Ittemeinglische – Mattenenglisch

Nach unserer Wortgeschichte über das Mattenberndeutsche, den Soziolekt der einstigen Bewohner des Berner Matte-Quartiers, gehen wir heute auf deren Geheimsprache, das Mattenenglische, ein. Die anerkannteste Version, die I-E-Sprache, ist diejenige, welche erstens die Silben der einzelnen mattenberndeutschen Wörter austauscht, zweitens das so entstandene Wort mit einem I einleitet und es drittens mit einem E abschliesst. Damit lautet der Satz Der Fridu geit i d’ Schtibere «Der Fritz geht in die Stadt» in der I-E-Sprache Irde Idufre itge i d’ Ibereschte. Wer schafft es, das folgende Gespräch zwischen zwei Fischern zu übersetzen? A.: Irme irdewe immere Icherpe ise im-me Ischfe-ischteche iggetgme. B.: Iischwe iswe, Iggule, ichsme iwe ie, ie isele idere Ire-e, isbe ie ise ichebre. (Anmerkung: Picher ist mattenberndeutsch für Fisch; Lüggu ist Louis, Ludwig). Ein anderer, einfacherer Typus ist die adi-Sprache. Hier wird in jeder betonten Silbe anstatt des Vokals das zweisilbige -adi- eingeschoben. Der mattenberndeutsche Satz Fridu, gi-mer e Ligu Lehm! «Fritz, gib mir ein Stück Brot» heisst in der adi-Sprache folglich Fradidu, gadi-mer e Ladigu Ladim!

Geheimsprachen, die mittels des Austausches oder Einfügens von Silben und des Einfügens und/oder Anhängens zusätzlicher Vokale funktionieren, werden erstmals von Leonhard Thurneysser erwähnt, einem in Basel geborenen, aber hauptsächlich in Deutschland tätigen Goldschmied und Apothekenarzt. 1583 überlieferte er den Satz Iltuwen itmen irmen engen Assburgstren iechenzen? für «Wiltu mit mir gen Strassburg ziechen?» Der Nürnberger Sprachwissenschafter und Mathematiker Daniel Schwenter notierte 1620 den Satz Anwe ude irme ein Alerte ibstge, ose ilwe ich itme irde iehenze, owe inhe ude iltwe, und oltestse ude eydre oder ierve eilme eysenre für «Wann du mir ein Taler gibst, so wil ich mit dir ziehen, wo hin du wilt, und soltest du drey oder vier Meil reysen». Und der Niedersachse Justus Georg Schottelius führte in seiner berühmten deutschen Grammatik von 1663 den Satz an: Iese iedschmenwe [richtig: iedenschme?] einwe unweugkle iweerde ichde, was «Sie schmieden ein Unglück wider dich» bedeutet. Auch für den Typus der adi-Sprache gibt es historische Parallelen. Thurneysser zitierte 1583 die b-Sprache, in welcher der Vokal um ein ‑b- erweitert und verdoppelt wird: Weber glabaubt ubund gebetabaufebet wibird, deber wibird sebelebig weberdeben («Wer glaubt und getauft wird, der wird selig werden»).

Wann die Mätteler diese Geheimsprachen kennengelernt haben, ist unbekannt; sie dürfte aber auch an der Aare schon vor langer Zeit heimisch geworden sein. «Englisch» meint hier übrigens einfach «unverständliche Sprache», wie «welsch» in «Kauderwelsch». Otto von Greyerz’ Theorie, der Begriff «Mattenenglisch» gehe auf die um 1400 erwähnte «Engi», die Strassenenge nahe der Untertorbrücke, zurück, ist ganz unwahrscheinlich.

(Nach Otto von Greyerz: Das Berner Mattenenglisch und sein Ausläufer, die Berner Bubensprache, in: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 29 [1929]; Matteänglisch-Club Bärn: Matteänglisch. Geschichte der Matte. Dialekt und Geheimsprache, Bern 1969; Gottfried Stettler: Was isch Matteänglisch?, in: Der Bund, Nr. 196 vom 23. August 1974.)

(26. März 2014, CL)

 

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