Wilhelm Tell – woher kommt dieser Name?

Angesichts des sich nähernden Bundesfeiertags widmen wir uns – Wilhelm Tell. Nicht der Sage als solcher, sondern dem Namen. Als unser Nationalheld zum ersten Mal in einer Schweizer Quelle erwähnt wurde, dem Weissen Buch von Sarnen (um 1470), hiess er Tall, bei seiner zweiten Erwähnung im Tellenlied (1477) dann Tell. Ein solcher Name war einst gar nicht so ungewöhnlich, wie heutige Ortsnamen bezeugen; so gibt es etwa in Obwalden ein Delligen, in Nidwalden ein Dallenwil, in Zürich sowohl ein Dällikon als auch ein Thalwil und im Jura ein Delsberg – alles Hinweise, dass sich dort vor langer Zeit ein Tall oder ein Tell mit seiner Sippe niedergelassen hatte. Nur – haben sie sprachlich überhaupt etwas mit unserem Nationalhelden zu tun? Der Name Tall oder Tell ist nämlich nicht einfach zu deuten.

Der erste Erklärungsversuch liegt recht nahe: Grundlage könnte das germanische Wort *dalla- sein, das zwar fast überall schon sehr früh ausgestorben ist, aber noch in der altenglischen Dichtersprache in der Bedeutung „stolz, vertrauend auf etwas“ gebraucht wurde. Diese würde nun bestens zum stolzen Tell passen, der dem Gesslerhut den Gruss verweigerte, und einen Personennamen Tallo, Tello gab es im Althochdeutschen auch tatsächlich. Allein: Sobald ein Wort als Gattungswort, das heisst Nicht-Name, ausstirbt, kann auch die Bedeutung des Namens nicht mehr verstanden werden. Unsere Mittelhochdeutsch sprechenden Vorfahren wären also gar nicht mehr imstande gewesen, den Namen Tall oder Tell mit „stolz“ zu verbinden. Es ist deshalb wahrscheinlicher, bei den althochdeutsch bezeugten Personennamen, die auch den genannten Ortsnamen zugrunde liegen, Kurzformen eines freilich auch nicht näher bekannten zweigliedrigen germanischen Rufnamens zu sehen.

Eine andere Deutungsmöglichkeit ist das pure Gegenteil und schliesst an das Verb talen, dälen an, das „einfältig reden“ bedeutete und im Schweizerdeutschen noch bis ins 19. Jahrhundert belegt werden kann; auch ein Wort Däll mit der Bedeutung „Einfältiger, Tor“ war in Basel noch bis ins 19. Jahrhundert bekannt. Schelten Sie den Schreiber dieser Wortgeschichte nun nicht einen Landesverräter – es scheint nämlich genau diese Bedeutung zu sein, an welche der Verfasser des Weissen Buches von Sarnen denkt, wenn er um 1470 Wilhelm Tell auf die Frage, warum er den Hut nicht gegrüsst habe, antworten lässt: „Es ist geschen an geverd, denn ich han nit gewüsset, das es uwer gnad so hoch besachen solti, denn wëre ich witzig, und ich hiessi anders und nit der Tall“, in heutigem Deutsch: „Es ist ohne Hintergedanken geschehen, denn ich habe nicht gewusst, dass es Euer Gnaden so sehr beachten würden, denn wäre ich verständig (klug), hiesse ich anders und nicht der Tall“.

Wir werden nie erfahren, warum die spätmittelalterlichen Schweizer Chronisten dem Helden den Namen Tall oder Tell gaben. In den ausserschweizerischen Varianten der Apfelschuss-Sage heisst der Schütze jedenfalls anders: Die Skandinavier nannten ihn im 13. Jahrhundert einmal Egill und einmal Toko (latinisiert für Toki) und die Deutschen im späten 15. Jahrhundert Punker von Rohrbach. Wichtiger als der Name des Helden war ganz offensichtlich das Motiv – und das hat’s ja tatsächlich in sich!

(9. Juli 2014, CL)

 

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