Aprikose, Barille, Baringeli, Marille, Amerille – und Äämerich

Jetzt sind sie wieder reif, die Aprikosen! Im modernen Schweizerdeutsch gilt dieses Wort wohl überall. Nach den zwischen 1939 und 1957 erhobenen Daten des Sprachatlasses der deutschen Schweiz war Aprikose aber erst in der westlichen und in der östlichen Deutschschweiz bekannt; im Kanton Zürich galt damals noch geschlossen Barile, in Teilen der Innerschweiz und im östlichen Aargau Baringeli und im Wallis Ääm(e)rich, Äämbrich. Noch einmal ein paar Generationen früher sah das Bild völlig anders aus: Schauen wir im ersten Band des Schweizerischen Idiotikons nach, dessen Daten noch aus dem 19. Jahrhundert stammen, sehen wir, dass – vereinfacht ausgedrückt – in grossen Teilen der Ostschweiz (St. Gallen, Appenzell, Glarus, Graubünden) die Worttypen Amerille und Marille, in Teilen der reformierten Ostschweiz, in der ganzen reformierten Nordschweiz und in der westlichen reformierten Deutschschweiz Barille und in fast der ganzen katholischen Schweiz von Solothurn über die Innerschweiz und katholisch Aargau bis ins Sarganserland Baringel herrschten – für «Aprikose» war da schlicht kein Platz.

Sowohl «Aprikose» als auch «Amerille»/«Marille»/«Barille» haben abenteuerliche Wortgeschichten. Die Römer nannten die Frucht persicum praecoquum, was «frühreifer Pfirsich» bedeutet. Aus dem Plural praecoqua oder jünger praecoca machten die Griechen ein brekókkia, die Araber dann ein al-barqūq. Die Spanier entlehnten daraus ihr albaricoque und die Katalanen ihr albercoc, woraus im Munde der Franzosen abricot wurde. Deren Pluralform abricots wiederum wurde bei den Niederländern zu abrikoos – was die Norddeutschen endlich als Aprikose übernahmen.

«Amerille»/«Marille»/«Barille» wurde hingegen aus dem Italienischen entlehnt. Dort ist das Wort heute nur noch dialektal erhalten; der Aprikosenbaum beispielsweise heisst in Teilen Italiens armellino. Grundlage ist wiederum das Lateinische, wo man die Frucht auch armeniaca, die «Armenische», nannte. – Das walliserdeutsche Ääm(b)rich schliesslich scheint auf einer sachlichen Verwechslung mit der Sauerkirsche zu beruhen, die in der Deutschschweiz mancherorts Ämmerli, Ämmeri, Ämmeli heisst. Ausgangslage ist hier lateinisch amārus «bitter».

Wie wäre es, wenn wir Deutschschweizer/innen das niederdeutsche «Aprikose» wieder durch das oberdeutsche «Amerille», «Marille», «Barille» ersetzen würden? «Die Armenische» ist doch viel schöner als «die Frühreife»...

(30. Juni 2015, CL)

 

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