Reformierte und katholische Marienkäfer

Wer hätte gedacht, dass auch Tiere reformiert, katholisch, natur- und areligiös sein können?

Die Rede ist vom Marienkäfer oder Siebenpunkt. Da die Marienverehrung ganz der katholischen Konfession zugehört, wird das Wort Maria oder Muttergottes von den Reformierten gemieden. Stattdessen wird im Bestimmungswort, also im ersten Teil des Wortes, der Bezug auf Gott, Jesus, den Herrn und den Himmel genommen: Liebgott- ist im Südwestaargau und in Graubünden, Jesus- in Basel, Heere- vereinzelt im Bezirk Brugg und in Appenzell-Ausserrhoden und Himel(s)- im Bernbiet, im Bucheggberg, im oberen Baselbiet, im Thurgau und im Werdenbergischen heimisch. Herrgott- hingegen ist ökumenisch und kommt in der westlichen wie in der östlichen Deutschschweiz sowohl in reformierten als auch in katholischen Landschaften vor.

Im grössten Teil der katholischen Deutschschweiz wird das Tier jedoch mit der Muttergottes in Verbindung gebracht, weshalb es im unteren Baselbiet, im Fricktal, in Solothurn, in der ganzen Innerschweiz, in katholisch Thurgau, verbreitet im St. Gallischen, in Appenzell-Innerrhoden und teilweise im Wallis Muetergottes- heisst. Das Bestimmungswort Frau hingegen, das ja eigentlich ebenfalls auf Maria Bezug nimmt, kann dank seiner Mehrdeutigkeit auch von Reformierten akzeptiert werden, weshalb Fraue- verbreitet quasi ökumenisch in der Nordostschweiz vorkommt.

Und dann gibt es noch die naturreligiösen Marienkäfer. Auf die Fruchtbarkeit, die Jahreszeit oder das Wetter verweisen das zürcherische Anke-, das thurgauische Meie-, das Weisstanner Juni- und das im unteren Reusstal heimische Katriine- (der heiligen Katharina wird Einfluss auf die Witterung zugeschrieben). Konfessionslos schliesslich scheinen das im schaffhausisch-thurgauisch-zürcherischen Grenzraum beheimatete Brunne-, das Bündner Glücks-, das Walliser und Obertoggenburger Gold- sowie das im st.gallisch-bündnerischen Grenzgebiet vorkommende Schuemächerli zu sein.

Last but not least: Im Grundwort, also im zweiten Teil des Wortes, steckt nicht immer ein Wort für Käfer (-chäferli, -güegeli) oder aber neutral für das Tier (-tierli). Es kann auch eine Kuh (-chüeli, -loobeli), ein Kalb (-chälbli), ein Schaf (-schääf[l]i), eine Ziege (-geiss[el]i), ein Pferd (-rossji), ein Vogel (-vögeli), ein Schuh (-schüeli) oder ein Mensch (-triin[e]li) sein. Und das verschlägt dem Schreibenden nun wirklich die Sprache!

(9. Oktober 2013, CL)

 

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