Wie einem der heilige Andreas in die Zukunft schauen hilft

Für «Andreas» kennt das Schweizerdeutsche viele Varianten: Andrees, Anerees, Andreies, Andreia, Andris, Ändri, Änderli, Ändi, Drees, Rees, Reesel, Reesi, Nanzi... Am 30. November ist Andreastag – beziehungsweise dialektal Zantandreeschtagg (Wallis), Andreesetag (Nidwalden) oder Za[n]tanderschtig, Sätanderschtig (Prättigau). Bis ins 18. Jahrhundert hinein galt er als Termin für die Entrichtung von Zinsen und Zehnten. Er bot und bietet aber auch zu Erfreulicherem Anlass: Man kann seine/n Zukünftige/n erblicken!

In Basel, Luzern, Schaffhausen und Zürich wischt man hierzu um Mitternacht nackt und rückwärts die Stube und schaut anschliessend in den Spiegel (ob es auch mit dem Staubsauger geht, entzieht sich unserem Wissen). Andere Möglichkeit: In Schaffhausen, Thurgau und Zürich holt man stumm und rücklings ein Glas Wasser und schlägt ein Ei hinein, worauf sich die Gestalt des zukünftigen Mannes (auch der zukünftigen Frau?) oder aber dessen Handwerkszeug zeigt. In Aargau, Bern, Schaffhausen und Zürich geht es auch mit Blei statt Ei und dem Vernehmen nach auch mit Kaffee. Anders im Toggenburg: Hier wird das Bild des oder der Zukünftigen in einem Wasserspiegel gesucht.

Man kann sich aber auch direkt an den heiligen Andreas wenden. Die Bernerinnen (geht sicher auch bei Bernern) steigen dazu rücklings ins Bett und sagen gleichzeitig den Spruch: «Wie ich diesen Bettladen betritt, heiliger Andreas ich dich bitt, sag du mir gewisslich a, was ich für-ne Ma werd ha.» Im Zürcher Oberland sagt man beim Zubettgehen den Spruch «Hier uf der Bettstatt sitz-i, o Andreas ich bitt-di, zeig-mer hinecht i der Nacht, wele Schatz mich dänn biwacht. Ist er rych, so chunnt er gritte, ist er arm, so chunnt er gschritte», und schaut dann den Zukünftigen im Traum.

Auch in sonstigen Angelegenheiten eröffnet einem der heilige Andreas die Zukunft. In Bern, wenn abends um acht die Glocken läuten, stellt man Wasser zum Gefrieren und deutet danach die entstandenen Eisfiguren, oder man klopft zur genannten Zeit den Schafen und schliesst aus dem antwortenden Blöken auf das zu erwartende Alter. Oder aber man zieht rücklings aus einer Scheiterbeige ein Stück Holz; ist es gerade, bedeutet dies Glück, ist es krumm, Unglück. Oder man wirft rücklings den rechten Schuh über die linke Schulter die Haustreppe hinunter; landet er mit der Spitze gegen die Treppe, so bleibt die Werfende noch einmal ein Jahr ledig, landet er mit der Spitze nach aussen, so wird sie bald unter die Haube kommen.

Die Redaktion des Idiotikons nimmt die gemachten Erfahrungen gerne entgegen. Vielleicht dürfen wir den vor rund hundertdreissig Jahren verfassten Wortartikel Andrēs ja einmal nachführen!

(26. November 2014, CL)

 

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