Soldatensprache im Ersten Weltkrieg

1914, vor hundert Jahren, brach der Erste Weltkrieg aus, und die Schweizer Männer wurden zur Grenzbesetzung aufgeboten. Schon ein Jahr später veröffentlichte Hanns Bächtold im «Archiv für Volkskunde» Einsendungen schweizerischer Wehrmänner, in denen es unter anderem um die Soldatensprache ging. 1922 erschien ein ganzes Wörterbüchlein aus seiner Feder: «Die schweizerische Soldatensprache 1914–1918», leider weitgehend ohne die gefügten Wendungen, die noch in der älteren Publikation so zahlreich enthalten waren. Es handelt sich dabei um eines der ersten Slang-Wörterbücher der Schweiz.

Scherzhafte Bildungen sind etwa:
Affeglas „Spiegel“; Eidächsli „Radfahrer (wegen seines Gesichtsausdrucks nach langer Fahrt)“; Eiterbueb, Fleischmechaniker, Fuessmechaniker, Jensytsagänt, Jod(l)er, Chrankemörder, Pflästerlibueb „Sanitätssoldat“; Ganggeluribrüje „Kakao“; Gränzwächtersirup, Helvetiaträne „Schnaps“; Heilsarmeegülle, Heilsarmeewasser „Tee“; Hidranteschlüch, Italiänerschlüch, Zemäntröhre „Maccaroni“; Kasernegalopp, Parterrepfnüsel „Durchfall“; Mariahilf „Soldtag“; Ranzebarometer „Uniformgürtel“; Schlyfsteiwasser (und viele weitere Begriffe, die hier aus Gründen der Political Correctness nicht genannt werden) „Kaffee“; Seelejubel „Sturmangriff“; Seelespängler, Seeletürgg „Feldprediger“; Soldategugelhupf „Brot“; e Stimm ha wie-n-e Abortschüssle „eine tiefe Stimme haben“; s Bleischlegli übercho „erschossen werden“; eim e Bleisprützig mache „jemanden erschiessen“; d Eier schlyfe, s Chäsperlis mache „exerzieren“; es isch e Chue i der Luft „etwas Unangenehmes ist im Anzug“; es git en (grosse, chlyne) Näbel „ein (höherer, niedrigerer) Offizier naht“; e Schatte im Ranze ha „Hunger haben“; s Grundwasser chunt mer „ich muss pissen“; de Sold isch eso mager, das men en uf éim Arschbagge versufe cha, „sehr klein“.

Oft spöttisch sind die Bezeichnungen der Militärgrade (manche sind noch heute bekannt):
U(n)gfreute, Schmalspurkorpis „Gefreiter“; Korpis, Chalb für all, Chalb überall, Hundedressör „Korporal“; Furie, Fuetertier, Kompanimueter „Fourier“; Chraftmeister, Schwachmeister, Repetiermüli, s föift Rad am Wage „Wachtmeister“; Fäldräuel, Fäldwybli, Fäldwilli, Kompaniwauwau „Feldweibel“; Kastriermeister, Konservehäuptling „Quartiermeister“; Lefti, Lüfzger, Schmalspurmajor, Liftboy „Leutnant“; Oberlefti, Oberlüfzger, Oberländer, de Zweispurig „Oberleutnant“; Häuptli(n)g, der Alt, (Kompani-)Vatter, Kompanitiger, Presidänt, Schmalspuroberst „Hauptmann“; Herr Meier, der Alt, Bataillonstiger „Major“; de Noh-Oberst, Zweitoberst, Regimäntstiger „Oberstleutnant“; der Elter, der ganz Alt, Goldfasan „Oberst“; Bahnhofvorstand „Divisionär“. Dem Stab eines höheren Kommandos sagte man s Rösslispil, de gross Lärme.

Rätselhaft tönen Wörter wie:
Gori, Lobi, Loli, Res, Sabia oder Spöiz „Geld“; hugo sy oder lori sy „einem nicht gefallen“.

Nicht alle von Bächtolds gesammelten Wörter sind spezifisch soldatensprachlich, und etliche gehören auch noch dem heutigen Slang an. Dass er sie in sein Wörterbüchlein aufgenommen hat, dürfte aber zeigen, wie wenig gewöhnlich sie damals waren, beispielsweise:
vome tolle Aff bisse sy „nicht recht beim Verstand sein“; Arbeiterforälle „Wurst“; Fackel „Schriftstück, schriftlicher Befehl“; Kaff „Ortschaft“; penne, pfuse „schlafen“; Pouletfridhof „dicker Bauch“ (heute: Güggelifridhof); Schale „Kleidung“; schluche „drillen“; seckle „rennen“; spachtle „essen“.

(19. August 2014, CL)

 

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