Karl der Grosse & Karl der Kühne

Am 28. Januar vor 1200 Jahren starb Karl der Grosse. Vom sagenhaften Gründer des Zürcher Grossmünsters und einstigen Stadtpatron Zürichs könnte man meinen, dass er sich auch sprachlich in Form von Wendungen und Redensarten im Zürichdeutschen verewigt habe. Das ist jedoch gar nicht der Fall; die Erinnerung an ihn beschränkt sich auf Sagen, die Karl als frommen und gerechten Herrscher zeigen, und auf die in Stein gemeisselte Figur hoch oben auf dem Karlsturm seines Münsters, von wo der Herrscher nun schon seit Jahrhunderten majestätisch, aber stumm auf die Stadt hinunterschaut.

Weiter westlich, im Bernischen und Solothurnischen, gibt es hingegen die Wendung s Karlis Hoof haa bzw. Karlishoof haa oder s Karlis Hoof trybe bzw. Karlishoof trybe oder einfach s Karlis haa, was „grosse Festlichkeiten, geräuschvolles Vergnügen, schäkernde Unterhaltung“ bedeutet. Es ist offensichtlich, dass diese Redensart sich nicht auf den frommen Karl des Frühmittelalters (also den Grossen), sondern auf den prunkenden Karl des Spätmittelalters, genannt der Kühne, bezieht. Der Wasserämter Jakob Hofstätter schrieb, die Erben hei nes splendids Grebtmohl ag'stellt und derby gsunge, g'juzget, tanzet und Karlishoof tribe as wie am fürnehmste Buurehochzyt, und Jeremias Gotthelf stellte fest, dass es sich an einer Gräbt … nicht schickt, Carlishof zu haben und Gugelfug untereinander.

Den stärksten sprachlichen Einfluss hatte Karl der Grosse interessanterweise auf die Slawen, über die er gar nie herrschte: Die slawischen Wörter für „König“ – tschechisch král, serbokroatisch kralj, bulgarisch kral, polnisch król, russisch korol’ sowie vom Slawischen aus auch ungarisch király und rumänisch crai – gehen nämlich alle auf „Karl“ zurück, und zwar sicher auf den Grossen, nicht den Kühnen. Umgekehrt: Was ist eigentlich die Grundbedeutung von „Karl“? Sie ist ganz unspektakulär: Germanisch *karlaz bedeutete schlicht und einfach „(älterer) Mann“ – eng verwandt mit dem noch heute gängigen Gattungswort „Kerl“.

(28. Januar 2014, CL)

 

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