Altweibersommer

Die herrlichen Herbsttage, die wir zur Zeit geniessen dürfen, sind schriftsprachlich als Altweibersommer bzw. verbreitet dialektal als Altwybersummer (-sommer) bekannt. Andere schweizerdeutsche Begriffe sind oder waren das Maartissümmerli (Appenzell, Bern, Schaffhausen, Uri, Wallis), das Witwesümmerli (Graubünden) und der Noosummer bzw. -sommer (Aargau, Appenzell, Basel, St. Gallen, Schaffhausen, Thurgau, Zürich). Die letztgenannte Bezeichnung, der Nachsommer, ist eigentlich die „vernünftigste“. Der Martinssommer ist vom Namen her etwas gar sehr auf den Spätherbst fixiert, fällt doch der Martinstag erst auf den 11. November. Der Witwensommer ist vielleicht ein hübsches Bild für den schon „alten“, „schwach“ und „zahnlos“ gewordenen Sommer (die Bayern und Österreicher kennen den Ähnelsummer, also den Grossvatersommer)̣ – oder aber steckt hier der „zweite Frühling“ alter Leute dahinter? So nämlich deutet Elmar Seebold (Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache) den Altweibersommer, in welchem Wort er das Motiv der „zweiten Jugend der Frauen“ sieht, die als „unzeitig“ und nur „kurze Zeit dauernd“ aufgefasst werde. Wolfgang Pfeifer (Etymologisches Wörterbuch des Deutschen) zweifelt an dieser Interpretation und zieht die traditionelle Deutung von „fliegenden Gespinstfäden“ vor, die mit den „Haaren alter Frauen“ verglichen werden. Die Neubearbeitung des Deutschen Wörterbuchs von Jacob und Wilhelm Grimm schliesslich verfährt ganz pragmatisch: „der etymologische Hintergrund ist unklar.“ So darf also selbst mit dem Segen der Sprachwissenschaft jeder und jede in den Altweibersommer hineininterpretieren, was er und sie will!

(25. September 2013, CL)

 

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