Moin – die Ostfriesen erobern die Schweiz

Letzthin wurde die Redaktion angefragt, warum man denn das «berndeutsche» Grusswort moin im Idiotikon nicht finde. Nun, da moin also definitiv in der Schweiz angekommen ist, darf es auch eine unserer Wortgeschichten beanspruchen!

Restlos geklärt ist die Herkunft von moin nicht, doch norddeutsch ist es auf jeden Fall. Womöglich ist das Wort im Niederländischen sowie im nordwestlichen Niederdeutsch (dem zwischen Bremen und der deutsch-niederländischen Grenze gesprochenen Plattdeutsch) zu Hause, wo es ein mooi mit der Bedeutung «schön, prächtig, angenehm» gibt. Wünscht man nun jemandem «einen schönen Tag», dann heisst das im Emsland, im Oldenburger Land und in Ostfriesland ’n mooien Dag. Das Weglassen von Artikel und Hauptwort und damit die Reduktion auf das Adjektiv wäre nichts Ungewöhnliches und ist auch aus dem Schweizerdeutschen bekannt, wo man sich da und dort mit einem schlichten Guete! begrüssen kann. Die Kürzung von -ooi- zu -oi- wiederum könnte der besonderen Eigenschaft als elliptische (aus dem Satzzusammenhang gerissene) Partikel geschuldet sein.

Auf seiner Tour d’Allemagne hat moin, vermutlich von deutschen Handwerkern mitgebracht, schon im späteren 19. Jahrhundert auch den Hochrhein überschritten und ist im Schweizerdeutschen gelandet. Anna Zollinger-Escher (Die Grussformeln der deutschen Schweiz) nennt das Wort 1925 für etliche Schweizer Städte und Gebiete (in Zürich soll es 1875 unter Kantonsschülern beliebt gewesen sein), doch konnte es sich offenbar nur in gewissen Regionen wie um Chur und in Teilen des Kantons Bern länger halten. In jüngerer Zeit dürfte das deutsche Fernsehen dazu beigetragen haben, das Wort in der Schweiz wieder bekannter zu machen. Ob wenigstens die Variante moinz, die hierzulande auch vorkommt, ein Eigengewächs ist oder mit-importiert wurde, entzieht sich unserem Wissen.

Mooi selbst ist unbekannten Ursprungs. Es findet sich erstmals 1153 bezeugt und ist in keiner anderen germanischen Sprache als dem Niederländischen und (wohl von dort entlehnt) dem Niederdeutschen bekannt. Es wurde schon vermutet, mooi sei mit «Moder» urverwandt und über die Zwischenbedeutungen «befeuchtet», «gewaschen» und «rein» zur Bedeutung «schön» gelangt. Nach einer andern Behauptung soll es von spanisch muy «sehr» kommen; es hätte in dem Fall seine niederländisch/niederdeutsche Bedeutung über die Wendung muy bien «sehr gut» erhalten, wobei die Bedeutung «schön» von bien auf muy oder eben mooi übergesprungen wäre. Beide Erklärungsversuche vermögen nicht zu überzeugen, weshalb das neueste niederländische Herkunftswörterbuch (M. Philippa u. a.: Etymologisch Woordenboek van het Nederlands, 2003–2009) die Vermutung äussert, es könnte einer nicht mehr bekannten vor-indogermanischen Sprache entstammen.

(28. April 2015, CL)

 

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