Gieu, iu, Schwoscht und Konsorten: das Mattenberndeutsche

Gieu, iu, Chemp, Schlööf und schlööfe, Schwees oder Schwoscht, Modi, Blofer oder Blofi – Berndeutsch zeichnet sich nicht nur durch eine bemerkenswerte sprachliche Beharrungskraft, sondern auch durch eigentümliche Neuerungen aus. Viele dieser Innovationen gehen teils direkt, teils via Nachahmung auch indirekt vom einstigen Mattenberndeutsch* aus. Mattenberndeutsch war die Umgangssprache der stadtbernischen Unterschicht, die zu Füssen der Berner Altstadt direkt an der Aare im Mattequartier wohnte. Wie andere Sondersprachen ging es spielerisch mit Wörtern um und kannte zahlreiche Begriffe aus dem Rotwelschen (Rotwelsch ist die Bezeichnung der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Geheimsprache gesellschaftlicher Randgruppen und krimineller Subkulturen). Zwei Sätze auf Mattenberndeutsch mögen zur Illustration dienen: Na der Tschaagge gö mir a d’ Iru hingere ga pichere ,Nach der Schule gehen wir hinten in der Aare fischen‘. I wott i d’ Schtibere nupfe ga schyfere für Schinagu ,Ich will in die Stadt eilen und mich nach Arbeit umsehen.‘ Als lebendige Umgangssprache ist Mattenberndeutsch heute verschwunden, doch haben es einige seiner Wörter geschafft, Teil der Berner Alltagssprache zu werden, und seine Lautspielereien wirken bis heute in der bernischen Umgangssprache nach.

Eines der erfolgreichsten mattenberndeutschen Wörter ist Gieu ,Knabe, Bub‘. Im Rotwelschen bedeutete Giel ,Mund‘ und setzt damit mittelhochdeutsch giel ,Maul, Rachen, Schlund‘ fort, das seinerseits von französisch gueule ,Maul‘ stammt. Wie es von der Bedeutung ,Mund‘ zur Bedeutung ,Bub‘ gekommen ist, ist allerdings völlig unklar – nur spekulativ ist die Idee, dass manche Burschen gerne ein loses Mundwerk haben... Iu ,ja‘ – das ‑u ist wie bei Gieu aus ‑el entstanden – findet im gleichbedeutenden jenischen jell sein Pendant (Jenisch ist die Sondersprache der Schweizer Fahrenden) und dürfte eine Erweiterung von ja darstellen. Ursprünglich mattenberndeutsch wird auch Chemp ,Stein‘ sein, doch tappen wir bezüglich Herleitung des Wortes im Dunkeln. Die Mätteler und ihre Nachahmer waren und sind auch besonders kreativ im Umformen bestehender Wörter. Schlööf ,Eisbahn‘ beziehungsweise schlööfe ,Schlittschuh laufen‘ zeigt Vokalwechsel von ii zu öö, man vergleiche schweizerdeutsch Schlyfschue ,Schlittschuh‘. In Schwees oder Schwoscht ,Schwester‘ treten spielerische Änderungen im Vokalismus und teilweise Konsonantismus sowie Reduktion auf die Stammsilbe des Wortes auf. Modi ,Mädchen‘ weist Vokalwechsel von ei zu o sowie Austausch des Suffixes -tschi durch -i auf. Und bei Blofer oder Blofi ,Bleistift‘ bleibt lediglich die anlautende Konsonantengruppe unverändert. Der Kreativität sind somit kaum Grenzen gesetzt...

* Entsprechend der Terminologie des Matteänglisch-Club Bärn unterscheiden wir hier zwischen «Mattenberndeutsch» (dem Soziolekt der Matte) und «Mattenenglisch» (der Geheimsprache der Mätteler). Letzterem werden wir unsere nächste Wortgeschichte widmen. Zur Sprache der Mätteler gibt es zwei gut verständliche Publikationen – Otto von Greyerz: E Ligu Lehm, Bern 1967/1999 (Erstveröffentlichung im Schweizerischen Archiv für Volkskunde 29 [1929]), sowie Matteänglisch-Club Bärn: Matteänglisch. Geschichte der Matte. Dialekt und Geheimsprache, Bern 1969/2001.

(19. März 2014, CL)

 

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