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Ursprünglich als Begleitung zur Ausstellung Sapperlot! Mundarten der Schweiz in der Berner Nationalbibliothek konzipiert, wird nun jeden Mittwoch sowohl hier auf der Homepage als auch auf der Facebookseite des Idiotikons ein „Wort der Woche“ präsentiert.
Chilbi
Das Wort der Woche ist zu Ehren der in dieser Jahreszeit vielerorts stattfindenden Chilbenen die „Chilbi“, die schweizerische Bezeichnung für den Jahrmarkt und den Rummelplatz. „Chilbi“ geht zurück auf altalemannisch „kilchwîhi“, bedeutet also ursprünglich „Kirchweihe“. Die heutigen Chilbenen sind terminlich oft von den alten Kirchweihtagen losgelöst; dass aber etwa der Termin des Zürcher Knabenschiessens mit seiner grossen Chilbi auf das zweite Septemberwochenende fällt, ist eine Erinnerung an die alte „Züri-Chilbi“, die zur Feier der Zürcher Stadtpatrone Felix und Regula jeweils am 11. September stattfand. (Christoph Landolt, 5. September 2012)
tschegge
Das Wort der Woche ist „tschegge“, kapieren. Wie wir alle wissen, steckt das englische „to check“ dahinter. Allerdings: Das englische Verb kennt die Bedeutung „begreifen“ gar nicht, es bedeutet vielmehr „anhalten, hemmen, prüfen“. Seine Grundbedeutung ist jedoch der Ruf, der unserem deutschen „Schach!“ entspricht; "to check" meint also ursprünglich „Schach bieten“. Letztlich geht das Wort zurück auf persisch „shâh“, zu deutsch „König“. (Christoph Landolt, 29. August 2012, mit Dank an Christian Schmid: „Stuune“, Muri bei Bern 2011.)
löie (lüe, lüwe, liwwe)
Das heutige Wort der Woche ist „löie“,
„lü(w)e“ oder „liwwe“, wie die Berner, Entlebucher,
Freiburger und westlichen Deutschwalliser für „ausruhen“ sagen.
Für die Sprachwissenschafter ein schwieriges Wort! Zwar finden wir
es auch in Quellen des 15., 16. und 17. Jahrhunderts belegt, aber
weiter zurück ist es schwierig zu verfolgen. Falls es im Wallis seit
alters vorkommt, warum haben die um 1200 ausgewanderten Walser dann
statt „liwwe“ das althochdeutsche „resten“ (das heute im
Wallis nicht mehr existiert) mitgenommen, als sie ins Aostatal und
ins Piemont zogen? Und was hat der Hegauer Dichter Hugo von
Langenstein 1293 mit „geliuwen“ wirklich gemeint? Und mit welchen
andern Wörtern könnte es verwandt sein? Man hat bairisch „launen“
= ‚schläfrig sein‘,
niederländisch „lui“ = ‚faul‘
und isländisch „lyja“ = ‚ermüden‘
beiziehen wollen, aber stehen diese Vergleiche auf sicherem Boden?
Nur eines wissen wir sicher: Der unbekannte, im Idiotikon zitierte
Berner hat mit seinem „Votre Majesté
veut-elle lionner ici?“ nicht die richtigen Schlüsse gezogen... (Christoph Landolt, 22. August 2012)
Landjäger
Passend zur Wandersaison ist das Wort der Woche der „Landjäger“. Diese
geräucherte und luftgetrocknete Wurst ist kein zu Fleisch verarbeiteter
Polizist (früher „Landjäger“ genannt), sondern es liegt wahrscheinlich
eine Umdeutung aus „lang tige“ vor. Das
Dialektwort „tige“ (eigentlich identisch mit hochdeutsch „gediegen“)
bedeutet im Schweizerdeutschen „getrocknet, gedörrt, geräuchert“. Eine
andere, ebenfalls von „tige“ ausgehende Umdeutung zeigt sich bei der
durchaus tigerfleisch-freien, aber ebenfalls geräucherten „Tigerwurst“. (Christoph Landolt, 15. August 2012)
Tschoope (Schoope)
Das Wort der Woche ist der „Tschoope“
oder „Schoope“, wie man, vom Bernbiet und der Nordwestschweiz
abgesehen, dem Veston (Sakko, Herrenjackett) sagt. Das Idiotikon kann
den „schopen“ schon für das Jahr 1330 aus einer Schaffhauser
Quelle belegen. Es handelt sich dabei um eine sehr frühe Entlehnung
von italienisch „giubba“. Das Italienische hat das Wort
seinerseits aus dem Arabischen übernommen, wo die „ğubba“
ein langes Obergewand ist. Übrigens geht auch der „Jupe“, ein
Kleidungsstück für Frauen und Mädchen, auf dieses arabische Wort
zurück, hat aber seine Wanderung über das Französische gemacht und
ist erst im 19. Jahrhundert ins Schweizerdeutsche gelangt. (Christoph Landolt, 8. August 2012)
Cervelat
Das Wort zum 1. August ist der oder die
Cervelat, die Schweizer Nationalwurst, hierzulande (anders als in
Frankreich!) eine Brühwurst aus Rindfleisch, Schwarten und Speck.
Das Wort geht via das Französische und Italienische auf lateinisch
„cerebellum“ 'Gehirn, Hirn' zurück, womit auch schon gesagt ist,
was die Wurst ursprünglich enthielt. Die frühere Schweizer
Nationalhymne „Heil dir, Helvetia“ (die mit der Melodie von „God
save the Queen“ gesungen wurde) parodierte man übrigens wie folgt:
„Heil dir, Helvetia, Brodwurscht und Serwela cha me bim Metzger ha,
und die sind guet.“ (Christoph Landolt, 31. Juli 2012)
Chlüppli, Chlüpperli, Chlupperli
Wort der Woche ist das zürcherische und ostschweizerische „Chlüppli,
Chlupperli, Chlüpperli“, die Wäscheklammer. Es handelt sich dabei um
eine Verkleinerungsform von „Chluppe“, zangenartiges, festklemmendes
Gerät. Letztlich gehört unser Wort zu mundartlich „chlüübe“, kneifen,
das seinerseits auf althochdeutsch „kliuban“, spalten, zurückgeht – die
„Urchluppen“ und „Urchlüppli“ waren schlicht ein gespaltenes Stück Holz. (Christoph Landolt, 25. Juli 2012)
Maleschlössli (Maler-, Malet-, Malze-, Mare-, Marfel-, Made-, Maneschlössli)
Das Wort der Woche bzw. zur Bade- und Reisesaison ist das „Male-,
Maler-, Malet-, Malze-, Mare-, Marfel-, Made- oder Maneschlössli“ – das
Vorhängeschloss, womit man ein Garderobekästchen oder einen Koffer
sichert. Wie schon die Vielfalt der
Varianten (hier werden nur die wichtigsten aufgelistet) zeigt, ist das
erste Glied des Wortes seit langem undurchsichtig geworden. Zugrunde
liegt mittelhochdeutsch „malche“, was 'Reisesack, Reisetasche'
bedeutete. Französisch „malle“ 'Reisekoffer, Kofferraum' stammt übrigens
ebenfalls von diesem deutschen Wort. (Christoph Landolt, 18. Juli 2012)
Bänne, Benne
Das Wort der Woche ist die „Bänne“ oder „Benne“, die das ein- oder
zweirädrige Transportgerät bezeichnet, oft auch nur den offenen Kasten
auf einem solchen Karren – und heute auch scherzhaft ein altes Auto
meint. Es handelt sich dabei um eines
der wenigen ursprünglich keltischen Wörter, die es geschafft haben, in
den Nachfolgesprachen und -dialekten bis in unsere Gegenwart zu
überdauern, und ist eine Erinnerung an die hohe Professionalität der
Kelten im Wagenbau. (Christoph Landolt, 11. Juli 2012)
Bünzli
Das Wort der Woche ist der „Bünzli“.
Ursprünglich ein Familienname, der auf mittelhochdeutsch „bin[e]z“
(= Binse, grasartige Sumpfpflanze) zurückgeht, hat das Wort im 20.
Jahrhundert die Bedeutung „Spiessbürger“ bekommen. Ausgangspunkt
hierfür dürfte die ordentliche und sparsame Züs Bünzli aus
Gottfried Kellers Novelle „Die drei gerechten Kammacher“ (1856)
sein. Die populäre Bühnenfigur Heiri Bünzli aus Fredy Scheims
Dialektposse „Käsefabrikant Heiri Bünzli“ und aus seinen Filmen
„Bünzli's
Grossstadt-Erlebnisse“ (1930) und „Ohä lätz! De Bünzli wird
energisch!“ (1935) haben zweifellos das Ihrige dazu beigetragen,
die heutige Bedeutung Spiessbürger im allgemeinen Sprachgebrauch zu
verankern. (Christoph Landolt, 4. Juli 2012)
Lins, wi cha de Fisel tschaane!
Das „Wort der Woche“ präsentiert zur Abwechslung einmal etwas aus der Sprache der Schweizer Fahrenden: „Lins, wi cha de Fisel tschaane!“ bedeutet „schau, wie kann der Bub rennen!“ „Linse“ ist sprachgeschichtlich unsicher, vgl. allenfalls bairisch „linsen“ = lauschen, horchen. „Fisel“ kommt von mittelhochdeutsch „visel“ = Penis. Und „tschaane“ geht auf romani „dschal“ = er/sie/es geht, reist zurück. (Quelle: Hans-Jörg Roth: Jenisches Wörterbuch, Frauenfeld 2001.) (Christoph Landolt, 27. Juni 2012)
Pfifolter
Wort der Woche: Was im Mittelland der „Summervogel“ ist, heisst im alpinen Raum „Pfifolter“ und ähnlich: der Schmetterling. In diesem Wort, das in der Lautung „fifaltar(a)“ schon althochdeutsch vorkommt, steckt ein redupliziertes (d.h. eine verdoppelte Stammsilbe aufweisendes) "Falter". Urnerisch „Fliggholter“, schwyzerisch „Zwifalter“ und sarganserländerisch „Pipolter“ sind weitere Umformungen dieses nicht mehr durchsichtigen Wortes. Ob der Falter übrigens etwas mit „flattern“ zu tun hat, ist umstritten. (Christoph Landolt, 20. Juni 2012)
tschuute (tschutte, schuute, schutte)
Das Wort der Woche ist – wie könnte es anders sein! – „tschuute“ (oder
„tschutte“, „schuute“, „schutte“), Fussball spielen. Es kommt von englisch „to shoot“ =
„schiessen; den Ball kicken“, und erinnert daran, dass der Fussballsport
aus England in die Schweiz gekommen
ist. Auch die Namen einiger der ältesten Fussballclubs sind englisch, man denke etwa an den „Grasshopper Club Zürich“ (gegründet 1886), die „Old
Boys Basel“ (1894) oder die Berner „Young Boys“ (1898). (Christoph Landolt, 13. Juni 2012)
(v)ergalschtere, (v)ergelschtere
Das Wort der Woche: „(v)ergalschtere“ oder „(v)ergelschtere“ kommt in
vielen Bedeutungsnuancen vor, zum Beispiel bedeutet „sich ergelschtere“
sich ereifern, sich aufregen, oder „vergelschteret“ meint verblüfft,
fassungslos, verwirrt. Die älteste
Bedeutung aber ist „verzaubern, verhexen“. Im mittelalterlichen Deutsch
gab es ein Wort „galster“, das „(Zauber-)Gesang“ bedeutete und zu einem
Verb „galan“ mit der Bedeutung „singen“ (besonders „Zauberformeln
singen“) gehörte. „Nachtigall“ heisst übrigens wörtlich „Nachtsängerin“. (Christoph Landolt, 6. Juni 2012)
gheie/ghyye
Das Wort der Woche: „gheie/ghyye“ hat eine der verrücktesten
Bedeutungsentwicklungen hinter sich. Althochdeutsch („hiwen“) bedeutete
es „heiraten“. Hieraus hat sich die Bedeutung „begatten“ ergeben, die in
der älteren Sprache gut belegt ist.
„Begatten“ kann leicht zum Schimpfwort werden – so wurden die alten
Schweizer „Küe-Gehyer“, also „Kuh-Beischläfer“, gescholten –, und
hieraus entwickelte sich die allgemeinere, heute aber veraltete
Bedeutung „plagen, quälen, misshandeln“. Wer jemanden misshandelt, kann
ihn zu Boden werfen, womit es zur heutigen Bedeutung „werfen“ kommt. Was aber
geworfen wird, wird losgelassen, und damit wären wir zur zweiten
heutigen Bedeutung, nämlich „fallen“, gelangt. (Christoph Landolt, 30. Mai 2012)
Gänterli
Das Wort der Woche ist das „Gänterli“. Dieses vornehmlich
innerschweizerische Wort für Küchenschrank ist eigentlich die
Verkleinerungsform von „Gänter“, was Gitter bedeutet. Das „Gänterli“ war
also ursprünglich ein mit Gitterwerk versehener Kasten. „Gänter“
seinerseits geht zurück auf lateinisch „cantherius“, ein Wort für
Dachsparren oder Sparren als Fassunterlage. (Christoph Landolt, 23. Mai 2012)
Ammedyysli
Das Wort der Woche ist das „Ammedyysli“, baseldeutsch für Pulswärmer. Es
kommt von französisch „amadis“, wo es den engen Hemd- oder Halbärmel
bezeichnet. Laut Christian Schmids Buch „Botz heitere Faane“ (Muri b/B.
2007) wurden solche Ärmel im Gefolge der
1684 uraufgeführten Oper „Amadis“ populär, in welcher die Hauptfigur
dieses Kleidungsstück trug. Thema der Oper waren die Heldentaten und
Tugenden des Ritters Amadis von Gallien, einer in der Renaissance
beliebten Romanfigur. (Christoph Landolt, 16. Mai 2012)
Marienkäfer
Das Wort der Woche: Für einmal keine Worterklärung, sondern eine Liste
aller (?) Dialektausdrücke, die das Schweizerdeutsche für den
Marienkäfer kennt: Himelgüegeli, Himels-Tierli, Jesus-Tierli,
Herrgotts-Chäferli, Herrgotts-Tierli, Herrgottsgüegeli,
Lieberherrgotts-Chäferli, Lieberherrgotts-Tierli, Liebgottchäferli,
Liebgotttierli, Liebgottchüeli, Heereloobeli, Muetergottes-Chäferli,
Muetergottesgüegeli, Mueterchäferli, Frauechäferli, Frauetierli,
Mariechäferli, Katriin(e)li, Katriinechäferli, Katriinetierli,
Katriinegüegeli, Chäfertriinli, Anketriin(e)li, Anketierli,
Ankechäferli, Brunnechüeli, Meiechüeli, Goldgüegeli, Maartigoldgüegeli.
Fehlt etwas? (Christoph Landolt, 9. Mai 2012)
Buttitschifra
Das Wort der Woche: Dem Büstenhalter sagen die Walliser im Scherz
„Buttitschifra“. „Butti“ ist ein ursprünglich ammensprachlicher Begriff
für die weibliche Brust. „Tschifra“ ist ein Lehnwort aus dem
Lombardischen und bezeichnet den traditionellen, aus Weidenruten
geflochtenen Korb, der an zwei Bändern auf dem Rücken getragen wird. (Christoph Landolt, 2. Mai 2012)
Appenzeller Biber
Das Wort der Woche: Hat die Appenzeller
Lebkuchenspezialität namens „Biber“ etwas mit dem gleichnamigen Nagetier
zu tun? Nein. Der essbare „Biber“ ist aus „Biberzelten“ oder
„Biberfladen“ gekürzt und hiess im Spätmittelalter „Bimen(t)zelten“. Der
Wortbestandteil „Biment“ geht zurück auf lateinisch „pigmentum“, was
„Nelkenpfeffer“, also ein Gewürz, bedeutet. (Christoph Landolt, 25. April 2012)
welsch
Das Wort der Woche: „Welsch“ meint westschweizerisch, französisch (vgl.
„wallonisch“ in Belgien), älter auch italienisch, rätoromanisch.
Ursprünglich bedeutete das Wort „keltisch“ (vgl. englisch „Welsh“,
walisisch); es geht letztlich auf den gallischen Volksstamm der Volcae
zurück. Übrigens: „Walensee“ bedeutet „See bei den Welschen“, denn dort
lag früher die deutsch-rätoromanische Sprachgrenze. (Christoph Landolt, 18. April 2012)
(ume)plegere
Das Wort der Woche:
Sitzen oder liegen wir faul herum, dann tun wir „(ume)plegere“. Das
schöne Wort hat eine weniger schöne Herkunft: „Plegere“ geht auf „Blag“
zurück, ein altes Wort für Tierleiche, Aas, Kadaver. „Plegere“ meint
somit eigentlich „in Fäulnis übergehen“, „dahinsiechen“. (Christoph Landolt, 11. April 2012)
Uustag, Huustage & Langsi, Lanzig
Das Wort der Woche: „Uustag“ oder „Huustage“
sowie „Langsi“ oder „Lanzig“ sind schweizerdeutsche Wörter für Frühling.
Ersteres meint ursprünglich „Tag, an dem der Winter aus ist“ (die
Interpretation als „Haustage“ zeigt, dass das Wort nicht mehr verstanden
wurde). Letzteres ist eine Ableitung zu „lang“ und meint wörtlich
„Jahreszeit, in der die Tage länger werden“. (Christoph Landolt, 4. April 2012)
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