute ‹Gottesdienst, Eucharistiefeier›, hat aber schon früh eine Bedeutungserweiterung zu ‹Feiertag› und ‹Heiligenfest› erfahren. Von da aus gab es, wie bei Chilbi (vgl. Wortgeschichte Nr. 23 vom 5. September 2012), eine Bedeutungsübertragung auf einen mit dem kirchlichen Fest verbundenen Markt.

Der Ausgangspunkt für die neue Bedeutung von Mäss war die terminliche Verbindung von Märkten mit einem kirchlichen Festtag. Schon im 14. und 15. Jahrhundert gab es in Basel, Luzern, Zürich und in vielen andern Städten und Marktflecken Jahrmärkte, die sich ‹mess› oder ‹miss› nannten. In Luzern und Zürich hat die neue Bedeutung auch zu einer neuen Aussprache des Wortes geführt; hier spricht oder sprach man das Wort in der Bedeutung Jahrmarkt als Määs, das heisst mit einem langen ää, aus. Die Baasler Herbstmäss geht zurück auf eine kaiserliche Bewilligung aus dem Jahr 1471 und dauert 14 Tage, ursprünglich vom Gedenktag der Apostel Simon und Judas (28. Oktober) bis Martini (11. November). Vielfach gab es je zwei Messen an einem Ort, eine im Frühling und eine im Herbst. Die Frühjahrsmesse in Luzern begann am Fest Kreuzauffindung (3. Mai) und dauerte ebenfalls 14 Tage, die dortige Herbstmesse ist mit dem Luzerner Patronatsfest, dem Tag des heiligen Leodegar (2. Oktober), verbunden und als Volksfest noch heute lebendig.

Es gehörte schon zum Wesen der alten Warenmessen, dass an ihnen auswärtige und ausländische Verkäufer ihre Waren feilbieten konnten. Das attraktive Warenangebot war denn auch der Hauptgrund für den Zulauf von grossen Volksmengen. Ein besonderes Licht auf die vergnügliche Seite des alten Messelebens wirft der sogenannte «huorentanz» an den Zurzacher Messen des 16. und 17. Jahrhunderts. Man muss sich diesen Tanz als rituelle Veranstaltung vorstellen, als eine Art Schönheitswettbewerb unter den in grosser Zahl angereisten Liebesdienerinnen. Der Landvogt von Baden führte dabei die schönste der anwesenden Frauen zum Tanz und überreichte ihr eine Geldgabe.

(23. Oktober 2014, HPS)

 

Mostindien – die Schweiz durch die Brille des «Postheiris»

In dieser Jahreszeit geht es wieder ans Mosten – und saisongerecht handelt unsere Wortgeschichte von Mostindien, einem scherzhaften Namen für den Thurgau.

Erfunden hat den Begriff die humoristische Zeitung «Der Postheiri», eine Publikation von der Art des heutigen «Nebelspalters», die 1845–1875 von Alfred Hartmann in Solothurn herausgegeben wurde. Der Postheiri machte sich einen Spass daraus, Kantone und Ortschaften mit einem Spitznamen zu versehen. So wurde Basel zu «Beppipopel» (der Baaselbeppi bezeichnet den Baselstädter), Stadt und Kanton Bern zu «Mutzopolis» bzw. «Mutzopotamien» (mit Anlehnung an Mutz für Bär), Gemeinde und Land Glarus zu «Schabziegeropolis» bzw. «Schabziegeranien» oder «Zigritien» (mit Bezug auf das bekannte Produkt), Graubünden zu «Blutzgerien» (nach dem Blutzger, einer Bündner Münze) und Stadt und Kanton Schaffhausen zu «Böllenopolis» bzw. «Böllenstan» oder «Böllenrepublik» (zu Bölle, Zwiebel). Für andere Namengebungen standen damalige Politiker Pate, etwa «Fazystan» für Genf (nach James Fazy) oder «Segessenland» für Luzern (nach Philipp Anton Segesser). Noch andere Namen sind nur oberflächliche, aber dennoch effektvolle Anpassungen, etwa «Andalusien» für Andelfingen, «Babel» für Basel, «Cairo» für Chur, «Honolulu» für Solothurn und «Uranien» oder «Uristan» für Uri bzw. «Urikesen» für Urner, oder aber Pseudoübersetzungen wie «Subsilvanien» für Nidwalden (in Anlehnung an Transsilvanien). Für Zürich schliesslich griff der Postheiri auf das schon von Gerold Meyer von Knonau (1804–1858) eingeführte «schweizerische Athen» zurück (die Stadt war im 18. Jahrhundert ein Zentrum der Aufklärung), das er auf «Limmat-Athen» erweiterte; der Kanton erhielt folgerichtig den Namen «Attika».

Von all den vielen Postheiri-Namen ist heute fast allein noch «Mostindien» bekannt. Dessen erste Erwähnung findet sich 1853, wo man auf einer Karikatur von Heinrich Jenny zur schweizerischen Eisenbahnpolitik im Hintergrund eine Mostbirne sieht, die mit «Most-India» beschriftet ist. Mit «Indien» hat der Name nicht direkt etwas zu tun (auch damit nicht, dass der Thurgau angeblich eine Gestalt habe, die derjenigen Indiens gleiche, wie oft behauptet wird). Es handelt sich nicht um eine Zusammenfügung von Most + Indien, sondern vielmehr um die Verschmelzung von «Most» mit dem damals bekannten geographischen Begriff «Ostindien» (eine Grossregion in Asien, die weit über den indischen Subkontinent hinausgeht). Ganz entsprechend nannte der Postheiri die Ostschweiz «Mostschweiz» (Most + Ostschweiz) und den Bodensee «Mostsee» (Most + Ostsee) oder «Mostindisches Meer» (Most + Ostindisches Meer). Anders als heute verstand man früher unter dem thurgauischen Most allerdings weniger den Apfel- als vielmehr den Birnenmost. Schon der südwestdeutsche Schriftsteller Johann Fischart (1546/47–1591), der Schaffhauser Münsterpfarrer Johann Jakob Rüeger (1548–1606) und der Zürcher Arzt und Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer 1672–1733) rühmten den Thurgauer «Berlimost», eine laut Idiotikon «vorzügliche Sorte Birnmost, die früher in Wirtschaften gleich Wein ausgeschenkt und bezahlt, auch gesotten ins Ausland verschickt wurde». Dementsprechend wird auf der genannten Karikatur von 1853 der Thurgau als Mostbirne, nicht etwa als Apfel dargestellt.

Nach der Schaffung des Begriffs «Ostindien» erhielten 1855 auch einige thurgauische Ortschaften indisch inspirierte Namen: «Arenaguhr» (Arenenberg), «Bischopspur» (Bischofszell), «Ermatapam» (Ermatingen), «Schöpsabad» (?), «Steckbornapur» (Steckborn) und «Triboldputer» (Triboltingen). Andere Thurgauer Gemeinden trugen pseudolateinische und sogar englische Namen: «Amoris villa» (Amriswil), «Cornu Romanorum» (Romanshorn), «Ladiesfield» (Frauenfeld). Und selbst Goethe wurde vom Postheiri thurgau- und birnenmostbezogen verkalauert: «Kennst du das Land, wo hoch der Birnbaum spriesst, wo trüb der Most unter der Trotte fliesst?» Wäre das nicht eine Alternative zum Thurgauerlied «Oh Thurgau, du Heimat, wie bist du so schön»?

Quellen: Schweizerisches Idiotikon Bd. IV, Sp. 541 ff.; Niklaus Bigler: Von Mostindien bis Mutzopotamien. Ortsnamen im «Postheiri», in: Festgabe für Peter Dalcher, hg. von der Redaktion des Schweizerdeutschen Wörterbuchs, Zürich 1987, S. 41–53; Peter Bretscher: Nur «Mostindien» überlebte, in: Thurgauer Zeitung, 13. Oktober 2012, S. 35.

(23. September 2014, CL)

 

Soldatensprache im Ersten Weltkrieg

1914, vor hundert Jahren, brach der Erste Weltkrieg aus, und die Schweizer Männer wurden zur Grenzbesetzung aufgeboten. Schon ein Jahr später veröffentlichte Hanns Bächtold im «Archiv für Volkskunde» Einsendungen schweizerischer Wehrmänner, in denen es unter anderem um die Soldatensprache ging. 1922 erschien ein ganzes Wörterbüchlein aus seiner Feder: «Die schweizerische Soldatensprache 1914–1918», leider weitgehend ohne die gefügten Wendungen, die noch in der älteren Publikation so zahlreich enthalten waren. Es handelt sich dabei um eines der ersten Slang-Wörterbücher der Schweiz.

Scherzhafte Bildungen sind etwa:
Affeglas „Spiegel“; Eidächsli „Radfahrer (wegen seines Gesichtsausdrucks nach langer Fahrt)“; Eiterbueb, Fleischmechaniker, Fuessmechaniker, Jensytsagänt, Jod(l)er, Chrankemörder, Pflästerlibueb „Sanitätssoldat“; Ganggeluribrüje „Kakao“; Gränzwächtersirup, Helvetiaträne „Schnaps“; Heilsarmeegülle, Heilsarmeewasser „Tee“; Hidranteschlüch, Italiänerschlüch, Zemäntröhre „Maccaroni“; Kasernegalopp, Parterrepfnüsel „Durchfall“; Mariahilf „Soldtag“; Ranzebarometer „Uniformgürtel“; Schlyfsteiwasser (und viele weitere Begriffe, die hier aus Gründen der Political Correctness nicht genannt werden) „Kaffee“; Seelejubel „Sturmangriff“; Seelespängler, Seeletürgg „Feldprediger“; Soldategugelhupf „Brot“; e Stimm ha wie-n-e Abortschüssle „eine tiefe Stimme haben“; s Bleischlegli übercho „erschossen werden“; eim e Bleisprützig mache „jemanden erschiessen“; d Eier schlyfe, s Chäsperlis mache „exerzieren“; es isch e Chue i der Luft „etwas Unangenehmes ist im Anzug“; es git en (grosse, chlyne) Näbel „ein (höherer, niedrigerer) Offizier naht“; e Schatte im Ranze ha „Hunger haben“; s Grundwasser chunt mer „ich muss pissen“; de Sold isch eso mager, das men en uf éim Arschbagge versufe cha, „sehr klein“.

Oft spöttisch sind die Bezeichnungen der Militärgrade (manche sind noch heute bekannt):
U(n)gfreute, Schmalspurkorpis „Gefreiter“; Korpis, Chalb für all, Chalb überall, Hundedressör „Korporal“; Furie, Fuetertier, Kompanimueter „Fourier“; Chraftmeister, Schwachmeister, Repetiermüli, s föift Rad am Wage „Wachtmeister“; Fäldräuel, Fäldwybli, Fäldwilli, Kompaniwauwau „Feldweibel“; Kastriermeister, Konservehäuptling „Quartiermeister“; Lefti, Lüfzger, Schmalspurmajor, Liftboy „Leutnant“; Oberlefti, Oberlüfzger, Oberländer, de Zweispurig „Oberleutnant“; Häuptli(n)g, der Alt, (Kompani-)Vatter, Kompanitiger, Presidänt, Schmalspuroberst „Hauptmann“; Herr Meier, der Alt, Bataillonstiger „Major“; de Noh-Oberst, Zweitoberst, Regimäntstiger „Oberstleutnant“; der Elter, der ganz Alt, Goldfasan „Oberst“; Bahnhofvorstand „Divisionär“. Dem Stab eines höheren Kommandos sagte man s Rösslispil, de gross Lärme.

Rätselhaft tönen Wörter wie:
Gori, Lobi, Loli, Res, Sabia oder Spöiz „Geld“; hugo sy oder lori sy „einem nicht gefallen“.

Nicht alle von Bächtolds gesammelten Wörter sind spezifisch soldatensprachlich, und etliche gehören auch noch dem heutigen Slang an. Dass er sie in sein Wörterbüchlein aufgenommen hat, dürfte aber zeigen, wie wenig gewöhnlich sie damals waren, beispielsweise:
vome tolle Aff bisse sy „nicht recht beim Verstand sein“; Arbeiterforälle „Wurst“; Fackel „Schriftstück, schriftlicher Befehl“; Kaff „Ortschaft“; penne, pfuse „schlafen“; Pouletfridhof „dicker Bauch“ (heute: Güggelifridhof); Schale „Kleidung“; schluche „drillen“; seckle „rennen“; spachtle „essen“.

(19. August 2014, CL)

 

Wilhelm Tell – woher kommt dieser Name?

Angesichts des sich nähernden Bundesfeiertags widmen wir uns – Wilhelm Tell. Nicht der Sage als solcher, sondern dem Namen. Als unser Nationalheld zum ersten Mal in einer Schweizer Quelle erwähnt wurde, dem Weissen Buch von Sarnen (um 1470), hiess er Tall, bei seiner zweiten Erwähnung im Tellenlied (1477) dann Tell. Ein solcher Name war einst gar nicht so ungewöhnlich, wie heutige Ortsnamen bezeugen; so gibt es etwa in Obwalden ein Delligen, in Nidwalden ein Dallenwil, in Zürich sowohl ein Dällikon als auch ein Thalwil und im Jura ein Delsberg – alles Hinweise, dass sich dort vor langer Zeit ein Tall oder ein Tell mit seiner Sippe niedergelassen hatte. Nur – haben sie sprachlich überhaupt etwas mit unserem Nationalhelden zu tun? Der Name Tall oder Tell ist nämlich nicht einfach zu deuten.

Der erste Erklärungsversuch liegt recht nahe: Grundlage könnte das germanische Wort *dalla- sein, das zwar fast überall schon sehr früh ausgestorben ist, aber noch in der altenglischen Dichtersprache in der Bedeutung „stolz, vertrauend auf etwas“ gebraucht wurde. Diese würde nun bestens zum stolzen Tell passen, der dem Gesslerhut den Gruss verweigerte, und einen Personennamen Tallo, Tello gab es im Althochdeutschen auch tatsächlich. Allein: Sobald ein Wort als Gattungswort, das heisst Nicht-Name, ausstirbt, kann auch die Bedeutung des Namens nicht mehr verstanden werden. Unsere Mittelhochdeutsch sprechenden Vorfahren wären also gar nicht mehr imstande gewesen, den Namen Tall oder Tell mit „stolz“ zu verbinden. Es ist deshalb wahrscheinlicher, bei den althochdeutsch bezeugten Personennamen, die auch den genannten Ortsnamen zugrunde liegen, Kurzformen eines freilich auch nicht näher bekannten zweigliedrigen germanischen Rufnamens zu sehen.

Eine andere Deutungsmöglichkeit ist das pure Gegenteil und schliesst an das Verb talen, dälen an, das „einfältig reden“ bedeutete und im Schweizerdeutschen noch bis ins 19. Jahrhundert belegt werden kann; auch ein Wort Däll mit der Bedeutung „Einfältiger, Tor“ war in Basel noch bis ins 19. Jahrhundert bekannt. Schelten Sie den Schreiber dieser Wortgeschichte nun nicht einen Landesverräter – es scheint nämlich genau diese Bedeutung zu sein, an welche der Verfasser des Weissen Buches von Sarnen denkt, wenn er um 1470 Wilhelm Tell auf die Frage, warum er den Hut nicht gegrüsst habe, antworten lässt: „Es ist geschen an geverd, denn ich han nit gewüsset, das es uwer gnad so hoch besachen solti, denn wëre ich witzig, und ich hiessi anders und nit der Tall“, in heutigem Deutsch: „Es ist ohne Hintergedanken geschehen, denn ich habe nicht gewusst, dass es Euer Gnaden so sehr beachten würden, denn wäre ich verständig (klug), hiesse ich anders und nicht der Tall“.

Wir werden nie erfahren, warum die spätmittelalterlichen Schweizer Chronisten dem Helden den Namen Tall oder Tell gaben. In den ausserschweizerischen Varianten der Apfelschuss-Sage heisst der Schütze jedenfalls anders: Die Skandinavier nannten ihn im 13. Jahrhundert einmal Egill und einmal Toko (latinisiert für Toki) und die Deutschen im späten 15. Jahrhundert Punker von Rohrbach. Wichtiger als der Name des Helden war ganz offensichtlich das Motiv – und das hat’s ja tatsächlich in sich!

(9. Juli 2014, CL)

 

Am Grümpelturnier mit einem Stängeli butze

Es ist wieder Fussballzeit. Nachdem wir während der Euro 2012 über das aus dem Englischen stammende tschute, schute geschrieben haben (Wortgeschichte Nr. 11), wollen wir uns anlässlich der WM 2014 ein paar einheimischen Wortschöpfungen zuwenden.

Beginnen wir mit dem Schuhwerk. Der mit Gummi- oder Schraubstollen versehene Fussballschuh heisst in der Deutschschweiz Töggelischue. Im Erstglied dieses Worts steckt das Verb töggele, das soviel bedeutet wie ‘spielen, tändeln, herumspringen’; als Ableitung von Toggel ‘Plaggeist, Nachtgespenst’ hat es aber eine verwinkelte Herkunftsgeschichte. Töggele tut man auch am Töggelichaschte, dem Tischfussballtisch. Einen Tischfussballmatch gewinnt immer die Mannschaft, die zuerst zehn Chischte ‘Tore’ erzielt hat. Gezählt werden sie mittels der zehn an einer kleinen Metallstange aufgereihten Kugeln – weshalb auch im «richtigen» Fussball ein Sieg mit zehn Toren  Stängeli heisst. Was beim Tischfussball (fast) die einzige Schusstechnik ist, hat im «richtigen» Spiel einen schlechten Ruf: die Spitzguuge oder der Spitzgagel, der mit der Fussspitze abgefeuerte Schuss. Eine Guuge ist etwas Aufgeblasenes oder etwas, womit man bläst; das alte Verb spickguuge meint denn auch ‘ein Kügelchen durch ein Rohr blasen’. Vielleicht hat die Spitzguuge also ihren Namen von der nicht anders als fadegraad möglichen Flugbahn. Der Gagel im Spitzgagel ist wörtlich das kugelförmige Exkrement von Tieren, in der Soldatensprache die Artilleriegranate, und von hier aus ist es natürlich nicht weit zum häufig auch sehr martialischen Fussballjargon. Meist nicht viel Fussballzauber wird an einem Grümpelturnier (abgekürzt Grümpi) zelebriert, einem Amateurturnier, das seinen Namen urspünglich von Schützenfesten hat, an denen um Grümpel ‘kleine, wenig wertvolle Gegenstände, Gerümpel’ geschossen wurde. Mit Grümpel ist also nicht die Qualität der Spielweise gemeint, sondern das Wenige, das es für den Sieger zu gewinnen gibt. Ob an einem Grümpelturnier oder an der WM: Der Sieger butzt, der Verlierer wird abtröchnet. Butze ‘reinigen’ erhielt in seiner verschlungenen Wortgeschichte schon früh Nebenbedeutungen wie ‘abfertigen’, und vom transitiven Gebrauch ‘einen Gegner bewältigen’ war es nicht mehr weit zum intransitiven ‘siegen’. Abtröchnet wird der Gegner bei einer besonders ärgerlichen oder schmerzhaften Niederlage, die Metapher hiess ursprünglich jemanden mit Fäusten abtrocknen, also ‘verprügeln’. Hoffen wir aber auf wenig Fäuste und viel Fairplay an der WM!

(18. Juni 2014, MHG)

 

Wie man vor 500 Jahren gefrotzelt und beleidigt hat...

Wie hat man eigentlich vom 14. bis 17. Jahrhundert herumgefrotzelt und andere beleidigt? Deftig, kann man nur sagen... Die Zitate stammen aus Zürcher Gerichtsprotokollen, sofern nichts anderes bemerkt ist; Worterklärungen finden sich ganz unten.

Den Anfang macht Johannes Mahler in seinem 1620 aufgeführten „Spiel von St. Stanislaus“:
Mir wendt gon sauffen ritterlich, das bintzen wachsendt in dem maul.

Gröber sind die Beschimpfungen, derentwegen man sich vor Gericht wiederfand:
[Der Gefangene habe] zuo einem under denen, so inn gfüert, gsagt, wenn er widerumb ledig werde, welle er ime, wie dißern kätzern allen, das liecht ablöschen (1601).
Ich tritt dich in den buch, daß dir das kat und die tärm zum ars us gat (1423).
Er sölle ussgelassen haben, wann sy im wurde, welte er iro ein schlappen geben, das iro die kuttlen under den füessen liggen müesstind (1541/3).
Gang und erschiß dich, wetten kat gat es dich an (1432).
Er, Kästli, [habe] den, so ims guoter meinung geweert – reverenter ze melden –, heißen inns füdli blaßen, und [habe ihn] dartzuo für das huß ußhin gladen, da welle er mit im houwen (1601).
Krottmenli! Herdmenli! Er solle iren fünff pfund kuder in arß blasen (1584, Chorgericht Ins).

Die obszönsten Beschimpfungen enthalten Wörter, für welche die unten gegebenen Erläuterungen ganz hilfreich sind:
Du zers-futt-schelm, daz dich das vallend übel angang! (1420).
Er sye ein gehigender zers-futt-schelm, und sider er die zers-futt-pfaffen-huoren hab, so künne nieman mit im ze recht komen (1421).
Daruf der F. antwurte, wenn meister H. redte, daz er die 14 guldin nit sölt, so het er ein esel ghyt (1482).
Das gehig dich in diner muoter switz, du zers-leker! (1436).
Do sprach der W. zuo im: Der tüfel gehy dich und füdloche dich (1394).
Welcher dem andern under augen spricht: böswicht; schelm; gehy dyn muotter; du lügst; du hast es erhyt oder verlogen, soll 5 pfund pfennig (15. Jahrhundert, Glarus)

Was man im frühen 16. Jahrhundert im Heiligen Land von den europäischen Pilgern hielt, überliefert uns Heinrich Stultz:
Zuo zitten hattent sy eim den ars dar und liessent ein furcz gegen eim (1519).

Auch die deutschen Landsknechte dachten nicht sehr nett über die Schweiz und sagten, sie würden’s mit den Kühen treiben:
Vil schantlicher wort und werk, so die lanzknecht den Eignossen zuoleitend, wie si alle kuogehier, unkristenliche lüt und böser denn die Türggen werind, malotend Schwizer hinder die kuo, als ob die kezerwerch tribind, [und sagten, dass sie] die Eignossen uff die kuomüler schlachen und sich an inen rechen wöltind (1508/16, Brennwald-Chronik).
Die Schweitzer sind in Picardei zogen / Si hand vil großer küe usgsogen  / Demnach sind sy dainnen gstorben / Ist menge kuo zur wittwen worden (1546, von Myconius an Bullinger mitgeteilt).

Was etliche Zürcher Männer von den Frauen aus dem Zürcher Oberland hielten, erhellt sich aus dem Folgenden:
[Sie hätten] im fürgehalten, er hette eins meytli uß Grüeninger amt genommen, die ließind sich über ein jede karenleysen legen (1545).

Wehrlos waren die Frauen aber nicht unbedingt:
[Eine Frau wollte dem Mann die „ehelichen Werke“ nicht gestatten] zu ihm sagende, wan er sy darzu zwinge, wollte sy ihme eher ein Messer in den Lyb stecken, sy möge des Këtzers Füdliwerchs – reverenter – nichts (1676).

Inzwischen ist der Wortgeschichten-Schreiber bis über beide Ohren rot angelaufen und verspricht, das nächste Mal wieder über ein ganz anständiges Thema zu schreiben!

Worterklärungen
binz: Binse – kât: Exkrement, Dreck – wann sy im wurde: wenn er sie erwische – erschîssen: sich auskacken – wetten: was für ein, welch – ledig: frei – reventer (ze melden): mit Verlaub (gesagt) – herdmännli: Zwerg – kûder: Werg, Abfall von Hanf und Flachs – zers: Penis – fud (futt): Vulva – schelm: Betrüger, Schurke, Gauner – vallend übel: Epilepsie – gehîen (gehyen, ghyen, gehîgen): begatten; Unzucht treiben – [einen Geldbetrag] sollen, söllen: schuldig sein – schwitz (switz): Schweiss – lecker (leker): Schmarotzer, Nichtsnutz uä. – füdlochen: penetrieren – kuo-gehîer: Sodomit – malotend: (sie) malten, zeichneten – ketzerwerch trîben: (hier:) Sodomie betreiben – karrenleise: Wagenspur in der Fahrstrasse, im Fahrweg – füdliwerch: Geschlechtsverkehr

(12. Juni 2014, CL)

 

Säit öpper öppis? ötschwär ötschis? etter ettis? näber näbis? eswär eswas? einwär einwas?

Säit öpper öppis? oder ötschwär ötschis? etter ettis? näber näbis? eswär eswas? einwär einwas? Der schweizerdeutsche Wortschatz zeigt sich im Bereich der Indefinitpronomen „jemand“, „etwas“, „etwa“, „irgendwo“, „irgendwann“ und so weiter geradezu exotisch.

Das verbreitete öpper ,jemand‘, öppis ,etwas‘, öppe ,etwa‘ bzw. epper, eppis, eppe, das werdenbergische ötschwär, ötschis, ötsche, das Glarner etter, ettis, ette und das Walliser bzw. Walser eswär, eswas, eswa gehen alle, zusammen mit dem hochdeutschen etwas und etwa, auf dieselbe Grundlage zurück, nämlich althochdeutsch eddes-hwër, eddes-hwaz, eddes-hwâ. Die Vorsilbe eddes- ist nicht ganz klarer Herkunft, aber wahrscheinlich liegt Verwandtschaft mit althochdeutsch eddo, odo ,oder‘ vor. Die genannten Dialektvarianten basieren auf verschiedenen Kürzungen dieser Vorsilbe und Verschmelzungen der Laute t + w.

Recht abenteuerlich ist die Herkunft des oben in seiner st.gallisch-appenzellischen Lautung zitierten näber ,jemand‘, näbis ,etwas‘, näbe ,etwa‘. Weitere Varianten sind etwa süd-st.gallisch nämer, ostthurgauisch naamer sowie urnerisch, unterwaldnerisch und berneroberländisch näiwer, nöiwer und ähnlich. In der Bedeutung ,irgendwo‘ ist dieser Typus als näime oder nöime auch im Mittelland gut vertreten. Sprachgeschichtliche Grundlage ist fast ein ganzer mittelhochdeutscher Satz, nämlich ih ne-weiz wër bzw. ih ne-weiz waz, ih ne-weiz wâ, was ,ich weiss nicht wer (bzw. was, wo)‘ bedeutet.

Am isoliertesten sind ei(n)wër ,jemand‘, ei(n)was ,etwas‘. Sie kommen, zusammen mit ei(n)wäder ,eines von beiden‘ und ei(n)wenn ,irgendwann‘, im Prättigau vor; die Nordostschweiz wiederum kennt mit „ welch“ zusammengesetztes eiwel (und ähnlich) ,irgendeiner; manche‘. Die Vorsilbe ist hier althochdeutsch ein, das zuerst ,irgendein‘ bedeutete und später zum unbestimmten Artikel (etwa in ein Haus) wurde.

Kurz: Unser öppis, ötschis, ettis, eswas ist eigentlich ein „oder-was“, unser näbis ein „ich-weiss-nicht-was“ und unser einwas ein „irgendein-was“. Und weil sich das schriftdeutsche irgend im Schweizerdeutschen nun auch breit macht, sei noch dessen Herkunft mitgeteilt: Es kommt von althochdeutsch io-hwer-gin, einer Zusammensetzung von io ,immer‘, hwar ,wo‘ und dem Unbestimmtheit ausdrückenden gin. Modernes irgendwo bedeutet also eigentlich etwa „immer-wo-irgend-wo“ – ist also im Vergleich zu unseren schweizerdeutschen Varianten etwas doppeltgemoppelt...

(22. Mai 2014, CL)

 

Der Sechseläutenböögg und andere Bööggen

Jeden April wird am Zürcher Sechseläuten der Böögg verbrannt, ein auf einem zehn Meter hohen Holzhaufen stehender, mit Holzwolle und Knallkörpern gefüllter Schneemann. Bevor der Böögg im 19. Jahrhundert eine Angelegenheit der Zünfter wurde, trugen Knaben aus den verschiedenen Quartieren solche den Winter darstellenden Strohpuppen zur Schau durch die Stadt und verbrannten sie anschliessend.

Das Wort ist oder war auch ausserhalb Zürichs bekannt und bezeichnet(e) in der ganzen Deutschschweiz eine vermummte Person, die sich an der Fasnacht und ähnlichen Anlässen bettelnd, die Jugend erschreckend und allerlei andern Unfug verübend auf den Strassen herumtreibt. Bööggen trieben ihr Unwesen oft recht hemmungslos; so heisst es 1417 aus Basel, es sei als neue Gewohnheit aufgekommen, im Advent als Böögg verkleidet ehrbare Leute in ihren Häusern zu überfallen. Im gleichen Jahr erliess der Luzerner Rat ein Verbot, an der Fasnacht als Böögg herumzugehen. 1579 wurde in Luzern abermals verkündet, es werde mit Gefängnis bestraft und zehn Gulden gebüsst, wer sich als Böögg verhülle. In älteren Zeiten gab es in der Stadt Zürich Sächsilüüte-Böögge, die mit dem heutigen Böögg überhaupt nichts zu tun hatten: Es handelte sich vielmehr um Männer, deren Verkleidung aus einem über und über mit Schneckenhäuschen besetzten Gewand bestand. Nach und nach scheint sich die Obrigkeit aber durchgesetzt zu haben, heisst es doch 1786 aus Zürich, am Hirsmontag sehe man keine Mummereien und keine Bööggen mehr. Dass Maskierungen und Verkleidungen inzwischen wieder so beliebt geworden sind, ist zu einem grossen Teil der Brauchtumserneuerung des 20. Jahrhunderts zu verdanken.

Woher das Wort Böögg kommt, ist ungewiss. Im Englischen gibt es ein bogy, bogle oder boggle, das ebenfalls die Schreckgestalt bezeichnet und vom zwanzigbändigen Oxford English Dictionary am liebsten auf das walisische bwg (sprich bug) „Geist“ beziehungsweise bwgwl (sprich bugul) „Schrecken“ zurückgeführt würde – gäbe es nicht auch den alemannischen Böögg und den schwäbischen Bockelmann. Ob die englischen und deutschen Wörter zusammengehören, ist freilich nicht weniger unsicher. Kaum zweifelhaft ist hingegen, dass Böögg im Sinne von „Klümpchen vertrockneten Nasenschleims, Popel“ und „Blütenrest am Kernobst“ mit der Bedeutung „Schreckgestalt“ zusammengehören – wie übrigens auch im Englischen bogy sowohl für „Schreckgespenst“ als auch für „Popel“ steht. Auszugehen wäre dabei von einer gemeinsamen Grundidee des Schrecklichen, Monströsen einerseits und des Ekelhaften, Verkümmerten, Missgestalteten anderseits. Vielleicht müsste man auch dem Zürcher Böögg eine etwas grimmigere Gestalt verleihen...

(29. April 2014, CL)

 

Ittemeinglische – Mattenenglisch

Nach unserer Wortgeschichte über das Mattenberndeutsche, den Soziolekt der einstigen Bewohner des Berner Matte-Quartiers, gehen wir heute auf deren Geheimsprache, das Mattenenglische, ein. Die anerkannteste Version, die I-E-Sprache, ist diejenige, welche erstens die Silben der einzelnen mattenberndeutschen Wörter austauscht, zweitens das so entstandene Wort mit einem I einleitet und es drittens mit einem E abschliesst. Damit lautet der Satz Der Fridu geit i d’ Schtibere «Der Fritz geht in die Stadt» in der I-E-Sprache Irde Idufre itge i d’ Ibereschte. Wer schafft es, das folgende Gespräch zwischen zwei Fischern zu übersetzen? A.: Irme irdewe immere Icherpe ise im-me Ischfe-ischteche iggetgme. B.: Iischwe iswe, Iggule, ichsme iwe ie, ie isele idere Ire-e, isbe ie ise ichebre. (Anmerkung: Picher ist mattenberndeutsch für Fisch; Lüggu ist Louis, Ludwig). Ein anderer, einfacherer Typus ist die adi-Sprache. Hier wird in jeder betonten Silbe anstatt des Vokals das zweisilbige -adi- eingeschoben. Der mattenberndeutsche Satz Fridu, gi-mer e Ligu Lehm! «Fritz, gib mir ein Stück Brot» heisst in der adi-Sprache folglich Fradidu, gadi-mer e Ladigu Ladim!

Geheimsprachen, die mittels des Austausches oder Einfügens von Silben und des Einfügens und/oder Anhängens zusätzlicher Vokale funktionieren, werden erstmals von Leonhard Thurneysser erwähnt, einem in Basel geborenen, aber hauptsächlich in Deutschland tätigen Goldschmied und Apothekenarzt. 1583 überlieferte er den Satz Iltuwen itmen irmen engen Assburgstren iechenzen? für «Wiltu mit mir gen Strassburg ziechen?» Der Nürnberger Sprachwissenschafter und Mathematiker Daniel Schwenter notierte 1620 den Satz Anwe ude irme ein Alerte ibstge, ose ilwe ich itme irde iehenze, owe inhe ude iltwe, und oltestse ude eydre oder ierve eilme eysenre für «Wann du mir ein Taler gibst, so wil ich mit dir ziehen, wo hin du wilt, und soltest du drey oder vier Meil reysen». Und der Niedersachse Justus Georg Schottelius führte in seiner berühmten deutschen Grammatik von 1663 den Satz an: Iese iedschmenwe [richtig: iedenschme?] einwe unweugkle iweerde ichde, was «Sie schmieden ein Unglück wider dich» bedeutet. Auch für den Typus der adi-Sprache gibt es historische Parallelen. Thurneysser zitierte 1583 die b-Sprache, in welcher der Vokal um ein ‑b- erweitert und verdoppelt wird: Weber glabaubt ubund gebetabaufebet wibird, deber wibird sebelebig weberdeben («Wer glaubt und getauft wird, der wird selig werden»).

Wann die Mätteler diese Geheimsprachen kennengelernt haben, ist unbekannt; sie dürfte aber auch an der Aare schon vor langer Zeit heimisch geworden sein. «Englisch» meint hier übrigens einfach «unverständliche Sprache», wie «welsch» in «Kauderwelsch». Otto von Greyerz’ Theorie, der Begriff «Mattenenglisch» gehe auf die um 1400 erwähnte «Engi», die Strassenenge nahe der Untertorbrücke, zurück, ist ganz unwahrscheinlich.

(Nach Otto von Greyerz: Das Berner Mattenenglisch und sein Ausläufer, die Berner Bubensprache, in: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 29 [1929]; Matteänglisch-Club Bärn: Matteänglisch. Geschichte der Matte. Dialekt und Geheimsprache, Bern 1969; Gottfried Stettler: Was isch Matteänglisch?, in: Der Bund, Nr. 196 vom 23. August 1974.)

(26. März 2014, CL)

 

Gieu, iu, Schwoscht und Konsorten: das Mattenberndeutsche

Gieu, iu, Chemp, Schlööf und schlööfe, Schwees oder Schwoscht, Modi, Blofer oder Blofi – Berndeutsch zeichnet sich nicht nur durch eine bemerkenswerte sprachliche Beharrungskraft, sondern auch durch eigentümliche Neuerungen aus. Viele dieser Innovationen gehen teils direkt, teils via Nachahmung auch indirekt vom einstigen Mattenberndeutsch* aus. Mattenberndeutsch war die Umgangssprache der stadtbernischen Unterschicht, die zu Füssen der Berner Altstadt direkt an der Aare im Mattequartier wohnte. Wie andere Sondersprachen ging es spielerisch mit Wörtern um und kannte zahlreiche Begriffe aus dem Rotwelschen (Rotwelsch ist die Bezeichnung der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Geheimsprache gesellschaftlicher Randgruppen und krimineller Subkulturen). Zwei Sätze auf Mattenberndeutsch mögen zur Illustration dienen: Na der Tschaagge gö mir a d’ Iru hingere ga pichere ,Nach der Schule gehen wir hinten in der Aare fischen‘. I wott i d’ Schtibere nupfe ga schyfere für Schinagu ,Ich will in die Stadt eilen und mich nach Arbeit umsehen.‘ Als lebendige Umgangssprache ist Mattenberndeutsch heute verschwunden, doch haben es einige seiner Wörter geschafft, Teil der Berner Alltagssprache zu werden, und seine Lautspielereien wirken bis heute in der bernischen Umgangssprache nach.

Eines der erfolgreichsten mattenberndeutschen Wörter ist Gieu ,Knabe, Bub‘. Im Rotwelschen bedeutete Giel ,Mund‘ und setzt damit mittelhochdeutsch giel ,Maul, Rachen, Schlund‘ fort, das seinerseits von französisch gueule ,Maul‘ stammt. Wie es von der Bedeutung ,Mund‘ zur Bedeutung ,Bub‘ gekommen ist, ist allerdings völlig unklar – nur spekulativ ist die Idee, dass manche Burschen gerne ein loses Mundwerk haben... Iu ,ja‘ – das ‑u ist wie bei Gieu aus ‑el entstanden – findet im gleichbedeutenden jenischen jell sein Pendant (Jenisch ist die Sondersprache der Schweizer Fahrenden) und dürfte eine Erweiterung von ja darstellen. Ursprünglich mattenberndeutsch wird auch Chemp ,Stein‘ sein, doch tappen wir bezüglich Herleitung des Wortes im Dunkeln. Die Mätteler und ihre Nachahmer waren und sind auch besonders kreativ im Umformen bestehender Wörter. Schlööf ,Eisbahn‘ beziehungsweise schlööfe ,Schlittschuh laufen‘ zeigt Vokalwechsel von ii zu öö, man vergleiche schweizerdeutsch Schlyfschue ,Schlittschuh‘. In Schwees oder Schwoscht ,Schwester‘ treten spielerische Änderungen im Vokalismus und teilweise Konsonantismus sowie Reduktion auf die Stammsilbe des Wortes auf. Modi ,Mädchen‘ weist Vokalwechsel von ei zu o sowie Austausch des Suffixes -tschi durch -i auf. Und bei Blofer oder Blofi ,Bleistift‘ bleibt lediglich die anlautende Konsonantengruppe unverändert. Der Kreativität sind somit kaum Grenzen gesetzt...

* Entsprechend der Terminologie des Matteänglisch-Club Bärn unterscheiden wir hier zwischen «Mattenberndeutsch» (dem Soziolekt der Matte) und «Mattenenglisch» (der Geheimsprache der Mätteler). Letzterem werden wir unsere nächste Wortgeschichte widmen. Zur Sprache der Mätteler gibt es zwei gut verständliche Publikationen – Otto von Greyerz: E Ligu Lehm, Bern 1967/1999 (Erstveröffentlichung im Schweizerischen Archiv für Volkskunde 29 [1929]), sowie Matteänglisch-Club Bärn: Matteänglisch. Geschichte der Matte. Dialekt und Geheimsprache, Bern 1969/2001.

(19. März 2014, CL)

 

Der Ginöffel ginöfflet

Zwei der wunderlichsten schweizerdeutschen Wörter sind der Ginöffel oder Ginöff einerseits und das dazugehörige Verb ginöffle anderseits. Die Bedeutung von ginöffle ist „gaffen, glotzen; mit offenem Mund dastehen, Maulaffen feilhalten; neugierig die Nase strecken“, und ein Ginöff(el) ist ein „Tölpel, dummer Kerl“. Die sprachgeschichtliche Herleitung ist nicht ganz einfach. Im vorderen Teil der Wörter dürfte gyne, ginne stecken, was „klaffen; das Maul aufsperren; gähnen“ bedeutet und in mehreren deutschen Dialekten und germanischen Sprachen so oder ähnlich bekannt ist. Der hintere Teil könnte auf das von Personennamen bekannte, aus -wolf verkürzte -olf zurückgehen (vgl. Rudolf, Adolf usw.), das auch ausserhalb des Namenbereichs Anwendung fand. So kannte das Mittelhochdeutsche den ginolf, was den (mit offenem Mund dastehenden) Narren bezeichnete. Es mag sein, dass unser Ginöffel noch eine Erinnerung hieran ist.

Neben dem Typus auf -öff(el), -öffle gibt es übrigens auch denjenigen auf -aff, -affle. Der Ginaff ist „jemand, der viel gähnt“, ginaffle meint „mit weit offenem Mund und Augen müssig, dumm, neugierig dastehen, glotzen, gaffen“, und ginaffe heisst „offen stehen, zum Vorschein kommen“. Diese Varianten stellen wohl einen sekundären Anschluss an Aff „Affe“ dar und dürften somit Umdeutungen der obigen Formen sein.

So oder so – es wird einmal mehr deutlich, wie kreativ und vielfältig Sprache ist!

(5. Februar 2014, CL)

 

Karl der Grosse & Karl der Kühne

Am 28. Januar vor 1200 Jahren starb Karl der Grosse. Vom sagenhaften Gründer des Zürcher Grossmünsters und einstigen Stadtpatron Zürichs könnte man meinen, dass er sich auch sprachlich in Form von Wendungen und Redensarten im Zürichdeutschen verewigt habe. Das ist jedoch gar nicht der Fall; die Erinnerung an ihn beschränkt sich auf Sagen, die Karl als frommen und gerechten Herrscher zeigen, und auf die in Stein gemeisselte Figur hoch oben auf dem Karlsturm seines Münsters, von wo der Herrscher nun schon seit Jahrhunderten majestätisch, aber stumm auf die Stadt hinunterschaut.

Weiter westlich, im Bernischen und Solothurnischen, gibt es hingegen die Wendung s Karlis Hoof haa bzw. Karlishoof haa oder s Karlis Hoof trybe bzw. Karlishoof trybe oder einfach s Karlis haa, was „grosse Festlichkeiten, geräuschvolles Vergnügen, schäkernde Unterhaltung“ bedeutet. Es ist offensichtlich, dass diese Redensart sich nicht auf den frommen Karl des Frühmittelalters (also den Grossen), sondern auf den prunkenden Karl des Spätmittelalters, genannt der Kühne, bezieht. Der Wasserämter Jakob Hofstätter schrieb, die Erben hei nes splendids Grebtmohl ag'stellt und derby gsunge, g'juzget, tanzet und Karlishoof tribe as wie am fürnehmste Buurehochzyt, und Jeremias Gotthelf stellte fest, dass es sich an einer Gräbt … nicht schickt, Carlishof zu haben und Gugelfug untereinander.

Den stärksten sprachlichen Einfluss hatte Karl der Grosse interessanterweise auf die Slawen, über die er gar nie herrschte: Die slawischen Wörter für „König“ – tschechisch král, serbokroatisch kralj, bulgarisch kral, polnisch król, russisch korol’ sowie vom Slawischen aus auch ungarisch király und rumänisch crai – gehen nämlich alle auf „Karl“ zurück, und zwar sicher auf den Grossen, nicht den Kühnen. Umgekehrt: Was ist eigentlich die Grundbedeutung von „Karl“? Sie ist ganz unspektakulär: Germanisch *karlaz bedeutete schlicht und einfach „(älterer) Mann“ – eng verwandt mit dem noch heute gängigen Gattungswort „Kerl“.

(28. Januar 2014, CL)

 

Nikolaus, Christkind, Weihnachtskind, Neujahrkind, Mutti, Pelzer & Santa Claus

Jetzt zieht es wieder durch die Lande: das Chrischtchindli oder Wienechtschindli, wie es in den reformierten Teilen der westlichen Deutschschweiz aus religionspuristischen Gründen genannt wird. Oder ist es, wie uns Weihnachtsbeleuchtung und Werbung glauben machen wollen, allenfalls doch eher Santa Claus?

Will man sich über die Identität des Gabenbringers in der Schweiz informieren, lohnt es sich, einen Blick ins Schweizerische Idiotikon – das nicht nur ein Wörterbuch ist, sondern auch der Volkskunde viel Platz einräumt – und in den Atlas der schweizerischen Volkskunde zu werfen! Da erfährt man staunend, dass im 18. und 19. Jahrhundert etwa in der Stadt Zürich, in Appenzell Ausserrhoden und im Sarganserland am Heiligabend nicht das Christkind, sondern der Chlaus (St. Nikolaus) die Kinder beschenkte, und andernorts in den Kantonen Aargau, Glarus, St. Gallen und Zürich tat er dasselbe am Silvester. In der Stadt Zürich wurde das geschmückte Bäumchen vor und nach 1800 ebenfalls vom Nikolaus mitgebracht, das entsprechend Chlausbaum und nicht wie heute Chrischtbaum hiess. Auch das Mundartwort Chlaus oder Chlause mit den Bedeutungen «Weihnachts- bzw. Neujahrsgeschenk» oder überhaupt «Bescherung», welches das Idiotikon für die Kantone Appenzell, Glarus, St. Gallen und Zürich belegt, macht deutlich, dass vor noch nicht allzu langer Zeit auch in der Schweiz vielerorts der Nikolaus und nicht das Christkind als Gabenbringer tätig war. In Basel und Bern dagegen war der Bescherende weder das Weihnachtskind noch der Nikolaus, sondern das Neujahrchindli, das noch im 19. Jahrhundert auch in der Stadt Zürich mit dem Nikolaus konkurrierte. Daneben gab es zwei weitere Gestalten, nämlich da und dort im Berner Mittelland den Mutti und da und dort im Berner Oberland den Pelzer; beides deutet auf eine vermummte Gestalt hin.

Wir sehen einmal mehr, wie relativ jung unser angeblich so uraltes Brauchtum in Tat und Wahrheit sein kann und wie rasch früheres Brauchtum der Vergessenheit anheimfällt. 1895 schrieben die Redaktoren des Idiotikons in der Anmerkung zum Wort Neujahrchindli, das Beschenken an Weihnachten statt am 6. Dezember (katholisch) oder am Jahreswechsel (reformiert) sei «modern» und die Figur des Chrischtchindli «noch moderner» und «wohl der deutschen Einwanderung» zuzuschreiben. Offensichtlich hatte sich in der Schweiz der herkömmliche Gabenbringer Nikolaus auch nach der Reformation noch jahrhundertelang überkonfessionell behaupten können. Zwar versuchte die reformierte Obrigkeit, an seiner Stelle ein Neujahrskind beliebt zu machen, allerdings mit bescheidenem Erfolg. Die offenbar aus dem deutschen Raum übernommene Gestalt des Christkinds (oder Weihnachtskinds) hat es jedenfalls erst im 19., in gewissen ländlichen Regionen sogar erst im 20. Jahrhundert geschafft, den Nikolaus als Gabenbringer zu verdrängen. Man darf es somit als Ironie der Kulturgeschichte bezeichnen, dass Santa Claus, ein amerikanischer Import, letztlich dazu beiträgt, den in der Schweiz ausgestorbenen weihnächtlichen Nikolausbrauch wiederzubeleben...

(19. Dezember 2013, CL)

 

Zibele und Bölle

Alljährlich am vierten Montag im November findet in Bern der  „Zibelemärit" statt, weshalb wir unsere heutige Wortgeschichte der Küchenzwiebel widmen.

Dialektal ist die Deutschschweiz ziemlich genau zweigeteilt: In der westlichen Hälfte sagt man Zibele (Ziibele, Zübele, Züübele), in der östlichen Hälfte Bölle (Böle, Büle, Bülle, Belle). Das Westwort Zibele kam – vielleicht über die Klostersprache – aus dem Süden in die Schweiz; Grundlage ist spätlateinisch cepulla bzw. eine altromanische Dialektvariante cebulla, wobei sich die romanische Betonung auf der zweiten Silbe in eine germanische auf der ersten Silbe verwandelt hat: cebúlla > cébulla > Zíbele.

Die Herkunft des Ostwortes Bölle ist nicht so klar. Nach der einen These liegt ebenfalls spätlateinisch cepulla oder wohl eher schon – über den Italienhandel in die östliche Deutschschweiz gelangt – italienisch cipolla zugrunde. Die Entlehnung hätte dabei zu einem späteren Zeitpunkt als im Fall des Westwortes stattgefunden, da die Betonung auf der ursprünglichen Silbe geblieben und infolge dessen die unbetonte erste Silbe abgestossen worden wäre: cebúlla bzw. cipólla > Bolle; die Umlautung > Bölle dürfte ursprünglich nur dem Plural zugekommen sein, da die Küchenzwiebel fast immer in der Mehrzahl genannt wird. Nach einer andern These ist der/die Bölle auf mittelhochdeutsch/frühneuhochdeutsch bolle ‘runder Gegenstand’ zurückzuführen; für die Umlautung > Bölle gälte gleichfalls Herkunft aus der Mehrzahl. Wie auch immer: Offensichtlich ist der/die erstmals 1490 in St. Gallen bezeugte Bölle eine Neuerung des Spätmittelalters, denn sein/ihr Vorkommensgebiet in der östlichen Hälfte der Deutschschweiz (einschliesslich der aus dem Wallis eingewanderten Bündner Walser!) und im vorarlbergischen Walgau wird nach Westen (Wallis, Bern, Freiburg, Solothurn, Basel, Luzern, Aargau), nach Norden (Südbaden) und nach Osten (Vorarlberg) von der Zibele begrenzt – womit Bölle wie ein Fremdkörper in diesem internationalen Zibele-Gebiet liegt.

Heute stehen Zibele und Bölle in der Nord- und Ostschweiz unter starker Konkurrenz der aus der Schriftsprache entlehnten Zwible. Auch diese stammt von der spätlateinischen cepulla bzw. der altromanisch-dialektalen cebulla ab, hat aber ebenfalls ihre Sondergeschichte: Althochdeutsch zwibolla ist, inspiriert von der Vielhäutigkeit der Zwiebel, eine Umdeutung des lateinischen Wortes zu einem „zweifachen Knollen“ (zwi + bolla).

Zu guter Letzt: In welchem Zusammenhang Böl(l)e ‘Zwiebel’ und das offenbar zuerst zürcherische Böle ‘Spielball’ stehen, ist unklar. Als das Wort um 1900 herum im Idiotikon abgehandelt wurde, war letztere Bedeutung noch unbekannt. Es fällt jedenfalls auf, dass nach 1950, als in Zürich Böle ‘Zwiebel’ zunehmend von Zwible verdrängt wurde und veraltete, die gemeinschweizerdeutsche Balle ‘Spielball’ ihrerseits durch einen neuzürcherischen Böle ersetzt wurde. Fast scheint es, als hätten wir es hier mit einer „Seelenwanderung der Wörter“ zu tun...

(25. November 2013, CL)

 

Dibidäbi

Die Idiotikon-Redaktion wird von Zeit zu Zeit angefragt, woher die scherzhafte Bezeichnung Dibidäbi für den Appenzeller stamme. Das Wort fehlt in unserem Wörterbuch, doch im Nachtragsmaterial haben wir eine erste Anfrage von 1939, in der es heisst, dass das Wort im St. Gallischen üblich sei. Leider hat sich die Antwort nicht erhalten. Spätere Belege kommen auch aus den Kantonen Zürich und Bern.

Eine traditionelle Worterklärung, die immer wieder auftaucht, ist die folgende: Der Steuereintreiber des Klosters St. Gallen soll um 1405 herum von den Appenzellern die alljährlichen Abgaben gefordert haben. Der Säckelmeister – statt den Betrag auszuhändigen – schrieb auf die Quittung das blosse Zahlungsversprechen, auf Lateinisch tibi dabo „ich werde dir geben“. Das ist zwar eine hübsche Geschichte, aber wissenschaftlich haltbar ist sie nicht. Tatsächlich liegt sprachlich wohl eine wortspielerische Schöpfung vor, Wörter mit i-ä-Wechsel sind nämlich recht häufig, so tiritäri mache „flattieren, schmeicheln“, bibääbele „allzu viele Umstände machen; zärteln“, eim s Gibeligäbeli (Gibsgäbeli, Gixgäbeli und ähnlich) mache „jemanden mittels gekreuzter Zeigefinger verspotten“ oder ganz bedeutungsfrei im Schleitheimer Kindervers Ääs zwaa drüü, tippi täppi tüü. Der Zürcher Dialektautor Traugott Vogel gebraucht 1961 ein tibitäbi im Sinne von „exakt“: Dän wëërdi die Underschrift … i mys Zügnis iepflüümlet … bigoscht esoo tibitäbi, das es spööter de Vater nüd emaale mërki; hier haben wir es vielleicht mit einer Anlehnung an „tiptop“ zu tun. 1932 verwendet der Schwyzer Schriftsteller Meinrad Inglin in einem an Vogel gerichteten Brief das Wort in einer anderen Bedeutungsnuance: Ich ... fand alles sauglatt, tibitäbi. Passend hierzu ist Dibidäbi auch als lüpfig zu singender Zeilenfüller in zwei Volksliedern vertreten, zum einen in Arthur Beuls Jodelpolka „Dibidäbi, lupf dis Bei“ (Dibidäbi dibidäbi, lupf dis Bei, dibidäbi dibidäbi, hol d Marei, dibidäbi dibidäbi heb si fescht, dibidäbi dibidäbi gischt was hescht) und zum andern in Kurt Heussers und Hanspeter Reimanns „En dibidäbi Puuremaa“ (En dibidäbi dibidäbi Puuremaa, dä sött es dibidäbi Fraueli haa, well en dibidäbi dibidäbi Puuremaa sibe Sache elei nöd mache cha). Zielt „Dibidäbi“ also vielleicht auf den Witz, die Behendigkeit und Zungenfertigkeit der Appenzeller? Möglich wär’s!

(30. Oktober 2013, CL)

 

Reformierte und katholische Marienkäfer

Wer hätte gedacht, dass auch Tiere reformiert, katholisch, natur- und areligiös sein können?

Die Rede ist vom Marienkäfer oder Siebenpunkt. Da die Marienverehrung ganz der katholischen Konfession zugehört, wird das Wort Maria oder Muttergottes von den Reformierten gemieden. Stattdessen wird im Bestimmungswort, also im ersten Teil des Wortes, der Bezug auf Gott, Jesus, den Herrn und den Himmel genommen: Liebgott- ist im Südwestaargau und in Graubünden, Jesus- in Basel, Heere- vereinzelt im Bezirk Brugg und in Appenzell-Ausserrhoden und Himel(s)- im Bernbiet, im Bucheggberg, im oberen Baselbiet, im Thurgau und im Werdenbergischen heimisch. Herrgott- hingegen ist ökumenisch und kommt in der westlichen wie in der östlichen Deutschschweiz sowohl in reformierten als auch in katholischen Landschaften vor.

Im grössten Teil der katholischen Deutschschweiz wird das Tier jedoch mit der Muttergottes in Verbindung gebracht, weshalb es im unteren Baselbiet, im Fricktal, in Solothurn, in der ganzen Innerschweiz, in katholisch Thurgau, verbreitet im St. Gallischen, in Appenzell-Innerrhoden und teilweise im Wallis Muetergottes- heisst. Das Bestimmungswort Frau hingegen, das ja eigentlich ebenfalls auf Maria Bezug nimmt, kann dank seiner Mehrdeutigkeit auch von Reformierten akzeptiert werden, weshalb Fraue- verbreitet quasi ökumenisch in der Nordostschweiz vorkommt.

Und dann gibt es noch die naturreligiösen Marienkäfer. Auf die Fruchtbarkeit, die Jahreszeit oder das Wetter verweisen das zürcherische Anke-, das thurgauische Meie-, das Weisstanner Juni- und das im unteren Reusstal heimische Katriine- (der heiligen Katharina wird Einfluss auf die Witterung zugeschrieben). Konfessionslos schliesslich scheinen das im schaffhausisch-thurgauisch-zürcherischen Grenzraum beheimatete Brunne-, das Bündner Glücks-, das Walliser und Obertoggenburger Gold- sowie das im st.gallisch-bündnerischen Grenzgebiet vorkommende Schuemächerli zu sein.

Last but not least: Im Grundwort, also im zweiten Teil des Wortes, steckt nicht immer ein Wort für Käfer (-chäferli, -güegeli) oder aber neutral für das Tier (-tierli). Es kann auch eine Kuh (-chüeli, -loobeli), ein Kalb (-chälbli), ein Schaf (-schääf[l]i), eine Ziege (-geiss[el]i), ein Pferd (-rossji), ein Vogel (-vögeli), ein Schuh (-schüeli) oder ein Mensch (-triin[e]li) sein. Und das verschlägt dem Schreibenden nun wirklich die Sprache!

(9. Oktober 2013, CL)

 

Altweibersommer

Die herrlichen Herbsttage, die wir zur Zeit geniessen dürfen, sind schriftsprachlich als Altweibersommer bzw. verbreitet dialektal als Altwybersummer (-sommer) bekannt. Andere schweizerdeutsche Begriffe sind oder waren das Maartissümmerli (Appenzell, Bern, Schaffhausen, Uri, Wallis), das Witwesümmerli (Graubünden) und der Noosummer bzw. -sommer (Aargau, Appenzell, Basel, St. Gallen, Schaffhausen, Thurgau, Zürich). Die letztgenannte Bezeichnung, der Nachsommer, ist eigentlich die „vernünftigste“. Der Martinssommer ist vom Namen her etwas gar sehr auf den Spätherbst fixiert, fällt doch der Martinstag erst auf den 11. November. Der Witwensommer ist vielleicht ein hübsches Bild für den schon „alten“, „schwach“ und „zahnlos“ gewordenen Sommer (die Bayern und Österreicher kennen den Ähnelsummer, also den Grossvatersommer)̣ – oder aber steckt hier der „zweite Frühling“ alter Leute dahinter? So nämlich deutet Elmar Seebold (Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache) den Altweibersommer, in welchem Wort er das Motiv der „zweiten Jugend der Frauen“ sieht, die als „unzeitig“ und nur „kurze Zeit dauernd“ aufgefasst werde. Wolfgang Pfeifer (Etymologisches Wörterbuch des Deutschen) zweifelt an dieser Interpretation und zieht die traditionelle Deutung von „fliegenden Gespinstfäden“ vor, die mit den „Haaren alter Frauen“ verglichen werden. Die Neubearbeitung des Deutschen Wörterbuchs von Jacob und Wilhelm Grimm schliesslich verfährt ganz pragmatisch: „der etymologische Hintergrund ist unklar.“ So darf also selbst mit dem Segen der Sprachwissenschaft jeder und jede in den Altweibersommer hineininterpretieren, was er und sie will!

(25. September 2013, CL)

 

Eidechse

Die Sommerferien sind vorbei, doch wer zum Beispiel im Tessin in den Ferien war, erinnert sich sicher, wie bei jedem Schritt die Eidechslein fortgehuscht sind. Das Schweizerdeutsche kennt für dieses Tier zahlreiche Namen: Eidächsli (Basel, Zürich), Heidechsli (Bern, Innerschweiz, Ostschweiz), Eidöchsli und Eidochs (Bern, Solothurn, Luzern, Aargau), Heidöchsli und Heidochs (Freiburg, Berner Oberland, Uri), Egochs (Glarus, Linthebene), Hegöchsli und Högöchsli (Nordaargau), Eggessli, Eggöösseli, Eggeiss und Heggeissli (Schaffhausen), Igessli und Igissli (Schanfigg), Heggi und Hetzgi (Walensee), Eltex, Elstechsli, Eltöchsli, Öltöchsli und ähnlich (Schaffhausen, nördliches Zürich, St. Gallen, Appenzell), Gägäxli, Gegochs und Gogox (Bündner Herrschaft, Azmoos), Lattüechji und Lattuechi (Wallis, Graubünden), Chläbtüechtschi (Bosco/Gurin), Läbtüechli (Trimmis), Dachlatta (Lötschental), Liischeeterli (unteres Deutschwallis), Häärleischu (unteres Deutschwallis), Vierfüessler, Quatterpierzli und Quatterpertsch (St. Galler Rheintal, Tamins, Felsberg), Schwigger und Schwicker (Sarganserland, Safien)...

Hiervon gehen alle Varianten von Eidächsli über Heidöchsli, Egochs, Hegöchsli, Heggeissli, Igessli, Eltöchsli, Gägäxli bis und mit Gogox auf dasselbe Wort zurück, nämlich althochdeutsch egidechsa. Weiter zurück wird’s schwierig, denn man weiss nicht, wie dieses egidechsa zu deuten ist. Womöglich liegt eine Zusammensetzung aus indogermanisch *ogwhi- 'Schlange' und *tek- 'laufen' vor, womit die Grundbedeutung 'Schlangenläufer' bzw. 'laufende Schlange' wäre. Klar hingegen ist, dass eine falsche Interpretation des Wortes „Eidechse“ zum Gattungsbegriff Echse geführt hat: Der im 19. Jahrhundert lebende deutsche Naturforscher Lorenz Oken dachte, es läge in „Eidechse“ eine Zusammensetzung mit „Eid“ vor, und trennte folglich „Echse“ als Oberbezeichnung ab – ein Wort, das es zuvor gar nicht gegeben hatte.

Die Herkunft von Lattüechji und sonstigen walliserischen und walserischen Konsorten ist ebenfalls dunkel (das Idiotikon wollte vor über hundert Jahren im Erstgenannten eine Grundbedeutung 'geschwänzte Unke' erkennen). Ganz durchsichtig wiederum sind Vierfüessler bzw. dessen aus dem Rätoromanischen entlehnte Äquivalente Quatterpierzli und -pertsch, aber auch Schwigger, Schwicker, das zum Verb schwicke 'sich rasch bewegen' gehört.

Das Eidechslein will sich vom Menschen also gar nicht vereinnahmen lassen – spürt es ihn kommen, eilt es davon, und sein Name hat sich schon so früh in zahlreiche Varianten aufgesplittert, dass er heute nicht mehr sicher erklärt werden kann...

(4. September 2013, CL)

 

Chind, Bueb und Meitli zum heutigen Weltjugendtag

Heute ist der Internationale Tag der Jugend. Die einschlägigen Wortartikel im Idiotikon wurden um 1900 herum verfasst und reflektieren einige eigentümliche Ansichten über die nachwachsende Generation. Hier ein paar Müsterchen:

Morgens früh beim Heraustreten aus der Haustür einem Buben zu begegnen, galt in Stammheim für ein gutes Omen. D Mäitschi und Abrellewätter sind veränderli, hiess es im Luzernischen. Im Emmental bedeuteten Buben für die Patin Glück im Heiraten. Im Badenbiet meinte man: Git s am Unschuldige-Chindli-Taag [28. Dezember] en Oobigroot, dänn stäärbed d Mäitli und händ d Bueben e guets Joor. In Rorschach wurden bis 1879 die Kirchenglocken nur bei der Taufe eines Knaben geläutet.

Und was erzählte man den Kindern, woher sie kämen? Aus Felsen oder unter Steinen hervor (Innerschweiz), aus dem Felsgewölbe, worauf die Kirche von Aarau steht (Aargau), aus einem Loch im Abhang der Lägern (Zürich), vom Grüsisberg (Thun), vom Tittiberg (Solothurn), vom Abhang des Pilatus (Luzern), aus Bäumen und Baumstrünken (Baselbiet, Luzern, Zug), aus Brunnenstuben (Basel, Schaffhausen, Thurgau), aus Zurzach (Elgg), von der Post zu Uznach (Zürichsee)...

So, genug der Dummheiten vergangener Tage!

(12. August 2013, CL)

 

Hundstage

Nun fangen sie wieder an, die Hundstage! Es sind nicht die hechelnden Hunde, die den kommenden Wochen den Namen gegeben haben, sondern das Sternbild des Grossen Hundes. In einem Zürcher Lustspiel von 1550 über den Philosophen Diogenes heisst es, „das er nitt der hunden einer syge, die uff erden sind, sonder der hund am himel, von dem die hundstag genembt werden“. In Aarau war man 1758 so vernünftig, dass man den Schulkindern „in den Hundstagen, siben Wochen lang gerechnet, alle Donstagnachmittag“ schulfrei gab. Ganz anders ging es in Zürich zu und her, wo 1778 „die Studenten während der Hundstagen wochentlich zweymal, namlich an einem Montag und Freytag morgens, von zweyen in oberkeitlichem Sold stehenden Trüllmeistern in den Waffen geübet“ wurden. Wenn jemand übrigens auf die Idee kommen sollte, in diesen heissen Tagen ein kühles Bad zu nehmen, raten wir davon dringend ab, denn nach dem Volksglauben ertrinkt man oder bekommt man Furunkeln oder Ausschläge, wenn man während der Hundstage badet. Also lieber nur an den Schatten liegen – oder hecheln...

(23. Juli 2013, CL)

 

Meringue

Woher kommt eigentlich das Wort Meringue (Merängg, Merängge, Meeringe)? Populär ist die Idee, der Name dieses Schaumgebäcks aus gezuckertem Eischnee sei eine Französisierung des Ortsnamens Meiringen, denn es sei ein Berner Oberländer gewesen, der es erfunden habe. Erstmals erwähnt wird das Wort allerdings in einem französischen Kochbuch von 1691 – zu einer Zeit, als die Meiringer Säumer und Bauern wohl noch anderes als gebackenen Eischnee zu sich nahmen. Wissenschaftlicher sind zwei Theorien: Nach der einen soll Meringue auf mittellateinisch melinus zurückgehen, was „honigsüss“ bedeutet und zu lateinisch mel „Honig“ gehört. Nach einer anderen stammt es von lateinisch merenda, was „Zwischenmahlzeit, Vesperbrot“ bedeutet. Trifft diese zweite Erklärung zu, wäre es sprachgeschichtlich identisch mit Marend, dem Bündner Wort für Zvieri. Der Name der Mahlzeit wäre dabei auf dasjenige, was man zu dieser Mahlzeit isst, übergegangen. Nur assen die Bündner Bauern halt Brot, Dörrfleisch, Speck und Mais, die vornehmen Franzosen und heute auch die Berner Emmentaler hingegen gezuckerten Eischnee...

(20. Juni 2013, CL, mit Dank an Christian Schmutz)

 

Sex wie ein Florentiner oder wie ein Winterthurer haben

Diese Woche findet in Zürich das Zurich Pride Festival statt. Eines der wenigen Wörter im Idiotikon, die Homosexualität zum Thema haben, ist „florenzen“. Es war im 16. Jahrhundert mit der Bedeutung „gleichgeschlechtlich verkehren“ geläufig und bedeutet wörtlich „Sex wie in Florenz haben“. Florenz war das Zentrum der Renaissance und galt damals offenbar zugleich als Zentrum schwulen Verhaltens. Der Wortartikel wurde allerdings schon um 1883 verfasst, und entsprechend museumsreif ist die sprachgeschichtliche Anmerkung „Diese schreckliche Unsitte scheint also von Florenz ausgegangen, wo sie wohl mit der Wiedererweckung des griechischen Altertums eingezogen war (oder sich beschönigt hatte).“ Nun – Nachschlagewerke sind halt immer auch Kinder ihrer Zeit…

Ein anderes Wort für „gleichgeschlechtlich verkehren“ war „winterthurere“, das um 1910 herum gebraucht wurde. Die Gründe für diese Wortbildung kennen wir nicht mehr, aber interessant ist die Definition, die der damalige Chefredaktor Albert Bachmann verfasst hatte, nämlich „das Laster des Grafen von Eulenburg treiben“. Philipp von Eulenburg war ein Freund und Berater Kaiser Wilhelms II. und wurde in den Jahren zuvor nach drei aufsehenerregenden Prozessen wegen Homosexualität verurteilt. Sozialgeschichtlich aufschlussreich ist sodann Bachmanns Beispielsatz für „Winterthurer“ in der Bedeutung „Schwuler“: „«Du cheibe Winterthurer» sagt man einem, der z. B. in eine Animierkneipe nicht mitkommen will“. Vor hundert Jahren gehörte es offenbar zu den alltäglicheren Dingen der Welt, solche Lokale aufzusuchen…

(7. Juni 2013, CL)  

 

Deubelbeiss, Haudenschild und Schlaginhaufen: Familiennamen in der Form sogenannter Satznamen

Von Deubelbeiss über Haudenschild bis Schlaginhaufen: Es gibt nicht nur Familiennamen wie Roth und Müller, sondern auch solche, die ganze Sätzlein bilden. Diese sog. Satznamen bestehen aus einem Verbstamm (1. Person Singular? Befehlsform?) und in der Regel einem Substantiv im Akkusativ oder einem Adverb; dazwischen kann ein (oft verschliffener) bestimmter Artikel stehen.

Viele dieser Namen waren ursprünglich wohl spöttisch gemeint, etwa Hablützel (= hab wenig), Nievergelt (= bezahl nie) oder Kehrein (kehr ein, nämlich in ein Wirtshaus). Draufgänger dürften namengebend gewesen sein in Fällen wie Deubelbeiss (= beiss den Teufel), Kliebenschädel (= spalt den Schädel) und Schlaginhaufen oder Schlagenhauf (= schlag [in] den Haufen). Andere Satznamen mögen sich auf den Beruf des ersten Namenträgers beziehen: Hauenstein (= hau den Stein), Hebeisen (= heb das Eisen), Klopfenstein (= klopf den Stein), Schaltenbrand (= schür das Feuer), Spaltenstein (= spalt den Stein). Ob Haudenschild (= hau den Schild) in die Kategorie der Draufgänger oder Schmiede gehört, muss offen bleiben. Feigenwinter (= vernicht den Winter; zu mittelhochdeutsch veigen = töten) wiederum könnte auf ein spätmittelalterliches Fasnachtsspiel zurückgehen.

In der volkstümlichen Literatur des 15. und 16. Jahrhunderts trugen die Protagonisten besonders gerne Satznamen. Ein Bauer etwa hiess Jeckli Zettmist, ein Doktor Lüpold Schüchnüt, eine junge Frau Elsli Tragdenknaben, ein Kaufmann Stellaufgewinn, ein Henker Knüpfauf, und Rumuf und Leerdenbecher waren auch nicht gerade die feinsten Leute...

(15. Mai 2013, CL)  

 

rüüdig & schampar

„Lozäärn hed e rüüdig schööni Fasnacht!“ Das kann nur ein Luzerner, eine Luzernerin sagen, denn „rüüdig“ für „sehr“ ist ein Kennwort für das Luzerndeutsche. Dieses Verstärkungswort hat einen kometenhaften Aufstieg hinter sich. Noch vor gar nicht langer Zeit hiess „rüüdig“ etwas ganz anderes, nämlich „räudig, von Krätzmilben befallen, hautkrank“; der vor hundert Jahren erschienene Idiotikon-Wortartikel kennt die heutige Bedeutung noch gar nicht. Einen ähnlich raschen Aufstieg hat „schampar“ erlebt, das wir heute in der Bedeutung „sehr“ kennen. Im Idiotikon ist es (unter „schandbar“) noch fast ausschliesslich in seinem ursprünglichen Sinn „ehrlos, schändlich, schamlos“ gebucht. Eine mit „rüüdig“ vergleichbare Bedeutungsentwicklung zeigt sich übrigens beim so langweilig-blassen „sehr“: auch dieses meint ursprünglich „wund, versehrt“. Und von „choge(guet)“ und „cheibe(schön)“ mit ihrer ebenfalls nicht gerade anmächeligen Herkunft war schon in unser Wortgeschichte vom 17. Oktober 2012 die Rede…

(17. April 2013, CL)

 

Kleines ABC der Familiennamen-Deutung

Jeden Dienstag erklären Redaktoren des Idiotikons auf SRF 3 einige Familiennamen – man kann die Erklärungen übrigens jederzeit hier nachhören. Man kann aber auch selbst aktiv nachforschen! Hierzu nötig ist ein gewisses Grundwissen, was es denn überhaupt für Namentypen gibt, und der Beizug der Fachliteratur, unter anderem unseres Wörterbuchs. Im Folgenden bringen wir ein kleines ABC der schweizerischen Familiennamendeutung, und zwar anhand der Namen derjeniger Personen, die als Redaktoren, in der Administration, als Hilfskräfte oder als MitarbeiterInnen an besonderen Projekten beim Schweizerischen Idiotikon tätig sind.

1) Aussehen – der Name Roth erinnert an einen rothaarigen Vorfahren, der Name Schifferle an einen hageren oder schmächtigen Ahnen (schweizerdeutsch „Schifere“ = Splitter).

2) Charakter – der Name Graf erinnert an einen entweder vornehm tuenden oder aber vermöglichen Ahnen, der Name Burri kann auf einen aufbrausenden Vorfahren zurückgehen (schweizerdeutsch „burre“ = poltern, aufbrausen, brummen, zanken) oder aber als Kurzform auf den Taufnamen Burkhard verweisen (dann gehört er zum Typus 6).

3) Herkunft – die Namen Bigler und vermutlich auch Beuggert (vgl. die Variante Beugger) erinnern daran, dass ein Vorfahr aus dem bernischen Biglen bzw. einem Ort oder Hof namens Beuggen (es gibt deren mehrere) sich am neuen Wohnort niedergelassen hat.

4) Beruf – der Name Beyeler erinnert an einen Ahnen, der Bienen (schweizerdeutsch „Beieli“) gehalten hat, also an einen Imker, der Name Schmid erinnert an einen Vorfahren, der Schmied war. Auch die Namen Hammer und Bickel verweisen am ehesten auf jemanden, dessen Berufswerkzeug vor langer Zeit ein Hammer bzw. ein Pickel waren. Vielleicht liegt aber auch Bezugnahme auf den Charakter vor (schweizerdeutsch „Bickel“ = abgehärteter, tüchtiger, grober Bursche; dann gehört der Name zum Typus 2).

5) Nahe bei den Berufsnamen sind die Amtsnamen – der Name Marschall verweist auf einen Vorfahren in ebendiesem Amt, der Name Widmer erinnert an einen Ahnen, der Landwirt auf einem zur Ausstattung einer Kirche gehörenden Gut war.

6) Vater- und Mutternamen (Patronyme bzw. Metronyme) – Lamprecht, Landolt, Nänni (zu Anna) und Peter verweisen auf den Taufnamen einstiger Sippenältester. Auf die Familie eines Durisch (Ulrich) nimmt der Familienname Cadurisch Bezug (rätoromanisch „Ca Durisch“ = Haus des Durisch).

Bei den italienischen Namen Fontanive und Pondini stossen wir Germanisten hingegen an unsere Grenzen, weshalb sie in obiger Zusammenstellung fehlen...

(10. April 2013, CL & MHG)

 

Gemse

Das Schweizerdeutsche kennt einige Wörter, die auf eine früher hierzulande gesprochene, aber mittlerweile ausgestorbene Sprache zurückgehen. Von der keltischen „Bänne“ war in unserer Rubrik schon von längerer Zeit die Rede. Ein anderes solches Wort ist die Gemse. Alle germanischen und alle romanischen Dialekte und Sprachen, die im Alpen- oder im Pyrenäenraum gesprochen werden, kennen es – und damit auch die vier Landessprachen der Schweiz. So haben wir einerseits schweizerdeutsch „Gams“ (Appenzell, Toggenburg, Davos), „Gamstier“ (Glarus), „Gemsche“ (Obersaxen, Adelboden, Simmental, Freiburg, Wallis), „Gämschi/Gemschi“ (Rheinwald, Vals, Schwyz, Uri, Unterwalden, Entlebuch, Bödeli, Goms) und „Gämsi“ (Obwalden), anderseits rätoromanisch „c(h)amutsch“, lombardisch-tessinerisch „camóss“, italienisch „camoscio“, frankoprovenzalisch-westschweizerisch „tsamò“ und französisch „chamois“. Welcher vorlateinischen und vorgermanischen Sprache dieses gemein-eidgenössische Wort zu verdanken ist, weiss der Schreibende allerdings nicht…

(27. März 2013, CL)

 

Runzival

Ein wunderschönes und zugleich geheimnisvolles Berner Wort ist der „Runzival“. „Im Runzival sy“ oder „i Runzival choo“ meint „in der Klemme, in arger Verlegenheit, in (ökonomischen, sozialen, moralischen) Schwierigkeiten sein“ bzw. in solche kommen. Wer als Literatur- oder Musikkenner einen fernen Anklang an den Parzival heraushört, liegt gar nicht so falsch: Auch der Runzival hat mit altfranzösischer und mittelhochdeutscher Literatur zu tun, nämlich mit dem sog. Rolandslied. In dem „tal ze Runczifal“, wie es in einem Schweizer Volksbuch von 1475 heisst, geriet der stolze Roland in einen Hinterhalt muslimischer „Heiden“ und fand zusammen mit seinen zwölf Recken nach langem und heldenhaftem Kampf den Tod. Historisch freilich verlief die Sache etwas anders: Es waren die örtlichen Basken, welche im Jahre 778 die Nachhut eines Truppenzuges Karls des Grossen, die vom bretonischen Grafen Roland angeführt wurde, beim Pyrenäendorf Roncesvalles massakrierten. Aber wie auch immer: Die Begebenheit hatte eine derart nachhaltige Wirkung, dass die Erinnerung daran via altfranzösische und mittelhochdeutsche Literarisierung selbst in der schweizerischen Volkssprache lebendig geblieben ist.

Ebenfalls eine Erinnerung an einen literarischen Helden ist das Basler „Ammedyysli“; hiervon war in der Wortgeschichte Nr. 7 vom 16. Mai 2012 die Rede...

(13. März 2013, CL)

 

Norwegisches in der Skisprache

Die Schneeverhältnisse verlocken noch immer zum Wintersport – deshalb im Folgenden etwas zur Ski- und Langlaufsprache! Deren Basiswortschatz ist norwegisch, kein Wunder, wenn man bedenkt, dass wir das Skifahren aus Norwegen übernommen haben. „Ski“ ist norwegisch für „Scheit“ bzw. dann auch für „Schneeschuh“ (eigentlich ein flaches Scheit, das man sich an die Füsse schnallt, um sich besser auf dem Schnee fortbewegen zu können). Die Schweden schreiben „skid“ und altnordisch hiess es „skið“, was den Zusammenhang noch etwas deutlicher sehen lässt. „Slalom“ ist eine eingedeutschte Schreibung für norwegisch „slalåm“; „sla“ bedeutet „leicht geneigt“, und „låm“ meint „Spur, die dadurch entsteht, dass etwas weggezogen wird“. „Loipe“ ist oberflächlich eingedeutschtes norwegisches „løype“, was ursprünglich „steile Rinne, durch die man Holz zu Tale gleiten lässt“ bedeutet und seinerseits von den Verben „laupe“, „laufen“, bzw. „løype“, „etwas zum Laufen bringen“ abgeleitet ist. Auch zwei klassische Schwungtechniken verweisen auf Norwegen: der „Christiania“ oder „Kristiania“ (eingeschweizert auch „Chrischti“, „Chrischte“, „Chrigel“ und ähnlich) hat seinen Namen nach der norwegischen Hauptstadt, die erst 1924 auf „Oslo“ umgetauft worden ist, und der „Telemark“ heisst so nach der gleichnamigen südnorwegischen Gebirgslandschaft. Zu Telemark hat die Schweiz ohnehin eine enge Verbindung, denn nach einer skandinavischen Sage hatte der tollkühn skilaufende Toki auf Befehl des Königs seinem Sohn einen Apfel vom Kopf schiessen müssen – nach Meinung der Forschung das Vorbild für unsere Tellssage...

(27. Februar 2013, CL)

 

Chuenagel (Unagel, Unigler, Hornagel, Hurnigel)

Der Winter ist die Zeit, in der man denChuenagel“ (oder „Chunagel“, „Unagel“, „Unigler“, „Hornagel“, „Hurnagel“, „Hurnigel“) haben kann: den stechenden Schmerz in den Fingerspitzen, den man fühlt, wenn man bei eiskaltem Wetter in die warme Stube tritt. Im hintern Teil des Wortes steckt vermutlich ein Wort für „spitzig“, man vergleiche etwa „Agle“ oder „Agne“ (Hanf- oder Flachssplitter, Spelze, Tannennadel), „Ägerschte“ (Elster, eigentlich „die mit dem spitzen Schwanz“), „Egli“ (Flussbarsch, eigentlich „der mit der spitzen Rückenflosse“) sowie die Egge und die Ecke. Zum vordern Teil des Wortes kann man hingegen nur Hypothesen aufstellen, es ist nicht einmal klar, ob es sich um ein einziges, stark variiertes Wort oder aber um verschiedene Wörter handelt. Falls „Horn-agel“ die ursprüngliche Form des Wortes ist, wie die Idiotikon-Redaktoren vor über hundert Jahren erwogen, dann bezieht sich „Horn“ am ehesten auf den Fingernagel, und alle andern Varianten wären Umformungen. Solche können leicht entstehen, wenn ein Begriff nicht mehr durchsichtig ist. „Chuenagel, „Unagel, „Hornagel usw. würden damit alle wörtlich „Nagelstechen, Nagelschmerz bedeuten. Falls man aber der Meinung ist, dass im Vorderglied verschiedene Wörter stecken, dann könnte man, wie es Christian Schmid in seinem Buch „Durchs wilde Wortistan“ (2004) macht, im ersten Teil von „Chuen-agel“ ein Wort sehen, das mit hochdeutsch „kühn“ identisch ist. Allerdings passen dessen alt- und mittelhochdeutschen Bedeutungen „tapfer, kräftig, kampfeslustig“ nicht so recht zu unserm Wort, und die Bedeutung des verwandten englischen „keen“, auf die sich Schmid bezieht, nämlich „scharf, schneidend“, ist für das Deutsche nicht nachzuweisen. Eine weitere Idee, nämlich im vordern Wortteil von „Un-agel“ ein bedeutungsverstärkendes „Un-“ zu sehen (vgl. etwa „ugross“ für „sehr gross“), wonach „Unagel“ also „starkes Stechen“ bedeuten würde, hatten schon die Idiotikon-Redaktoren zur Diskussion gestellt, aber sogleich selbst wieder in Frage gestellt. Der „Horn-, Un-, Chuenagel“ behält sein Geheimnis also für sich... 

(6. Februar 2013, CL)

 

Gänggeliwaar

Vom letztwöchigen „Gschmöis“ kommen wir nun zur „Gänggeliwaar“ (oder „Ganggeli-“, „Ganggerli-“, „Gänggerli-“, „Gäggeli-“, „Gääggeliwaar“ bzw. „-züüg“), was Kleinkram, Krimskrams, wertloses oder unnötiges Zeug, billiger Schmuck bedeutet. Nicht selten hört oder liest man, das Wort gehe auf französisch „quincaille“ = Haus- und Küchengeräte, Eisenwaren zurückt. Dem ist aber nicht so. Das Schweizerdeutsche kennt eine grosse Wortfamilie mit Begriffen wie „gangge“ = schwanken, „gangg(e)le“ = schlendern, närrisch tun, „gängg(e)le“ = ohne Eifer arbeiten, trödeln, sich mit unnützen Dingen abgeben, sich wie ein Kind verhalten, „gangg(e)lig, gängg(e)(r)lig“ = läppisch, einfältig, wackelig, langsam, wertlos, „Ganggel, Gänggel“ = närrischer Mensch, ferner „gäägge, gäggele“ = ohne Ernst und Fleiss arbeiten, trödeln, „Gääggi“ = langsamer, zaghafter Mensch, Narr, „gaagge, gaage, gaagele“ = schwanken, schlenkern, schaukeln. Diese Wörter gehören alle in den Bereich des sogenannt Lautmalerischen und drücken ein Schwanken, ein Baumeln, ein Tändeln, ein Trödeln und demzufolge ein Unseriös-Sein, ein Liederlich-Sein, ein Wertlos-Sein aus – auch die „Gänggeliwaar“ gehört in diese Kategorie des minder Geschätzten. Weiten wir die Wortfamilie aus und ziehen neben den Wörtern mit „a“ und „ä“ im Stamm auch diejenigen mit „i“, „u“ und „ue“ hinzu, wird das Bild noch umfassender. Hier kennt das Schweizerdeutsche beispielsweise „Ginggel“ = etwas Herabhangendes (wie Ohrgehänge oder Penis), oberflächlicher Mensch, wertloses Kinderspielzeug, „gingg(e)le“ = baumeln, sich herumtreiben, „gingge“ = mit den Beinen schlenkern, mit dem Fuss ausschlagen, „Gunggel“ = etwas Baumelndes (wie Quaste, Glöcklein, Gefäss mit Henkel, Penis), „Gunggele“ = Viehschelle, liederliche Person, „gungg(e)le“ = baumeln, schaukeln, wackeln, „Guenggi“ = desinteressierter Mensch. Man kann über die Farbigkeit und Aussagekraft unserer Mundarten nur staunen!

(30. Januar 2013, CL)  

 

Gschmöis

Beim Wort „Gschmöis“ scheint man geradezu herauszuhören, worum es geht: lauter wertloses, unnützes Zeug. Diese Bedeutung hat sich aber erst nach und nach entwickelt. „Gschmöis“ ist eine – sogenannte Rundung (vgl. etwa „heischen“ > „höische“) aufweisende – Variante von „Gschmeiss“, welches seinerseits eine Kollektivbildung zu „Schmeiss“ ist. Dieses „Schmeiss“ wiederum gehört zum Verb „schmeissen“, werfen. „Gschmöis“ bedeutete also ursprünglich eine Ansammlung von Hingeworfenem. In der älteren Sprache meinte man damit ganz konkret „tierisches Exkrement“ (so noch heute in der Jägersprache „Kot von Raubvögeln“), aber auch „Insektenbrut“ und schliesslich „Ungeziefer“ (diese Bedeutung kennt das schriftdeutsche „Geschmeiss“, und sie steckt auch in der „Schmeissfliege“). Eine andere Bedeutungsentwicklung ging in Richtung „Durcheinander, Mischmasch“, besonders von Esswaren. Ein solches „Gschmöis“ bestand freilich oft aus Resten, hatte also häufig einen negativen Beiklang, und so kam es zur heutigen schweizerdeutschen Bedeutung „wertloses, unnützes Zeug“.

Dazu nun passt die „Gänggeliwaar“, von welcher nächste Woche die Rede sein soll...

(23. Januar 2013, CL)

 

Es schneielet, es beielet...

In den nächsten Tagen soll's ja wieder aktuell werden: „Es schneielet, es beielet, es gaat en chüele Wind...“ – das Liedlein kennen alle. Doch was bedeutet „beiele“? Ist es nur ein kindersprachliches Reimwort oder doch mehr? Es ist natürlich mehr: „beiele“ ist eine Ableitung von „Bii(j)i, Bei(j)i, Biili, Bei(j)eli“, schweizerdeutsch für Biene. Die tanzenden Schneeflocken werden also mit schwärmenden Bienen verglichen, ein Bild, das naheliegt, wenn der Wind die leichten, trockenen Schneeflocken herumtreibt. Der Familienname Beyeler gehört übrigens auch hierher: Er bedeutet Bienenzüchter, Imker.

(16. Januar 2013, CL)

 

Pfnüsel, Struuche, Niiffe, Rüüme und Consorten

Den „Pfnüsel“, hochdeutsch ,Schnupfen‘, kennt man in der Nord- und Nordostschweiz, seine Verwandten „Pflüsel“ und „Gflüsel“ im Solothurnischen sowie „Chnüsel“ in der Innerschweiz. Es gibt in- und ausserhalb der Schweiz viele weitere Wörter, die ganz ähnlich klingen und ganz Ähnliches bedeuten, z. B. „pfnuuse“ mit der Bedeutung ,hörbar atmen‘ in der Nordostschweiz, „pfnausen“ ,keuchen‘ im österreichischen Kärnten, „fnysa“ bzw. „fnyse“ ,schnauben‘ in Skandinavien, „gefnesan“ ,niesen‘ im Altenglischen oder „fnehan“ ,schnaufen‘ im Althochdeutschen. Es handelt sich dabei um sogenannt lautmalerische Wörter, Begriffe also, deren Bedeutung direkt durch den Klang vermittelt werden soll.

Mancherorts in der Ostschweiz, besonders in der Südostschweiz, wird für den Schnupfen hingegen „Struuche“, „Struuchel“ und ähnlich gesagt. Das Wort ist am ehesten mit dem allerdings nur sporadisch bezeugten „struuch“ verwandt, das ,rauh‘ bedeutet.

Auch die Oberwalliser (und von daher ein Teil der Bündner Walser) kennen ein eigenes Wort, nämlich „Niiffa“ (bzw. „Niffa“, „Niiffu“, „Niffu“, „Niiffe“), die Deutschfreiburger wiederum sagen „Nööscha“. Ersteres sicher, vielleicht auch letzteres sind Lehnwörter aus dem benachbarten Frankoprovenzalisch, wo die Erkältung „nifia“, „nefa“, „nicha“ (mit schweizerischem /ch/ ausgesprochen) heisst. Auch dieses Wort ist vermutlich lautmalerisch, man vergleiche hierzu unser deutsches „schniefen“, „schnüffeln“ und „Schnupfen“.

Auf eine vierte Art sind die Berner erkältet: Ihr „Rüüme“ ist standardfranzösisches „rhume“ ,Katarrh, Erkältung‘, das seinerseits von griechisch „rheuma“ ,Strömung‘ stammt. Ursprünglich ein vornehmes, einen unschönen Zustand verhüllendes Wort der Berner Aristokratie, ist es heute normalsprachlich geworden.

(9. Januar 2013, CL)

 

Berchtoldstag

Besonders im Grossraum Zürich und im Gebiet des alten Bern (heute Bern, Waadt, westlicher Aargau) kennt man ihn: den Berchtoldstag, dialektal „Bächteli(s)tag“, „Berchteli(s)tag“, „Berteli(s)tag“ oder „Bärzeli(s)tag“. In der Berner und Zürcher Tradition fällt er auf den 2. Januar, im thurgauischen Frauenfeld auf den dritten Montag im Januar. Doch wer ist Berchtold? Einen Heiligen dieses Namens gibt es nicht, und die Kantone, die den Tag begehen, stehen ohnehin in reformierter Tradition, feiern also keine Heiligentage. Die deutsche Wikipedia spricht von einer keltischen Perchta, die eine Art Frau Holle sei; die russische von einer germanischen Göttin, die englische erinnert an einen seligen Berchtold aus dem Kloster Engelberg, und die französische macht auf Herzog Berchtold von Zähringen aufmerksam.

Die Redaktion des Schweizerischen Idiotikons ging die Sache in Band IV 1538f. (Berchta, berchtelen) und Band XII 962ff. (Berchtelens-Tag) sprachlich an. Mittelhochdeutsch „berchttag“ oder „berchteltag“ und „berchtnacht“ waren Bezeichnungen für das Fest der Epiphanie, die „Erscheinung des Herrn“, welches am 6. Januar gefeiert wird. Griechisch „epiphaino“ bedeutet „erscheinen, hervorglänzen, hervorleuchten“, mittelhochdeutsch „bercht“, „berchtel“ heisst „glänzend, leuchtend“ (wie heute noch englisch „bright“, hell). Es ist damit am wahrscheinlichsten, dass „bercht(el)tag“ eine Lehnübersetzung von „epiphaneia/epiphania“ ist, dem griechisch-lateinischen Namen für das Fest der Erscheinung des Herrn. Vielleicht hat bei der Übersetzung auch mitgespielt, dass die am 6. Januar vorgetragene Lesung aus Jesajas mit „Surge, illuminare, Ierusalem, quia venit lumen tuum, et gloria Domini super te orta est“ (Mach dich auf, Jerusalem, werde licht! Denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn ist aufgestrahlt über dir) beginnt. Weil „Bercht-“ in späterer Zeit nicht mehr verständlich war, wurde es dialektal vielfach umgeformt bzw. schriftsprachlich mit dem Personennamen Berchtold verbunden. Das Brauchtum hingegen – soweit es nicht wie in Zürich „nur noch“ eine reformatorisch-gesittete Abgabe von Neujahrsblättern ist – steht im Kontext des allgemeinen Winter-, Jahreswechsel- und Fasnachtsbrauchtums.

(3. Januar 2013, CL)

 

Wüetisheer

Namentlich in den zwölf Nächten zwischen Weihnachts- und Dreikönigstag zieht es durch einsame Gegenden oder mitten durch Häuser, teils lärmend und schreiend, teils begleitet von Jagdrufen und Hundegebell, teils von geisterhaft lockender Musik: das Wüetisheer. Es handelt sich dabei um einen Zug armer Seelen, manchmal auch um ein einzelnes Gespenst. Im ersten Wortbestandteil steckt der germanische Gott Wuotan, was in der berndeutschen Lautung Wüetisheer noch recht deutlich zum Ausdruck kommt. In vielen andern Mundarten ist das Wort ganz undurchsichtig geworden: Varianten sind wüetigs Heer; Muetis-, Mueter- und Guetisheer; Wueti- und Muetiseel; Muetiseil; Wueti-, Mueti- und Guedisee; Wuete- und Mueltehee sowie Wüetihöö. Die Vorstellungen des Wüetisheeres sind zahlreich: In Jenins sind es dunkle Gestalten, die fliegen, in Oberglatt kopflose Männer, die einen Wagen begleiten, im Wägital ist es ein Sturmgeist, der auf einem Drachen reitet, und im Rheintal gleicht es einem schreienden Tier oder aber einem schreienden Haufen Pferdekot... Begegnet man dem Wüetisheer, schützt man sich am besten vor Schaden, indem man ja nichts tut, um es zu reizen!

(19. Dezember 2012, CL)

 

Triätschnitten

Ein altes Dessert, Zvieri oder Adventsgebäck sind die Triätschnitten: Altbackene Zopf- oder Einbackscheiben werden in einen dicken Zuckersirup oder in Eiweiss getaucht, dann mit Triätpulver (Nelken, Muskat, Sandelholz, Zimt, Macis, Anis oder Ingwer) und Puderzucker bestreut und schliesslich mit einer Weinsauce (Rotwein mit etwas Zitronenzesten, Zimt, Nelken und Zucker) übergossen.

Doch was ist eigentlich „Triät“, das auch in den Varianten „Träse(t)“, „Trese(t)“, „Tresenei“ und „Trisenet“ vorkommt? Sprachlich ist die Herkunft nicht geklärt. Sachlich meinte die frühere Heilkunde, die es „tragea aromatica“ nannte, damit ein würziges Pulver, das sich je nach Zusammensetzung gegen alle möglichen Beschwerden einsetzen liess. Der zum Gurgeln verwendete Träset enthielt um 1700 Alaunstein, Veilchen und rote Rosenblätter. Derjenige gegen Blasenleiden bestand 1588 aus pulverisierten Eicheln, Petersiliensamen und Zucker. Gut für die Augen war im 17./18. Jahrhundert ein Träset aus Zucker, Zimt, Nelken, Galgan, Zibeben, Kardamon, Muskatnuss, Muskatblüte, Fenkel, Melisse, Majoran und Augentrost. Und als „guter Treset“ überhaupt galt eine Mischung aus Zimt, Kalmus, Galgan, Zitrone, Paradiskörnern, Ingwer, Zucker, Änis, Muskatnuss und Lorbeer. So mögen auch die Triätschnitten unserem Befinden förderlich sein – wohl bekomm's!

(12. Dezember 2012, CL)

 

Grättimaa, Grittibänz und Elggermaa

Heute wenden wir uns, wen erstaunt's, den schweizerdeutschen Wörtern für den Teigmann zu, den man am 6. Dezember verzehrt. Am verbreitetsten ist der „Grittibänz“, die Basler kennen den „Grättimaa“, und in der Region Winterthur–Unterthurgau–Stein ist oder war der „Elggermaa“ zu Hause.

„Grätte“ und „gritte“ bedeuten beide „die Beine spreizen; grätschen“. „Bänz“ ist eigentlich eine Koseform von „Benedikt“, aber weil der Name so häufig war, konnte er für eine männliche Person schlechthin stehen. Der „Grättimaa“ oder „Grittibänz“ ist also ein Mann mit gespreizten Beinen, und so sieht das Gebäck ja auch tatsächlich aus. „Elggermaa“ hingegen verweist auf das Städtchen Elgg im zürcherisch-thurgauischen Grenzgebiet.

Nach Angaben aus dem 19. Jahrhundert wurde dieses Festgebäck in Bern aus Lebkuchenteig, in der übrigen Deutschschweiz aus „mehr oder weniger feinem Brotteig“ gebacken. Die Grösse schwankte zwischen einem halben und zwei Fuss, also 15 bis 60 cm. Und gegessen wurde er je nach Region am Nikolaustag, an Neujahr oder zwischen Weihnachten und Sebastianstag (20. Januar). Heute dürften wohl die Herstellung aus Zopfteig und der Esstermin vom 6. Dezember überall gelten, nur bei den verschiedenen Grössen hat sich die alte Mannigfaltigkeit aus naheliegenden Gründen erhalten...

(5. Dezember 2012, CL)

 

Lawine, Föhn und Rüfi - Gemeinromanisches im Schweizerdeutschen

Manche romanische Lehnwörter sind im Schweizerdeutschen so verbreitet und so alt, dass man sie nicht aus den romanischen Einzelsprachen herleiten kann, sondern auf eine diesen Sprachen gemeinsame Grundlage zurückführen muss. Die „Laui“ oder „Lau[w]ene“ oder „Laubene“ (Lawine) geht auf alpinromanisch „lavina“ zurück, worin seinerseits lateinisch „lābi“, gleiten, steckt. Der „Föhn“ (warmer, oft stürmischer Fallwind, Südwind; seit rund hundert Jahren auch in der Bedeutung elektrischer Haartrockner) kommt von vulgärlateinisch „faōniu“, einer Ableitung von lateinisch „fovēre“, wärmen. „Lawine“ und „Föhn“ wurden dank Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“ zum unbestrittenen Bestandteil der gesamtdeutschen Standardsprache. Immerhin ins Schweizerhochdeutsche geschafft hat es die „Rüfi“ (Schutt- und Schlammlawine), dialektal auch „Rufi“ oder (eigentlich am richtigsten) „Rufine“. Das Wort basiert auf alpinromanisch „ruvina“ und ist damit sprachgeschichtlich identisch mit „Ruine“; beide haben ihren Ausgang in lateinisch „ruere“, stürzen.

An dieser Stelle müssen wir unsere kleine Romanismen-Serie unterbrechen, denn die Saison verlangt nächste Woche ein ganz bestimmtes „Wort der Woche“...

(28. November 2012, CL)

 

tschau, Binätsch, Fazeneetli und anderes Italienisches im Schweizerdeutschen

Heute kommen wir zu einigen italienischen Lehnwörtern im Schweizerdeutschen. Wir können hier zwei Gruppen unterscheiden: Jüngere, die über Gastarbeiter in die Schweiz gekommen sind, und ältere, die auf Handelsbeziehungen mit der Lombardei verweisen.

Zur ersten Gruppen gehört der Abschiedsgruss (oder das Begrüssungswort) „tschau“. Es geht auf eine Dialektvariante von italienisch „schiavo“, Sklave, zurück und ist eigentlich eine Verkürzung der Wendung „(ich bin Ihr) Sklave/Diener“, wie übrigens auch das gleichbedeutende, in Österreich übliche „Servus“. Ein anderes jüngeres Lehnwort hat in der Deutschschweiz eine neue Bedeutung bekommen: Ausgehend vom Spielruf „cinque la mora“ – „mora“ oder „morra“ ist ein Fingerspiel, bei dem die Anzahl gestreckter Finger zu erraten ist – entstanden hierzulande die abwertend verwendeten Wörter „Tschinggelemoore“ und „Tschingg“ für „Italiener(in)“.

Zu der Gruppe der alten Lehnwörter gehört etwa das Innerschweizer, Zürcher und Ostschweizer Wort für „Spinat“, nämlich der „Binätsch“, dem italienisch „spinacio“ zugrunde liegt. Auf die Innerschweiz beschränkt ist „Kantrum“ für „Kommode“, das von italienisch „cantarone“ stammt. Wohl fast überall veraltet ist das einst weithin bekannte „Fazeneetli“, ein Wort für das Taschentuch, worin italienisch „fazzoletto“ steckt. Gewisse Lehnwörter können sowohl aus dem Italienischen wie aus dem Rätoromanischen übernommen sein. Zu diesen gehört das besonders in der Inner- und Südostschweiz bekannte „Spuuse, Gspuuse, Spuusi“ u. ä. für „Braut, Schatz“, das über rätoromanisch bzw. lombardisch „spus(a)“, „spos(a)“ auf lateinisch „spōnsus, -a“, Bräutigam bzw. Braut, zurückgeht.

(21. November 2012, CL)

 

patschifig, Schgaffa, Schgarnutz und anderes Rätoromanisches im Schweizerdeutschen

Die Facebook-Kollegen vom Dicziunari Rumantsch Grischun, dem rätoromanischen Pendant des Idiotikons, haben kürzlich eine Serie mit deutschen Lehnwörtern im Bündnerromanischen präsentiert. Die folgende Zusammenstellung bietet nun eine kleine Auswahl an Wörtern, die im deutschsprachigen Bündner Rheintal, in den Bündner Walserdialekten sowie im Sarganserland und im Werdenberg vorkommen und aus dem Romanischen entlehnt sind (bei Wörtern wie „Spiina“ und „Spuusa“, die zum Beispiel auch in der Innerschweiz bekannt sind, tritt noch das Italienische als zweite Ausgangssprache hinzu):

„Bischgetii“ (ein Kaffee- oder Teegebäck), „Palangga“ (Balken, Rundholz), „Palooga“ (Kriechenpflaume), „patschifig“ (phlegmatisch, gemütlich, friedfertig), „Schgaffa“ (Schrank), „Spensa“ (Vorratskammer), „Spiina“ (Fass-, Wasserhahn), „Spuusa“ (Braut), „Zmarend“ (Vesperbrot, Zvieri). Einige bündnerdeutsche Wörter wie „magaari“ (vielleicht), „propi“ (wirklich), „Schgarnutz“ (Papiersack, Tüte) und „Roobi“ (Ware) bzw. „rooba“ (umziehen, zügeln) kommen ebenfalls aus dem Romanischen, aber dieses hat sie seinerseits aus dem Norditalienischen bzw. im letztgenannten Fall aus dem Germanischen (vgl. „rauben“) entlehnt.

Die Liste lässt sich zweifellos verlängern – wer weiss mehr?

(14. November 2012, CL)

 

Jeans, Chöltsch, Galli und andere Stoffnamen

Die Tuch- oder Stoffnamen zeichnen eine ganze Geographie nach. Kaum nötig zu erklären ist „Manchester“ (bundesdeutsch: Cord), das an die einst blühende Textilindustrie der gleichnamigen englischen Stadt erinnert. Nur wenig bekannt dürfte hingegen sein, dass „Jeans“ auf den (gleich ausgesprochenen) englischen Namen „Genes“ für die italienische Handelsstadt Genua zurückgeht. „Denim“, der Baumwollstoff, aus dem die ersten Jeans hergestellt wurden, meint eigentlich „de Nîmes“, also „(Gewebe) aus Nîmes“. Im schweizerischen „Chöltsch“ für den farbig karierten oder gestreiften Baumwoll- oder Leinenstoff steckt der Name der bedeutenden mittelalterlichen Handels- und Fabrikationsstadt Köln. Das ältere Schweizerdeutsch kannte auch „Lündsch“ oder „Lündisch“ für ein feines Wolltuch, das sich auf den Namen der britischen Hauptstadt London bezieht. In „Damast“, einem feinen Gewebe mit eingewobenem Muster, verbirgt sich der Name der syrischen Stadt Damaskus. Und „Galli“, älter schweizerdeutsch für einen dünn geschlichteten groben Baumwollstoff, verweist sogar auf den indischen Seehafen Kalikut. Tuchnamen zeigen sehr schön, dass auch die ältere Zeit schon globalisiert war...

(7. November 2012, CL)

 

Hafechääs

„Hafechääs“ ist ein Wort, das wir heute in der Bedeutung „Blödsinn, Quatsch, Mist“ gebrauchen. Die ursprüngliche Bedeutung kennen wir aus Quellen des 16. bis 19. Jahrhunderts. So erklärte beispielsweise der Zürcher Lexikograph Josua Maaler in seinem Wörterbuch „Die Teütsch spraach“ von 1561 den „hafenkäß“ mit „alter fauler käß. So man stücklin von altem käß in ein hafen zuosamen legt, und weyn darüber schütt, und also laßt graaten und in einanderen faulen.“ Es handelte sich somit um Käse, den man in einem Hafen, also in einem irdenen Gefäss, der Gärung ausgesetzt hatte, um ihn länger haltbar zu machen. Dieser fermentierte Käse war ziemlich weich. In einem 1550 erschienenen Stück des Dramatikers Jakob Ruef sagte die Köchin zum Koch, der sie am vorangegangenen Tag verprügelt hatte: „Ich wett dir geben han ein streich, daß d worden werist also weich wie hafenkäß in einer schüssel“ – nur war sie eben zu betrunken, als dass sie hätte zuschlagen können...

(31. Oktober 2012, CL)

 

Sirach und sirache

Zwei schöne Ausdrücke, die in unserer kleinen Schimpfserie nicht fehlen dürfen, sind „Sirach“ und „sirache“. Die beiden Wörter gehen auf das biblische bzw. apokryphe Buch Jesus Sirach zurück, in dem mehrfach zur Sanftmut gemahnt und vor Streit gewarnt wird. Offenbar wurden die Weisheiten im Buch Jesus Sirach und vor allem die Warnung vor Streit so häufig gepredigt, dass sich der Name Sirach verselbständigt hat und seither stellvertretend für Zank verwendet werden kann. „I Sirach choo“ bedeutet „in Streit geraten“, „im Sirach sy“ heisst „streiten“, und das Verb „sirache“ meint „schimpfen, fluchen, toben“. Dass damit der Name von jemandem, dem es so dringend um das Vermeiden von Hader gegangen war, ausgerechnet zum Synonym für Unfrieden geworden ist, entbehrt nicht einer gewissen Ironie...

(24. Oktober 2012, MG & CL)

 

Cheib und Chog

Diese Woche geht es um den „Cheib“ und den „Chog“. Beide Wörter kennen in der Mundart eine recht vielfältige und schillernde Anwendung: Mit „Souchog“ und „fuule Cheib“ werden Menschen beschimpft. Sagt die Mutter zu ihrem gewitzten Kleinen „bisch es Chögli“, meint sie das jedoch anerkennend-liebkosend, vom Tadel ist fast nichts mehr spüren. Im Ausruf „verreckte Cheib“ kommt wiederum unverhüllte Überraschung zum Ausdruck. Und in „cheibeschöön“ und „chogeguet“ dienen „Cheib“ und „Chog“ sogar der Verstärkung positiver Adjektive. „En Cheib haa“ heisst einen Rausch haben, „devoocheibe“ ist fortrennen. Und in „alles Cheibs“ schliesslich hat unser Wort nur noch einen ganz allgemeinen Inhalt. Im mittelalterlichen Deutsch hingegen bedeuteten (mittelhochdeutsch) „keibe“ und (althochdeutsch) „koggo“ etwas ganz anderes und sehr Konkretes, nämlich „Leichnam, Aas, Kadaver; ansteckende Tierseuche“...

(17. Oktober 2012, CL)

 

Gaggelaari

Das Wort der Woche ist der „Gaggelaari“, ein dummer Schwätzer, ein Nichtsnutz, ein Dummkopf. Es handelt sich dabei um eine Zusammensetzung aus „Laari“= langsamer, alberner Mensch, das seinerseits abgeleitet ist vom Verb „laare“ oder „laale“ = dumm schwatzen, sich einfältig gebärden, und vom Verb „gagge“ oder „gaggele“ = gackern; stottern; dumm reden. Das Idiotikon hatte kürzlich eine Anfrage, ob der „Gaggelaari“ ein Schimpfwort sei. Nun – höflich ist die Bezeichnung sicher nicht, aber im Gegensatz zu andern (aus dem Deutschen und Englischen entlehnten) Schimpfwörtern ist sie immerhin altdialektal und tönt doch auch irgendwie hübsch... (10. Oktober 2012, Christoph Landolt)

 

Wimmet und wimmen

Er hat schon angefangen: der „Wimmet“, „Wüm(m)et“, „Wimlet“ oder „Wümlet“, und viele fleissige Leute stehen in den Rebbergen, um zu „wimme“, „wüm(m)e“, „wimle“ oder „wümle“. So sagt man in der östlichen Hälfte der Deutschschweiz und, räumlich isoliert, in der Variante „wimde, wimdu“ auch im Wallis dem Ernten der Trauben. In den andern Landesgegenden spricht man hingegen von „läse“ und „Läset“ oder von „herbschte“ und „Herbscht“. Das Verb „wimme“ uä. geht über verschiedene ältere Zwischenstufen auf lateinisch „vindemiare“, die Weinlese halten, zurück. Es handelt sich dabei um eines derjenigen lateinischen Wörter, die im Zusammenhang mit der Übernahme römischer, den Germanen vorher noch unbekannter Kulturtechniken schon sehr früh ins Deutsche gelangt sind. Andere Beispiele – die es, anders als „wimme“, in die deutsche Gemeinsprache geschafft haben – sind „Wii/Wein“ (lat. vinum), „Muur/Mauer“ (lat. murus; die Germanen kannten nur die aus Zweigen geflochtene und mit Lehm verklebte „Wand“), „Ziegel“ (lat. tegula; die Germanen kannten nur Stroh-, Erdsoden- und Holzdächer) oder „Fäischter/Fenster“ (lat. fenestra; die germanischen Häuser hatten lediglich das ins Dach eingelassene „Windauge“, vgl. englisch „window“). (3. Oktober 2012, Christoph Landolt)

 

Finken

Das Wort der Woche ist die schweizerdeutsche Bezeichnung für die Hausschuhe. Belegt sind die „Finken“, um die es hier geht, erstmals in einer alemannischen Glosse des 13. Jahrhunderts; sie werden dort mit „eine Art Fussbekleidung der Mönche“ erklärt. Das Wort stammt vermutlich von spätlateinisch „fico“, Plural „ficones“, und dürfte aus der Klostersprache des Hochmittelalters in unsere Mundarten gelangt sein. Woher allerdings dieses „fico“ kommt, ist ganz unsicher. – Ein anderer Erklärungsversuch ist die Herleitung vom Vogelnamen Fink: Hausschuhe wurden früher aus Stoffresten hergestellt und waren deshalb buntscheckig wie der gleichnamige Vogel. Gut möglich, dass der Vogelname auf das spätlateinische „fico“ eingewirkt hat und zum Entstehen unserer „Finken“ beigetragen hat. Genaueres wissen wir jedoch nicht... (26. September 2012, Christoph Landolt)

 

Hundenamen im Jahre 1504

Wie nannte man vor fünfhundert Jahren seinen Hund? Auskunft gibt der sogenannte Zürcher Glückshafenrodel von 1504. Ein Glückshafen war das, was wir heute Lotterie nennen, und um die eigenen Gewinnchancen zu erhöhen, liess man nicht nur sich selbst, sondern oft auch alle Familienangehörigen, das Gesinde und sogar die Haustiere namentlich in das Verzeichnis eintragen. Im Folgenden führen wir eine repräsentative Auswahl aus rund achtzig Hundenamen an.

Manchmal trugen Hunde gewöhnliche menschliche Rufnamen wie „Ännly“ (zu Anna) oder „Bennly“ (zu Benedikt), häufiger jedoch waren edle, aus der damals geläufigen Literatur bekannte Namen wie „Arttus“, „Fortuna“, „Melesinn“ und „Venus“. Auch „Fürst(li)“, „Löw“ und „Schell(i)“ (= Hengst) zeugen von Wertschätzung. Andere wiederum dachten ganz praktisch und riefen ihre Vierbeiner schlicht und einfach mit einer Befehlsform: „Heb ann“ (= halt an, oder vielleicht: halt ihn), „Weck“ (= wecke [mich, wenn etwas geschieht]), „Wer dich“ (= wehr dich), „Zuck“ (= fass, zu „zucken, zücken“, schnell ergreifen). Wie auch heute noch konnte das Aussehen namengebend sein: „Mörli“ und „Brendli“ waren sicher Hunde mit schwarzem Fell, „Hotz“ und „Hüdelli“ solche mit zottigem Fell, „Dammast“ und „Sattin“ solche mit glattem Fell; das „Stümpli“ hatte wohl einen Stummelschwanz, der „Stern“ einen hellen Stirnfleck. Auf die Schnelligkeit verweisen Namen wie „Yl“ (= eile), „Renni“ oder „Fürbas“ (= vorwärts), auf die Art der Fortbewegung „Häderli“ und „Zyberlin“ (zu „häderlen“ bzw. „ziberlen“ = mit raschen kurzen Schritten laufen). Das Motiv des Jagens und Verjagens liegt etwa bei „Veng“ (= fangend), „Stöibli“ (zu „stäuben“ = verjagen, aufscheuchen) oder „Weidman“ vor. Einige Hunde waren schlicht namenlos und wurden ganz phantasielos „Menli“ (= Männlein) oder „Vötschli“, „Föitz“ (= Hündin) gerufen. Es gab aber auch Tiere, die scherzhafte Namen trugen wie „Wer weisd“ (= wer weiss) und „Niemen“ (= niemand) – diese waren ganz praktisch, denn hatte der Hund Mist gebaut und fragte jemand den Hundebesitzer, wer das getan habe, konnte dieser ohne schlechtes Gewissen mit „Wer weiss“ bzw. „Niemand“ antworten...

(18. September 2012, Christoph Landolt; Quellen: Der Glückshafenrodel des Freischiessens zu Zürich 1504, hg. von Friedrich Hegi, Zürich 1942 sowie Hans Wanner, Hundenamen aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts, in: Festschrift für Ernst Ochs, hg. von Karl Friedrich Müller, Lahr 1951)

 

Chnuupesaager (Chnuppesaager)

Das Wort der Woche ist der „Chnuupe-“ oder „Chnuppesaager“, was „Geizhals, Rappenspalter“ bedeutet. Ein „Chnuupe“ oder „Chnuppe“ ist ein Knollen, und ein „Saager“ ist der Besitzer einer Säge, ein Sägmüller. Diesem wurde vielfach eine Neigung zum Geiz nachgesagt. Er soll die kleinsten „Chnuupe“ noch einmal zersägt haben, um selbst aus dem geringsten Holzstück einen kleinen Gewinn zu erwirtschaften. Ganz ähnliche Wortbildungen sind „Chümisaager“, „Chümispalter“ und “Chriidesaager” – nicht einmal ein Kümmelsamen bzw. ein Stück Kreide ist dem Geizhals zu klein, als dass er es nicht noch einmal zerteilen würde. (Hans-Peter Schifferle, 12. September 2012)

 

Chilbi

Das Wort der Woche ist zu Ehren der in dieser Jahreszeit vielerorts stattfindenden Chilbenen die „Chilbi“, die schweizerische Bezeichnung für den Jahrmarkt und den Rummelplatz. „Chilbi“ geht zurück auf altalemannisch „kilchwîhi“, bedeutet also ursprünglich „Kirchweihe“. Die heutigen Chilbenen sind terminlich oft von den alten Kirchweihtagen losgelöst; dass aber etwa der Termin des Zürcher Knabenschiessens mit seiner grossen Chilbi auf das zweite Septemberwochenende fällt, ist eine Erinnerung an die alte „Züri-Chilbi“, die zur Feier der Zürcher Stadtpatrone Felix und Regula jeweils am 11. September stattfand. (Christoph Landolt, 5. September 2012)

 

tschegge

Das Wort der Woche ist „tschegge“, kapieren. Wie wir alle wissen, steckt das englische „to check“ dahinter. Allerdings: Das englische Verb kennt die Bedeutung „begreifen“ gar nicht, es bedeutet vielmehr „anhalten, hemmen, prüfen“. Seine Grundbedeutung ist jedoch der Ruf, der unserem deutschen „Schach!“ entspricht; "to check" meint also ursprünglich „Schach bieten“. Letztlich geht das Wort zurück auf persisch „shâh“, zu deutsch „König“. (Christoph Landolt, 29. August 2012, mit Dank an Christian Schmid: „Stuune“, Muri bei Bern 2011.)

 

löie (lüe, lüwe, liwwe)

Das heutige Wort der Woche ist „löie“, „lü(w)e“ oder „liwwe“, wie die Berner, Entlebucher, Freiburger und westlichen Deutschwalliser für „ausruhen“ sagen. Für die Sprachwissenschafter ein schwieriges Wort! Zwar finden wir es auch in Quellen des 15., 16. und 17. Jahrhunderts belegt, aber weiter zurück ist es schwierig zu verfolgen. Falls es im Wallis seit alters vorkommt, warum haben die um 1200 ausgewanderten Walser dann statt „liwwe“ das althochdeutsche „resten“ (das heute im Wallis nicht mehr existiert) mitgenommen, als sie ins Aostatal und ins Piemont zogen? Und was hat der Hegauer Dichter Hugo von Langenstein 1293 mit „geliuwen“ wirklich gemeint? Und mit welchen andern Wörtern könnte es verwandt sein? Man hat bairisch „launen“ = schläfrig sein, niederländisch „lui“ = faul und isländisch „lyja“ = ermüden beiziehen wollen, aber stehen diese Vergleiche auf sicherem Boden? Nur eines wissen wir sicher: Der unbekannte, im Idiotikon zitierte Berner hat mit seinem „Votre Majesté veut-elle lionner ici?“ nicht die richtigen Schlüsse gezogen... (Christoph Landolt, 22. August 2012)

 

Landjäger

Passend zur Wandersaison ist das Wort der Woche der „Landjäger“. Diese geräucherte und luftgetrocknete Wurst ist kein zu Fleisch verarbeiteter Polizist (früher „Landjäger“ genannt), sondern es liegt wahrscheinlich eine Umdeutung aus „lang tige“ vor. Das Dialektwort „tige“ (eigentlich identisch mit hochdeutsch „gediegen“) bedeutet im Schweizerdeutschen „getrocknet, gedörrt, geräuchert“. Eine andere, ebenfalls von „tige“ ausgehende Umdeutung zeigt sich bei der durchaus tigerfleisch-freien, aber ebenfalls geräucherten „Tigerwurst“. (Christoph Landolt, 15. August 2012)

 

Tschoope (Schoope)

Das Wort der Woche ist der „Tschoope“ oder „Schoope“, wie man, vom Bernbiet und der Nordwestschweiz abgesehen, dem Veston (Sakko, Herrenjackett) sagt. Das Idiotikon kann den „schopen“ schon für das Jahr 1330 aus einer Schaffhauser Quelle belegen. Es handelt sich dabei um eine sehr frühe Entlehnung von italienisch „giubba“. Das Italienische hat das Wort seinerseits aus dem Arabischen übernommen, wo die „ğubba“ ein langes Obergewand ist. Übrigens geht auch der „Jupe“, ein Kleidungsstück für Frauen und Mädchen, auf dieses arabische Wort zurück, hat aber seine Wanderung über das Französische gemacht und ist erst im 19. Jahrhundert ins Schweizerdeutsche gelangt. (Christoph Landolt, 8. August 2012)

 

Cervelat

Das Wort zum 1. August ist der oder die Cervelat, die Schweizer Nationalwurst, hierzulande (anders als in Frankreich!) eine Brühwurst aus Rindfleisch, Schwarten und Speck. Das Wort geht via das Französische und Italienische auf lateinisch „cerebellum“ 'Gehirn, Hirn' zurück, womit auch schon gesagt ist, was die Wurst ursprünglich enthielt. Die frühere Schweizer Nationalhymne „Heil dir, Helvetia“ (die mit der Melodie von „God save the Queen“ gesungen wurde) parodierte man übrigens wie folgt: „Heil dir, Helvetia, Brodwurscht und Serwela cha me bim Metzger ha, und die sind guet.“ (Christoph Landolt, 31. Juli 2012)

 

Chlüppli, Chlüpperli, Chlupperli

Wort der Woche ist das zürcherische und ostschweizerische „Chlüppli, Chlupperli, Chlüpperli“, die Wäscheklammer. Es handelt sich dabei um eine Verkleinerungsform von „Chluppe“, zangenartiges, festklemmendes Gerät. Letztlich gehört unser Wort zu mundartlich „chlüübe“, kneifen, das seinerseits auf althochdeutsch „kliuban“, spalten, zurückgeht – die „Urchluppen“ und „Urchlüppli“ waren schlicht ein gespaltenes Stück Holz. (Christoph Landolt, 25. Juli 2012)

 

Maleschlössli (Maler-, Malet-, Malze-, Mare-, Marfel-, Made-, Maneschlössli)

Das Wort der Woche bzw. zur Bade- und Reisesaison ist das „Male-, Maler-, Malet-, Malze-, Mare-, Marfel-, Made- oder Maneschlössli“ – das Vorhängeschloss, womit man ein Garderobekästchen oder einen Koffer sichert. Wie schon die Vielfalt der Varianten (hier werden nur die wichtigsten aufgelistet) zeigt, ist das erste Glied des Wortes seit langem undurchsichtig geworden. Zugrunde liegt mittelhochdeutsch „malche“, was 'Reisesack, Reisetasche' bedeutete. Französisch „malle“ 'Reisekoffer, Kofferraum' stammt übrigens ebenfalls von diesem deutschen Wort. (Christoph Landolt, 18. Juli 2012) 
 

Bänne, Benne

Das Wort der Woche ist die „Bänne“ oder „Benne“, die das ein- oder zweirädrige Transportgerät bezeichnet, oft auch nur den offenen Kasten auf einem solchen Karren – und heute auch scherzhaft ein altes Auto meint. Es handelt sich dabei um eines der wenigen ursprünglich keltischen Wörter, die es geschafft haben, in den Nachfolgesprachen und -dialekten bis in unsere Gegenwart zu überdauern, und ist eine Erinnerung an die hohe Professionalität der Kelten im Wagenbau. (Christoph Landolt, 11. Juli 2012)

 

Bünzli

Das Wort der Woche ist der „Bünzli“. Ursprünglich ein Zürcher Familienname, der entweder auf mittelhochdeutsch „bin[e]z“ (= Binse, grasartige Sumpfpflanze) oder auf mittelhochdeutsch „punze“ (= geeichtes Weinfässchen) zurückgeht, hat das Wort im 20. Jahrhundert die Bedeutung „Spiessbürger“ bekommen. Ausgangspunkt hierfür dürfte die ordentliche und sparsame Züs Bünzlin aus Gottfried Kellers Novelle „Die drei gerechten Kammacher“ (1856) sein. Die populäre Bühnenfigur Heiri Bünzli aus Fredy Scheims Dialektposse „Käsefabrikant Heiri Bünzli“ und aus den von ihm geschriebenen Filmen „Bünzli's Grossstadt-Erlebnisse“ (1930; Regie: Robert Wolmuth) und „Ohä lätz! De Bünzli wird energisch!“ (1935) haben zweifellos das Ihrige dazu beigetragen, die heutige Bedeutung Spiessbürger im allgemeinen Sprachgebrauch zu verankern. (Christoph Landolt & Martin Graf, 4. Juli 2012)

 

Lins, wi cha de Fisel tschaane!

Das „Wort der Woche“ präsentiert zur Abwechslung einmal etwas aus der Sprache der Schweizer Fahrenden: „Lins, wi cha de Fisel tschaane!“ bedeutet „schau, wie kann der Bub rennen!“ „Linse“ ist sprachgeschichtlich unsicher, vgl. allenfalls bairisch „linsen“ = lauschen, horchen. „Fisel“ kommt von mittelhochdeutsch „visel“ = Penis. Und „tschaane“ geht auf romani „dschal“ = er/sie/es geht, reist zurück. (Quelle: Hans-Jörg Roth: Jenisches Wörterbuch, Frauenfeld 2001.) (Christoph Landolt, 27. Juni 2012)

 

Pfifolter

Wort der Woche: Was im Mittelland der „Summervogel“ ist, heisst im alpinen Raum „Pfifolter“ und ähnlich: der Schmetterling. In diesem Wort, das in der Lautung „fifaltar(a)“ schon althochdeutsch vorkommt, steckt ein redupliziertes (d.h. eine verdoppelte Stammsilbe aufweisendes) "Falter". Urnerisch „Fliggholter“, schwyzerisch „Zwifalter“ und sarganserländerisch „Pipolter“ sind weitere Umformungen dieses nicht mehr durchsichtigen Wortes. Ob der Falter übrigens etwas mit „flattern“ zu tun hat, ist umstritten. (Christoph Landolt, 20. Juni 2012)

 

tschuute (tschutte, schuute, schutte)

Das Wort der Woche ist – wie könnte es anders sein! – „tschuute“ (oder „tschutte“, „schuute“, „schutte“), Fussball spielen. Es kommt von englisch „to shoot“ = „schiessen; den Ball kicken“, und erinnert daran, dass der Fussballsport aus England in die Schweiz gekommen ist. Auch die Namen einiger der ältesten Fussballclubs sind englisch, man denke etwa an den „Grasshopper Club Zürich“ (gegründet 1886), die „Old Boys Basel“ (1894) oder die Berner „Young Boys“ (1898). (Christoph Landolt, 13. Juni 2012)

 

 (v)ergalschtere, (v)ergelschtere

Das Wort der Woche: „(v)ergalschtere“ oder „(v)ergelschtere“ kommt in vielen Bedeutungsnuancen vor, zum Beispiel bedeutet „sich ergelschtere“ sich ereifern, sich aufregen, oder „vergelschteret“ meint verblüfft, fassungslos, verwirrt. Die älteste Bedeutung aber ist „verzaubern, verhexen“. Im mittelalterlichen Deutsch gab es ein Wort „galster“, das „(Zauber-)Gesang“ bedeutete und zu einem Verb „galan“ mit der Bedeutung „singen“ (besonders „Zauberformeln singen“) gehörte. „Nachtigall“ heisst übrigens wörtlich „Nachtsängerin“. (Christoph Landolt, 6. Juni 2012) 
 

gheie/ghyye

Das Wort der Woche: „gheie/ghyye“ hat eine der verrücktesten Bedeutungsentwicklungen hinter sich. Althochdeutsch („hiwen“) bedeutete es „heiraten“. Hieraus hat sich die Bedeutung „begatten“ ergeben, die in der älteren Sprache gut belegt ist. „Begatten“ kann leicht zum Schimpfwort werden – so wurden die alten Schweizer „Küe-Gehyer“, also „Kuh-Beischläfer“, gescholten –, und hieraus entwickelte sich die allgemeinere, heute aber veraltete Bedeutung „plagen, quälen, misshandeln“. Wer jemanden misshandelt, kann ihn zu Boden werfen, womit es zur heutigen Bedeutung „werfen“ kommt. Was aber geworfen wird, wird losgelassen, und damit wären wir zur zweiten heutigen Bedeutung, nämlich „fallen“, gelangt. (Christoph Landolt, 30. Mai 2012)

 

Gänterli

Das Wort der Woche ist das „Gänterli“. Dieses vornehmlich innerschweizerische Wort für Küchenschrank ist eigentlich die Verkleinerungsform von „Gänter“, was Gitter bedeutet. Das „Gänterli“ war also ursprünglich ein mit Gitterwerk versehener Kasten. „Gänter“ seinerseits geht zurück auf lateinisch „cantherius“, ein Wort für Dachsparren oder Sparren als Fassunterlage. (Christoph Landolt, 23. Mai 2012)

 

Ammedyysli

Das Wort der Woche ist das „Ammedyysli“, baseldeutsch für Pulswärmer. Es kommt von französisch „amadis“, wo es den engen Hemd- oder Halbärmel bezeichnet. Laut Christian Schmids Buch „Botz heitere Faane“ (Muri b/B. 2007) wurden solche Ärmel im Gefolge der 1684 uraufgeführten Oper „Amadis“ populär, in welcher die Hauptfigur dieses Kleidungsstück trug. Thema der Oper waren die Heldentaten und Tugenden des Ritters Amadis von Gallien, einer in der Renaissance beliebten Romanfigur. (Christoph Landolt, 16. Mai 2012)

 

Marienkäfer

Das Wort der Woche: Für einmal keine Worterklärung, sondern eine Liste aller (?) Dialektausdrücke, die das Schweizerdeutsche für den Marienkäfer kennt: Himelgüegeli, Himels-Tierli, Jesus-Tierli, Herrgotts-Chäferli, Herrgotts-Tierli, Herrgottsgüegeli, Lieberherrgotts-Chäferli, Lieberherrgotts-Tierli, Liebgottchäferli, Liebgotttierli, Liebgottchüeli, Heereloobeli, Muetergottes-Chäferli, Muetergottesgüegeli, Mueterchäferli, Frauechäferli, Frauetierli, Mariechäferli, Katriin(e)li, Katriinechäferli, Katriinetierli, Katriinegüegeli, Chäfertriinli, Anketriin(e)li, Anketierli, Ankechäferli, Brunnechüeli, Meiechüeli, Junichäferli, Goldgüegeli, Maartigoldgüegeli, Martugiigi, Glücks-Chäferli, Schuemächerli. Fehlt etwas? (Christoph Landolt, 9. Mai 2012)

 

Buttitschifra

Das Wort der Woche: Dem Büstenhalter sagen die Walliser im Scherz „Buttitschifra“. „Butti“ ist ein ursprünglich ammensprachlicher Begriff für die weibliche Brust. „Tschifra“ ist ein Lehnwort aus dem Lombardischen und bezeichnet den traditionellen, aus Weidenruten geflochtenen Korb, der an zwei Bändern auf dem Rücken getragen wird. (Christoph Landolt, 2. Mai 2012)

 

Appenzeller Biber

Das Wort der Woche: Hat die Appenzeller Lebkuchenspezialität namens „Biber“ etwas mit dem gleichnamigen Nagetier zu tun? Nein. Der essbare „Biber“ ist aus „Biberzelten“ oder „Biberfladen“ gekürzt und hiess im Spätmittelalter „Bimen(t)zelten“. Der Wortbestandteil „Biment“ geht zurück auf lateinisch „pigmentum“, was „Nelkenpfeffer“, also ein Gewürz, bedeutet. (Christoph Landolt, 25. April 2012)

 

welsch

Das Wort der Woche: „Welsch“ meint westschweizerisch, französisch (vgl. „wallonisch“ in Belgien), älter auch italienisch, rätoromanisch. Ursprünglich bedeutete das Wort „keltisch“ (vgl. englisch „Welsh“, walisisch); es geht letztlich auf den gallischen Volksstamm der Volcae zurück. Übrigens: „Walensee“ bedeutet „See bei den Welschen“, denn dort lag früher die deutsch-rätoromanische Sprachgrenze. (Christoph Landolt, 18. April 2012)

 

(ume)plegere

Das Wort der Woche: Sitzen oder liegen wir faul herum, dann tun wir „(ume)plegere“. Das schöne Wort hat eine weniger schöne Herkunft: „Plegere“ geht auf „Blag“ zurück, ein altes Wort für Tierleiche, Aas, Kadaver. „Plegere“ meint somit eigentlich „in Fäulnis übergehen“, „dahinsiechen“. (Christoph Landolt, 11. April 2012)

 

Uustag, Huustage & Langsi, Lanzig

Das Wort der Woche: „Uustag“ oder „Huustage“ sowie „Langsi“ oder „Lanzig“ sind schweizerdeutsche Wörter für Frühling. Ersteres meint ursprünglich „Tag, an dem der Winter aus ist“ (die Interpretation als „Haustage“ zeigt, dass das Wort nicht mehr verstanden wurde). Letzteres ist eine Ableitung zu „lang“ und meint wörtlich „Jahreszeit, in der die Tage länger werden“. (Christoph Landolt, 4. April 2012)