Sex wie ein Florentiner oder wie ein Winterthurer haben

Diese Woche findet in Zürich das Zurich Pride Festival statt – ihr sei diese Wortgeschichte gewidmet!

Eines der wenigen Wörter im Idiotikon, die Homosexualität zum Thema haben, ist „florenzen“. Es war im 16. Jahrhundert mit der Bedeutung „gleichgeschlechtlich verkehren“ geläufig und bedeutet wörtlich „Sex wie in Florenz haben“. Florenz war das Zentrum der Renaissance und galt damals offenbar zugleich als Zentrum schwulen Verhaltens. Der Wortartikel wurde allerdings schon um 1883 verfasst, und entsprechend museumsreif ist die sprachgeschichtliche Anmerkung „Diese schreckliche Unsitte scheint also von Florenz ausgegangen, wo sie wohl mit der Wiedererweckung des griechischen Altertums eingezogen war (oder sich beschönigt hatte).“ Nun – Nachschlagewerke sind halt immer auch Kinder ihrer Zeit…

Ein anderes Wort für „gleichgeschlechtlich verkehren“ war „winterthurere“, das um 1910 herum gebraucht wurde. Die Gründe für diese Wortbildung kennen wir nicht mehr, aber interessant ist die Definition, die der damalige Chefredaktor Albert Bachmann verfasst hatte, nämlich „das Laster des Grafen von Eulenburg treiben“. Philipp von Eulenburg war ein Freund und Berater Kaiser Wilhelms II. und wurde in den Jahren zuvor nach drei aufsehenerregenden Prozessen wegen Homosexualität verurteilt. Sozialgeschichtlich aufschlussreich ist sodann Bachmanns Beispielsatz für „Winterthurer“ in der Bedeutung „Schwuler“: „«Du cheibe Winterthurer» sagt man einem, der z. B. in eine Animierkneipe nicht mitkommen will“. Vor hundert Jahren gehörte es offenbar zu den alltäglicheren Dingen der Welt, solche Lokale aufzusuchen…

(7. Juni 2013, CL)  

 

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