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Wortgeschichten

Das Idiotikon auf Facebook:
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Wortgeschichten

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Ursprünglich als Begleitung zur Ausstellung Sapperlot! Mundarten der Schweiz in der Berner Nationalbibliothek konzipiert, wird nun von Zeit zu Zeit sowohl hier auf der Homepage als auch auf facebook.com/Idiotikon und auf wortgeschichten.tumblr.com eine kleine Wortgeschichte präsentiert.

 

Deubelbeiss, Haudenschild und Schlaginhaufen: Familiennamen in der Form sogenannter Satznamen

Von Deubelbeiss über Haudenschild bis Schlaginhaufen: Es gibt nicht nur Familiennamen wie Roth und Müller, sondern auch solche, die ganze Sätzlein bilden. Diese sog. Satznamen bestehen aus einem Verbstamm (1. Person Singular? Befehlsform?) und in der Regel einem Substantiv im Akkusativ oder einem Adverb; dazwischen kann ein (oft verschliffener) bestimmter Artikel stehen.

Viele dieser Namen waren ursprünglich wohl spöttisch gemeint, etwa Hablützel (= hab wenig), Nievergelt (= bezahl nie) oder Kehrein (kehr ein, nämlich in ein Wirtshaus). Draufgänger dürften namengebend gewesen sein in Fällen wie Deubelbeiss (= beiss den Teufel), Kliebenschädel (= spalt den Schädel) und Schlaginhaufen oder Schlagenhauf (= schlag [in] den Haufen). Andere Satznamen mögen sich auf den Beruf des ersten Namenträgers beziehen: Hauenstein (= hau den Stein), Hebeisen (= heb das Eisen), Klopfenstein (= klopf den Stein), Schaltenbrand (= schür das Feuer), Spaltenstein (= spalt den Stein). Ob Haudenschild (= hau den Schild) in die Kategorie der Draufgänger oder Schmiede gehört, muss offen bleiben. Feigenwinter (= vernicht den Winter; zu mittelhochdeutsch veigen = töten) wiederum könnte auf ein spätmittelalterliches Fasnachtsspiel zurückgehen.

In der volkstümlichen Literatur des 15. und 16. Jahrhunderts trugen die Protagonisten besonders gerne Satznamen. Ein Bauer etwa hiess Jeckli Zettmist, ein Doktor Lüpold Schüchnüt, eine junge Frau Elsli Tragdenknaben, ein Kaufmann Stellaufgewinn, ein Henker Knüpfauf, und Rumuf und Leerdenbecher waren auch nicht gerade die feinsten Leute...

(15. Mai 2013, CL)

 

rüüdig & schampar

„Lozäärn hed e rüüdig schööni Fasnacht!“ Das kann nur ein Luzerner, eine Luzernerin sagen, denn „rüüdig“ für „sehr“ ist ein Kennwort für das Luzerndeutsche. Dieses Verstärkungswort hat einen kometenhaften Aufstieg hinter sich. Noch vor gar nicht langer Zeit hiess „rüüdig“ etwas ganz anderes, nämlich „räudig, von Krätzmilben befallen, hautkrank“; der vor hundert Jahren erschienene Idiotikon-Wortartikel kennt die heutige Bedeutung noch gar nicht. Einen ähnlich raschen Aufstieg hat „schampar“ erlebt, das wir heute in der Bedeutung „sehr“ kennen. Im Idiotikon ist es (unter “schandbar”) noch fast ausschliesslich in seinem ursprünglichen Sinn „ehrlos, schändlich, schamlos“ gebucht. Eine mit „rüüdig“ vergleichbare Bedeutungsentwicklung zeigt sich übrigens beim so langweilig-blassen „sehr“: auch dieses meint ursprünglich „wund, versehrt“. Und von „choge(guet)“ und „cheibe(schön)“ mit ihrer auch nicht gerade anmächeligen Herkunft war schon vor längerer Zeit die Rede…

(17. April 2013, CL)

 

Kleines ABC der Familiennamen-Deutung

Jeden Dienstag erklären Redaktoren des Idiotikons auf SRF 3 einige Familiennamen – man kann die Erklärungen übrigens jederzeit hier nachhören. Man kann aber auch selbst aktiv nachforschen! Hierzu nötig ist ein gewisses Grundwissen, was es denn überhaupt für Namentypen gibt, und der Beizug der Fachliteratur, unter anderem unseres Wörterbuchs. Im Folgenden bringen wir ein kleines ABC der schweizerischen Familiennamendeutung, und zwar anhand der Namen derjeniger Personen, die als Redaktoren, in der Administration, als Hilfskräfte oder als MitarbeiterInnen an besonderen Projekten beim Schweizerischen Idiotikon tätig sind.

1) Aussehen – der Name Roth erinnert an einen rothaarigen Vorfahren, der Name Schifferle an einen hageren oder schmächtigen Ahnen (schweizerdeutsch „Schifere“ = Splitter).

2) Charakter – der Name Graf erinnert an einen entweder vornehm tuenden oder aber vermöglichen Ahnen, der Name Burri kann auf einen aufbrausenden Vorfahren zurückgehen (schweizerdeutsch „burre“ = poltern, aufbrausen, brummen, zanken) oder aber als Kurzform auf den Taufnamen Burkhart verweisen (dann gehört er zum Typus 6).

3) Herkunft – die Namen Bigler und vermutlich auch Beuggert (vgl. die Variante Beugger) erinnern daran, dass ein Vorfahr aus dem bernischen Biglen bzw. einem Ort oder Hof namens Beuggen (es gibt deren mehrere) sich am neuen Wohnort niedergelassen hat.

4) Beruf – der Name Beyeler erinnert an einen Ahnen, der Bienen (schweizerdeutsch „Beieli“) gehalten hat, also an einen Imker, der Name Schmid erinnert an einen Vorfahren, der Schmied war. Auch die Namen Hammer und Bickel verweisen am ehesten auf jemanden, dessen Berufswerkzeug vor langer Zeit ein Hammer bzw. ein Pickel waren. Vielleicht liegt aber auch Bezugnahme auf den Charakter vor (schweizerdeutsch „Bickel“ = abgehärteter, tüchtiger, grober Bursche; dann gehört der Name zum Typus 2).

5) Nahe bei den Berufsnamen sind die Amtsnamen – der Name Marschall verweist auf einen Vorfahren in ebendiesem Amt, der Name Widmer erinnert an einen Ahnen, der Landwirt auf einem zur Ausstattung einer Kirche gehörenden Gut war.

6) Vater- und Mutternamen (Patronyme bzw. Metronyme) – Lamprecht, Landolt, Nänni (zu Anna) und Peter verweisen auf den Taufnamen einstiger Sippenältester. Auf die Familie eines Durisch (Ulrich) nimmt der Familienname Cadurisch Bezug (rätoromanisch „Ca Durisch“ = Haus des Durisch).

Bei den italienischen Namen Fontanive und Pondini stossen wir Germanisten hingegen an unsere Grenzen, weshalb sie in obiger Zusammenstellung fehlen...

(10. April 2013, CL & MHG)

 

Gemse

Das Schweizerdeutsche kennt einige Wörter, die auf eine früher hierzulande gesprochene, aber mittlerweile ausgestorbene Sprache zurückgehen. Von der keltischen „Bänne“ war in unserer Rubrik schon von längerer Zeit die Rede. Ein anderes solches Wort ist die Gemse. Alle germanischen und alle romanischen Dialekte und Sprachen, die im Alpen- oder im Pyrenäenraum gesprochen werden, kennen es – und damit auch die vier Landessprachen der Schweiz. So haben wir einerseits schweizerdeutsch „Gams“ (Appenzell, Toggenburg, Davos), „Gamstier“ (Glarus), „Gemsche“ (Obersaxen, Adelboden, Simmental, Freiburg, Wallis), „Gämschi/Gemschi“ (Rheinwald, Vals, Schwyz, Uri, Unterwalden, Entlebuch, Bödeli, Goms) und „Gämsi“ (Obwalden), anderseits rätoromanisch „c(h)amutsch“, lombardisch-tessinerisch „camóss“, italienisch „camoscio“, frankoprovenzalisch-westschweizerisch „tsamò“ und französisch „chamois“. Welcher vorlateinischen und vorgermanischen Sprache dieses gemein-eidgenössische Wort zu verdanken ist, weiss der Schreibende allerdings nicht…

(27. März 2013, CL)

 

Runzival

Ein wunderschönes und zugleich geheimnisvolles Berner Wort ist der „Runzival“. „Im Runzival sy“ oder „i Runzival choo“ meint „in der Klemme, in arger Verlegenheit, in (ökonomischen, sozialen, moralischen) Schwierigkeiten sein“ bzw. in solche kommen. Wer als Literatur- oder Musikkenner einen fernen Anklang an den Parzival heraushört, liegt gar nicht so falsch: Auch der Runzival hat mit altfranzösischer und mittelhochdeutscher Literatur zu tun, nämlich mit dem sog. Rolandslied. In dem „tal ze Runczifal“, wie es in einem Schweizer Volksbuch von 1475 heisst, geriet der stolze Roland in einen Hinterhalt muslimischer „Heiden“ und fand zusammen mit seinen zwölf Recken nach langem und heldenhaftem Kampf den Tod. Historisch freilich verlief die Sache etwas anders: Es waren die örtlichen Basken, welche im Jahre 778 eine Nachhut eines Truppenzuges Karls des Grossen, die vom bretonischen Grafen Roland angeführt wurde, beim Pyrenäendorf Roncesvalles massakrierten. Aber wie auch immer: Die Begebenheit hatte eine derart nachhaltige Wirkung, dass die Erinnerung daran via altfranzösische und mittelhochdeutsche Literarisierung selbst in der schweizerischen Volkssprache lebendig geblieben ist.

Ebenfalls eine Erinnerung an einen literarischen Helden ist das Basler „Ammedyysli“; hiervon war in der Wortgeschichte Nr. 7 vom 16. Mai 2012 die Rede...

(13. März 2013, CL)

 

Norwegisches in der Skisprache

Die Schneeverhältnisse verlocken noch immer zum Wintersport – deshalb im Folgenden etwas zur Ski- und Langlaufsprache! Deren Basiswortschatz ist norwegisch, kein Wunder, wenn man bedenkt, dass wir das Skifahren aus Norwegen übernommen haben. „Ski“ ist norwegisch für „Scheit“ bzw. dann auch für „Schneeschuh“ (eigentlich ein flaches Scheit, das man sich an die Füsse schnallt, um sich besser auf dem Schnee fortbewegen zu können). Die Schweden schreiben „skid“ und altnordisch hiess es „skið“, was den Zusammenhang noch etwas deutlicher sehen lässt. „Slalom“ ist eine eingedeutschte Schreibung für norwegisch „slalåm“; „sla“ bedeutet „leicht geneigt“, und „låm“ meint „Spur, die dadurch entsteht, dass etwas weggezogen wird“. „Loipe“ ist oberflächlich eingedeutschtes norwegisches „løype“, was ursprünglich „steile Rinne, durch die man Holz zu Tale gleiten lässt“ bedeutet und seinerseits von den Verben „laupe“, „laufen“, bzw. „løype“, „etwas zum Laufen bringen“ abgeleitet ist. Auch zwei klassische Schwungtechniken verweisen auf Norwegen: der „Christiania“ oder „Kristiania“ (eingeschweizert auch „Chrischti“, „Chrischte“, „Chrigel“ und ähnlich) hat seinen Namen nach der norwegischen Hauptstadt, die erst 1924 auf „Oslo“ umgetauft worden ist, und der „Telemark“ heisst so nach der gleichnamigen südnorwegischen Gebirgslandschaft. Zu Telemark hat die Schweiz ohnehin eine enge Verbindung, denn nach einer skandinavischen Sage hatte der tollkühn skilaufende Toki auf Befehl des Königs seinem Sohn einen Apfel vom Kopf schiessen müssen – nach Meinung der Forschung das Vorbild für unsere Tellssage...

(27. Februar 2013, CL)

 

Chuenagel (Unagel, Unigler, Hornagel, Hurnigel)

Der Winter ist die Zeit, in der man denChuenagel“ (oder „Chunagel“, „Unagel“, „Unigler“, „Hornagel“, „Hurnagel“, „Hurnigel“) haben kann: den stechenden Schmerz in den Fingerspitzen, den man fühlt, wenn man bei eiskaltem Wetter in die warme Stube tritt. Im hintern Teil des Wortes steckt vermutlich ein Wort für „spitzig“, man vergleiche etwa „Agle“ oder „Agne“ (Hanf- oder Flachssplitter, Spelze, Tannennadel), „Ägerschte“ (Elster, eigentlich „die mit dem spitzen Schwanz“), „Egli“ (Flussbarsch, eigentlich „der mit der spitzen Rückenflosse“) sowie die Egge und die Ecke. Zum vordern Teil des Wortes kann man hingegen nur Hypothesen aufstellen, es ist nicht einmal klar, ob es sich um ein einziges, stark variiertes Wort oder aber um verschiedene Wörter handelt. Falls „Horn-agel“ die ursprüngliche Form des Wortes ist, wie die Idiotikon-Redaktoren vor über hundert Jahren erwogen, dann bezieht sich „Horn“ am ehesten auf den Fingernagel, und alle andern Varianten wären Umformungen. Solche können leicht entstehen, wenn ein Begriff nicht mehr durchsichtig ist. „Chuenagel, „Unagel, „Hornagel usw. würden damit alle wörtlich „Nagelstechen, Nagelschmerz bedeuten. Falls man aber der Meinung ist, dass im Vorderglied verschiedene Wörter stecken, dann könnte man, wie es Christian Schmid in seinem Buch „Durchs wilde Wortistan“ (2004) macht, im ersten Teil von „Chuen-agel“ ein Wort sehen, das mit hochdeutsch „kühn“ identisch ist. Allerdings passen dessen alt- und mittelhochdeutschen Bedeutungen „tapfer, kräftig, kampfeslustig“ nicht so recht zu unserm Wort, und die Bedeutung des verwandten englischen „keen“, auf die sich Schmid bezieht, nämlich „scharf, schneidend“, ist für das Deutsche nicht nachzuweisen. Eine weitere Idee, nämlich im vordern Wortteil von „Un-agel“ ein bedeutungsverstärkendes „Un-“ zu sehen (vgl. etwa „ugross“ für „sehr gross“), wonach „Unagel“ also „starkes Stechen“ bedeuten würde, hatten schon die Idiotikon-Redaktoren zur Diskussion gestellt, aber sogleich selbst wieder in Frage gestellt. Der „Horn-, Un-, Chuenagel“ behält sein Geheimnis also für sich... 

(6. Februar 2013, CL)

 

Gänggeliwaar

Vom letztwöchigen „Gschmöis“ kommen wir nun zur „Gänggeliwaar“ (oder „Ganggeli-“, „Ganggerli-“, „Gänggerli-“, „Gäggeli-“, „Gääggeliwaar“ bzw. „-züüg“), was Kleinkram, Krimskrams, wertloses oder unnötiges Zeug, billiger Schmuck bedeutet. Nicht selten hört oder liest man, das Wort gehe auf französisch „quincaille“ = Haus- und Küchengeräte, Eisenwaren zurückt. Dem ist aber nicht so. Das Schweizerdeutsche kennt eine grosse Wortfamilie mit Begriffen wie „gangge“ = schwanken, „gangg(e)le“ = schlendern, närrisch tun, „gängg(e)le“ = ohne Eifer arbeiten, trödeln, sich mit unnützen Dingen abgeben, sich wie ein Kind verhalten, „gangg(e)lig, gängg(e)(r)lig“ = läppisch, einfältig, wackelig, langsam, wertlos, „Ganggel, Gänggel“ = närrischer Mensch, ferner „gäägge, gäggele“ = ohne Ernst und Fleiss arbeiten, trödeln, „Gääggi“ = langsamer, zaghafter Mensch, Narr, „gaagge, gaage, gaagele“ = schwanken, schlenkern, schaukeln. Diese Wörter gehören alle in den Bereich des sogenannt Lautmalerischen und drücken ein Schwanken, ein Baumeln, ein Tändeln, ein Trödeln und demzufolge ein Unseriös-Sein, ein Liederlich-Sein, ein Wertlos-Sein aus – auch die „Gänggeliwaar“ gehört in diese Kategorie des minder Geschätzten.

Weiten wir die Wortfamilie aus und ziehen neben den Wörtern mit „a“ und „ä“ im Stamm auch diejenigen mit „i“, „u“ und „ue“ hinzu, wird das Bild noch umfassender. Hier kennt das Schweizerdeutsche beispielsweise „Ginggel“ = etwas Herabhangendes (wie Ohrgehänge oder Penis), oberflächlicher Mensch, wertloses Kinderspielzeug, „gingg(e)le“ = baumeln, sich herumtreiben, „gingge“ = mit den Beinen schlenkern, mit dem Fuss ausschlagen, „Gunggel“ = etwas Baumelndes (wie Quaste, Glöcklein, Gefäss mit Henkel, Penis), „Gunggele“ = Viehschelle, liederliche Person, „gungg(e)le“ = baumeln, schaukeln, wackeln, „Guenggi“ = desinteressierter Mensch.

Man kann über die Farbigkeit und Aussagekraft unserer Mundarten nur staunen...

(30. Januar 2013, CL)

 

Gschmöis

Beim Wort „Gschmöis“ scheint man geradezu herauszuhören, worum es geht: lauter wertloses, unnützes Zeug. Diese Bedeutung hat sich aber erst nach und nach entwickelt. „Gschmöis“ ist eine – sogenannte Rundung (vgl. etwa „heischen“ > „höische“) aufweisende – Variante von „Gschmeiss“, welches seinerseits eine Kollektivbildung zu „Schmeiss“ ist. Dieses „Schmeiss“ wiederum gehört zum Verb „schmeissen“, werfen. „Gschmöis“ bedeutete also ursprünglich eine Ansammlung von Hingeworfenem. In der älteren Sprache meinte man damit ganz konkret „tierisches Exkrement“ (so noch heute in der Jägersprache „Kot von Raubvögeln“), aber auch „Insektenbrut“ und schliesslich „Ungeziefer“ (diese Bedeutung kennt das schriftdeutsche „Geschmeiss“, und sie steckt auch in der „Schmeissfliege“). Eine andere Bedeutungsentwicklung ging in Richtung „Durcheinander, Mischmasch“, besonders von Esswaren. Ein solches „Gschmöis“ bestand freilich oft aus Resten, hatte also häufig einen negativen Beiklang, und so kam es zur heutigen schweizerdeutschen Bedeutung „wertloses, unnützes Zeug“.

Dazu nun passt die „Gänggeliwaar“, von welcher nächste Woche die Rede sein soll...

(23. Januar 2013, CL)

 

Es schneielet, es beielet...

In den nächsten Tagen soll's ja wieder aktuell werden: „Es schneielet, es beielet, es gaat en chüele Wind...“ – das Liedlein kennen alle. Doch was bedeutet „beiele“? Ist es nur ein kindersprachliches Reimwort oder doch mehr? Es ist natürlich mehr: „beiele“ ist eine Ableitung von „Bii(j)i, Bei(j)i, Biili, Bei(j)eli“, schweizerdeutsch für Biene. Die tanzenden Schneeflocken werden also mit schwärmenden Bienen verglichen, ein Bild, das naheliegt, wenn der Wind die leichten, trockenen Schneeflocken herumtreibt. Der Familienname Beyeler gehört übrigens auch hierher: Er bedeutet Bienenzüchter, Imker.

(16. Januar 2013, CL)

 

Pfnüsel, Struuche, Niiffe, Rüüme und Consorten

Den „Pfnüsel“, hochdeutsch ,Schnupfen‘, kennt man in der Nord- und Nordostschweiz, seine Verwandten „Pflüsel“ und „Gflüsel“ im Solothurnischen sowie „Chnüsel“ in der Innerschweiz. Es gibt in- und ausserhalb der Schweiz viele weitere Wörter, die ganz ähnlich klingen und ganz Ähnliches bedeuten, z. B. „pfnuuse“ mit der Bedeutung ,hörbar atmen‘ in der Nordostschweiz, „pfnausen“ ,keuchen‘ im österreichischen Kärnten, „fnysa“ bzw. „fnyse“ ,schnauben‘ in Skandinavien, „gefnesan“ ,niesen‘ im Altenglischen oder „fnehan“ ,schnaufen‘ im Althochdeutschen. Es handelt sich dabei um sogenannt lautmalerische Wörter, Begriffe also, deren Bedeutung direkt durch den Klang vermittelt werden soll.

Mancherorts in der Ostschweiz, besonders in der Südostschweiz, wird für den Schnupfen hingegen „Struuche“, „Struuchel“ und ähnlich gesagt. Das Wort ist am ehesten mit dem allerdings nur sporadisch bezeugten „struuch“ verwandt, das ,rauh‘ bedeutet.

Auch die Oberwalliser (und von daher ein Teil der Bündner Walser) kennen ein eigenes Wort, nämlich „Niiffa“ (bzw. „Niffa“, „Niiffu“, „Niffu“, „Niiffe“), die Deutschfreiburger wiederum sagen „Nööscha“. Ersteres sicher, vielleicht auch letzteres sind Lehnwörter aus dem benachbarten Frankoprovenzalisch, wo die Erkältung „nifia“, „nefa“, „nicha“ (mit schweizerischem /ch/ ausgesprochen) heisst. Auch dieses Wort ist vermutlich lautmalerisch, man vergleiche hierzu unser deutsches „schniefen“, „schnüffeln“ und „Schnupfen“.

Auf eine vierte Art sind die Berner erkältet: Ihr „Rüüme“ ist standardfranzösisches „rhume“ ,Katarrh, Erkältung‘, das seinerseits von griechisch „rheuma“ ,Strömung‘ stammt. Ursprünglich ein vornehmes, einen unschönen Zustand verhüllendes Wort der Berner Aristokratie, ist es heute normalsprachlich geworden.

(9. Januar 2013, CL)

 

Berchtoldstag

Besonders im Grossraum Zürich und im Gebiet des alten Bern (heute Bern, Waadt, westlicher Aargau) kennt man ihn: den Berchtoldstag, dialektal „Bächteli(s)tag“, „Berchteli(s)tag“, „Berteli(s)tag“ oder „Bärzeli(s)tag“. In der Berner und Zürcher Tradition fällt er auf den 2. Januar, im thurgauischen Frauenfeld auf den dritten Montag im Januar. Doch wer ist Berchtold? Einen Heiligen dieses Namens gibt es nicht, und die Kantone, die den Tag begehen, stehen ohnehin in reformierter Tradition, feiern also keine Heiligentage. Die deutsche Wikipedia spricht von einer keltischen Perchta, die eine Art Frau Holle sei; die russische von einer germanischen Göttin, die englische erinnert an einen seligen Berchtold aus dem Kloster Engelberg, und die französische macht auf Herzog Berchtold von Zähringen aufmerksam.

Die Redaktion des Schweizerischen Idiotikons ging die Sache in Band IV 1538f. (Berchta, berchtelen) und Band XII 962ff. (Berchtelens-Tag) sprachlich an. Mittelhochdeutsch „berchttag“ oder „berchteltag“ und „berchtnacht“ waren Bezeichnungen für das Fest der Epiphanie, die „Erscheinung des Herrn“, welches am 6. Januar gefeiert wird. Griechisch „epiphaino“ bedeutet „erscheinen, hervorglänzen, hervorleuchten“, mittelhochdeutsch „bercht“, „berchtel“ heisst „glänzend, leuchtend“ (wie heute noch englisch „bright“, hell). Es ist damit am wahrscheinlichsten, dass „bercht(el)tag“ eine Lehnübersetzung von „epiphaneia/epiphania“ ist, dem griechisch-lateinischen Namen für das Fest der Erscheinung des Herrn. Vielleicht hat bei der Übersetzung auch mitgespielt, dass die am 6. Januar vorgetragene Lesung aus Jesajas mit „Surge, illuminare, Ierusalem, quia venit lumen tuum, et gloria Domini super te orta est“ (Mach dich auf, Jerusalem, werde licht! Denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn ist aufgestrahlt über dir) beginnt. Weil „Bercht-“ in späterer Zeit nicht mehr verständlich war, wurde es dialektal vielfach umgeformt bzw. schriftsprachlich mit dem Personennamen Berchtold verbunden. Das Brauchtum hingegen – soweit es nicht wie in Zürich „nur noch“ eine reformatorisch-gesittete Abgabe von Neujahrsblättern ist – steht im Kontext des allgemeinen Winter-, Jahreswechsel- und Fasnachtsbrauchtums.

(3. Januar 2013, CL)

 

Wüetisheer

Namentlich in den zwölf Nächten zwischen Weihnachts- und Dreikönigstag zieht es durch einsame Gegenden oder mitten durch Häuser, teils lärmend und schreiend, teils begleitet von Jagdrufen und Hundegebell, teils von geisterhaft lockender Musik: das Wüetisheer. Es handelt sich dabei um einen Zug armer Seelen, manchmal auch um ein einzelnes Gespenst. Im ersten Wortbestandteil steckt der germanische Gott Wuotan, was in der berndeutschen Lautung Wüetisheer noch recht deutlich zum Ausdruck kommt. In vielen andern Mundarten ist das Wort ganz undurchsichtig geworden: Varianten sind wüetigs Heer; Muetis-, Mueter- und Guetisheer; Wueti- und Muetiseel; Muetiseil; Wueti-, Mueti- und Guedisee; Wuete- und Mueltehee sowie Wüetihöö. Die Vorstellungen des Wüetisheeres sind zahlreich: In Jenins sind es dunkle Gestalten, die fliegen, in Oberglatt kopflose Männer, die einen Wagen begleiten, im Wägital ist es ein Sturmgeist, der auf einem Drachen reitet, und im Rheintal gleicht es einem schreienden Tier oder aber einem schreienden Haufen Pferdekot... Begegnet man dem Wüetisheer, schützt man sich am besten vor Schaden, indem man ja nichts tut, um es zu reizen!

(19. Dezember 2012, CL)

 

Triätschnitten

Ein altes Dessert, Zvieri oder Adventsgebäck sind die Triätschnitten: Altbackene Zopf- oder Einbackscheiben werden in einen dicken Zuckersirup oder in Eiweiss getaucht, dann mit Triätpulver (Nelken, Muskat, Sandelholz, Zimt, Macis, Anis oder Ingwer) und Puderzucker bestreut und schliesslich mit einer Weinsauce (Rotwein mit etwas Zitronenzesten, Zimt, Nelken und Zucker) übergossen.

Doch was ist eigentlich „Triät“, das auch in den Varianten „Träse(t)“, „Trese(t)“, „Tresenei“ und „Trisenet“ vorkommt? Sprachlich ist die Herkunft nicht geklärt. Sachlich meinte die frühere Heilkunde, die es „tragea aromatica“ nannte, damit ein würziges Pulver, das sich je nach Zusammensetzung gegen alle möglichen Beschwerden einsetzen liess. Der zum Gurgeln verwendete Träset enthielt um 1700 Alaunstein, Veilchen und rote Rosenblätter. Derjenige gegen Blasenleiden bestand 1588 aus pulverisierten Eicheln, Petersiliensamen und Zucker. Gut für die Augen war im 17./18. Jahrhundert ein Träset aus Zucker, Zimt, Nelken, Galgan, Zibeben, Kardamon, Muskatnuss, Muskatblüte, Fenkel, Melisse, Majoran und Augentrost. Und als „guter Treset“ überhaupt galt eine Mischung aus Zimt, Kalmus, Galgan, Zitrone, Paradiskörnern, Ingwer, Zucker, Änis, Muskatnuss und Lorbeer. So mögen auch die Triätschnitten unserem Befinden förderlich sein – wohl bekomm's!

(12. Dezember 2012, CL)

 

Grättimaa, Grittibänz und Elggermaa

Heute wenden wir uns, wen erstaunt's, den schweizerdeutschen Wörtern für den Teigmann zu, den man am 6. Dezember verzehrt. Am verbreitetsten ist der „Grittibänz“, die Basler kennen den „Grättimaa“, und in der Region Winterthur–Unterthurgau–Stein ist oder war der „Elggermaa“ zu Hause. Weitere Bezeichnungen nehmen wir gerne auf www.facebook.com/Idiotikon entgegen!

„Grätte“ und „gritte“ bedeuten beide „die Beine spreizen; grätschen“. „Bänz“ ist eigentlich eine Koseform von „Benedikt“, aber weil der Name so häufig war, konnte er für eine männliche Person schlechthin stehen. Der „Grättimaa“ oder „Grittibänz“ ist also ein Mann mit gespreizten Beinen, und so sieht das Gebäck ja auch tatsächlich aus. „Elggermaa“ hingegen verweist auf das Städtchen Elgg im zürcherisch-thurgauischen Grenzgebiet.

Nach Angaben aus dem 19. Jahrhundert wurde dieses Festgebäck in Bern aus Lebkuchenteig, in der übrigen Deutschschweiz aus „mehr oder weniger feinem Brotteig“ gebacken. Die Grösse schwankte zwischen einem halben und zwei Fuss, also 15 bis 60 cm. Und gegessen wurde er je nach Region am Nikolaustag, an Neujahr oder zwischen Weihnachten und Sebastianstag (20. Januar). Heute dürften wohl die Herstellung aus Zopfteig und der Esstermin vom 6. Dezember überall gelten, nur bei den verschiedenen Grössen hat sich die alte Mannigfaltigkeit aus naheliegenden Gründen erhalten...

(5. Dezember 2012, CL)

 

Lawine, Föhn und Rüfi - Gemeinromanisches im Schweizerdeutschen

Manche romanische Lehnwörter sind im Schweizerdeutschen so verbreitet und so alt, dass man sie nicht aus den romanischen Einzelsprachen herleiten kann, sondern auf eine diesen Sprachen gemeinsame Grundlage zurückführen muss. Die „Laui“ oder „Lau[w]ene“ oder „Laubene“ (Lawine) geht auf alpinromanisch „lavina“ zurück, worin seinerseits lateinisch „lābi“, gleiten, steckt. Der „Föhn“ (warmer, oft stürmischer Fallwind, Südwind; seit rund hundert Jahren auch in der Bedeutung elektrischer Haartrockner) kommt von vulgärlateinisch „faōniu“, einer Ableitung von lateinisch „fovēre“, wärmen. „Lawine“ und „Föhn“ wurden dank Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“ zum unbestrittenen Bestandteil der gesamtdeutschen Standardsprache. Immerhin ins Schweizerhochdeutsche geschafft hat es die „Rüfi“ (Schutt- und Schlammlawine), dialektal auch „Rufi“ oder (eigentlich am richtigsten) „Rufine“. Das Wort basiert auf alpinromanisch „ruvina“ und ist damit sprachgeschichtlich identisch mit „Ruine“; beide haben ihren Ausgang in lateinisch „ruere“, stürzen.

An dieser Stelle müssen wir unsere kleine Romanismen-Serie unterbrechen, denn die Saison verlangt nächste Woche ein ganz bestimmtes „Wort der Woche“...

(28. November 2012, CL)

 

tschau, Binätsch, Fazeneetli und anderes Italienisches im Schweizerdeutschen

Heute kommen wir zu einigen italienischen Lehnwörtern im Schweizerdeutschen. Wir können hier zwei Gruppen unterscheiden: Jüngere, die über Gastarbeiter in die Schweiz gekommen sind, und ältere, die auf Handelsbeziehungen mit der Lombardei verweisen.

Zur ersten Gruppen gehört der Abschiedsgruss (oder das Begrüssungswort) „tschau“. Es geht auf eine Dialektvariante von italienisch „schiavo“, Sklave, zurück und ist eigentlich eine Verkürzung der Wendung „(ich bin Ihr) Sklave/Diener“, wie übrigens auch das gleichbedeutende, in Österreich übliche „Servus“. Ein anderes jüngeres Lehnwort hat in der Deutschschweiz eine neue Bedeutung bekommen: Ausgehend vom Spielruf „cinque la mora“ – „mora“ oder „morra“ ist ein Fingerspiel, bei dem die Anzahl gestreckter Finger zu erraten ist – entstanden hierzulande die abwertend verwendeten Wörter „Tschinggelemoore“ und „Tschingg“ für „Italiener(in)“.

Zu der Gruppe der alten Lehnwörter gehört etwa das Innerschweizer, Zürcher und Ostschweizer Wort für „Spinat“, nämlich der „Binätsch“, dem italienisch „spinacio“ zugrunde liegt. Auf die Innerschweiz beschränkt ist „Kantrum“ für „Kommode“, das von italienisch „cantarone“ stammt. Wohl fast überall veraltet ist das einst weithin bekannte „Fazeneetli“, ein Wort für das Taschentuch, worin italienisch „fazzoletto“ steckt. Gewisse Lehnwörter können sowohl aus dem Italienischen wie aus dem Rätoromanischen übernommen sein. Zu diesen gehört das besonders in der Inner- und Südostschweiz bekannte „Spuuse, Gspuuse, Spuusi“ u. ä. für „Braut, Schatz“, das über rätoromanisch bzw. lombardisch „spus(a)“, „spos(a)“ auf lateinisch „spōnsus, -a“, Bräutigam bzw. Braut, zurückgeht.

(21. November 2012, CL)

 

patschifig, Schgaffa, Schgarnutz und anderes Rätoromanisches im Schweizerdeutschen

Die Facebook-Kollegen vom Dicziunari Rumantsch Grischun, dem rätoromanischen Pendant des Idiotikons, haben kürzlich eine Serie mit deutschen Lehnwörtern im Bündnerromanischen präsentiert. Die folgende Zusammenstellung bietet nun eine kleine Auswahl an Wörtern, die im deutschsprachigen Bündner Rheintal, in den Bündner Walserdialekten sowie im Sarganserland und im Werdenberg vorkommen und aus dem Romanischen entlehnt sind (bei Wörtern wie „Spiina“ und „Spuusa“, die zum Beispiel auch in der Innerschweiz bekannt sind, tritt noch das Italienische als zweite Ausgangssprache hinzu):

„Bischgetii“ (ein Kaffee- oder Teegebäck), „Palangga“ (Balken, Rundholz), „Palooga“ (Kriechenpflaume), „patschifig“ (phlegmatisch, gemütlich, friedfertig), „Schgaffa“ (Schrank), „Spensa“ (Vorratskammer), „Spiina“ (Fass-, Wasserhahn), „Spuusa“ (Braut), „Zmarend“ (Vesperbrot, Zvieri). Einige bündnerdeutsche Wörter wie „magaari“ (vielleicht), „propi“ (wirklich), „Schgarnutz“ (Papiersack, Tüte) und „Roobi“ (Ware) bzw. „rooba“ (umziehen, zügeln) kommen ebenfalls aus dem Romanischen, aber dieses hat sie seinerseits aus dem Norditalienischen bzw. im letztgenannten Fall aus dem Germanischen (vgl. „rauben“) entlehnt.

Die Liste lässt sich zweifellos verlängern – wer weiss mehr?

(14. November 2012, CL)

 

Jeans, Chöltsch, Galli und andere Stoffnamen

Die Tuch- oder Stoffnamen zeichnen eine ganze Geographie nach. Kaum nötig zu erklären ist „Manchester“ (bundesdeutsch: Cord), das an die einst blühende Textilindustrie der gleichnamigen englischen Stadt erinnert. Nur wenig bekannt dürfte hingegen sein, dass „Jeans“ auf den (gleich ausgesprochenen) englischen Namen „Genes“ für die italienische Handelsstadt Genua zurückgeht. „Denim“, der Baumwollstoff, aus dem die ersten Jeans hergestellt wurden, meint eigentlich „de Nîmes“, also „(Gewebe) aus Nîmes“. Im schweizerischen „Chöltsch“ für den farbig karierten oder gestreiften Baumwoll- oder Leinenstoff steckt der Name der bedeutenden mittelalterlichen Handels- und Fabrikationsstadt Köln. Das ältere Schweizerdeutsch kannte auch „Lündsch“ oder „Lündisch“ für ein feines Wolltuch, das sich auf den Namen der britischen Hauptstadt London bezieht. In „Damast“, einem feinen Gewebe mit eingewobenem Muster, verbirgt sich der Name der syrischen Stadt Damaskus. Und „Galli“, älter schweizerdeutsch für einen dünn geschlichteten groben Baumwollstoff, verweist sogar auf den indischen Seehafen Kalikut. Tuchnamen zeigen sehr schön, dass auch die ältere Zeit schon globalisiert war...

(7. November 2012, CL)

 

Hafechääs

„Hafechääs“ ist ein Wort, das wir heute in der Bedeutung „Blödsinn, Quatsch, Mist“ gebrauchen. Die ursprüngliche Bedeutung kennen wir aus Quellen des 16. bis 19. Jahrhunderts. So erklärte beispielsweise der Zürcher Lexikograph Josua Maaler in seinem Wörterbuch „Die Teütsch spraach“ von 1561 den „hafenkäß“ mit „alter fauler käß. So man stücklin von altem käß in ein hafen zuosamen legt, und weyn darüber schütt, und also laßt graaten und in einanderen faulen.“ Es handelte sich somit um Käse, den man in einem Hafen, also in einem irdenen Gefäss, der Gärung ausgesetzt hatte, um ihn länger haltbar zu machen. Dieser fermentierte Käse war ziemlich weich. In einem 1550 erschienenen Stück des Dramatikers Jakob Ruef sagte die Köchin zum Koch, der sie am vorangegangenen Tag verprügelt hatte: „Ich wett dir geben han ein streich, daß d worden werist also weich wie hafenkäß in einer schüssel“ – nur war sie eben zu betrunken, als dass sie hätte zuschlagen können...

(31. Oktober 2012, CL)

 

Sirach und sirache

Zwei schöne Ausdrücke, die in unserer kleinen Schimpfserie nicht fehlen dürfen, sind „Sirach“ und „sirache“. Die beiden Wörter gehen auf das biblische bzw. apokryphe Buch Jesus Sirach zurück, in dem mehrfach zur Sanftmut gemahnt und vor Streit gewarnt wird. Offenbar wurden die Weisheiten im Buch Jesus Sirach und vor allem die Warnung vor Streit so häufig gepredigt, dass sich der Name Sirach verselbständigt hat und seither stellvertretend für Zank verwendet werden kann. „I Sirach choo“ bedeutet „in Streit geraten“, „im Sirach sy“ heisst „streiten“, und das Verb „sirache“ meint „schimpfen, fluchen, toben“. Dass damit der Name von jemandem, dem es so dringend um das Vermeiden von Hader gegangen war, ausgerechnet zum Synonym für Unfrieden geworden ist, entbehrt nicht einer gewissen Ironie...

(24. Oktober 2012, MG & CL)

 

Cheib und Chog

Diese Woche geht es um den „Cheib“ und den „Chog“. Beide Wörter kennen in der Mundart eine recht vielfältige und schillernde Anwendung: Mit „Souchog“ und „fuule Cheib“ werden Menschen beschimpft. Sagt die Mutter zu ihrem gewitzten Kleinen „bisch es Chögli“, meint sie das jedoch anerkennend-liebkosend, vom Tadel ist fast nichts mehr spüren. Im Ausruf „verreckte Cheib“ kommt wiederum unverhüllte Überraschung zum Ausdruck. Und in „cheibeschöön“ und „chogeguet“ dienen „Cheib“ und „Chog“ sogar der Verstärkung positiver Adjektive. „En Cheib haa“ heisst einen Rausch haben, „devoocheibe“ ist fortrennen. Und in „alles Cheibs“ schliesslich hat unser Wort nur noch einen ganz allgemeinen Inhalt. Im mittelalterlichen Deutsch hingegen bedeuteten (mittelhochdeutsch) „keibe“ und (althochdeutsch) „koggo“ etwas ganz anderes und sehr Konkretes, nämlich „Leichnam, Aas, Kadaver; ansteckende Tierseuche“...

(17. Oktober 2012, CL)

 

Gaggelaari

Das Wort der Woche ist der „Gaggelaari“, ein dummer Schwätzer, ein Nichtsnutz, ein Dummkopf. Es handelt sich dabei um eine Zusammensetzung aus „Laari“= langsamer, alberner Mensch, das seinerseits abgeleitet ist vom Verb „laare“ oder „laale“ = dumm schwatzen, sich einfältig gebärden, und vom Verb „gagge“ oder „gaggele“ = gackern; stottern; dumm reden. Das Idiotikon hatte kürzlich eine Anfrage, ob der „Gaggelaari“ ein Schimpfwort sei. Nun – höflich ist die Bezeichnung sicher nicht, aber im Gegensatz zu andern (aus dem Deutschen und Englischen entlehnten) Schimpfwörtern ist sie immerhin altdialektal und tönt doch auch irgendwie hübsch...

(10. Oktober 2012, Christoph Landolt)

 

Wimmet und wimmen

Er hat schon angefangen: der „Wimmet“, „Wüm(m)et“, „Wimlet“ oder „Wümlet“, und viele fleissige Leute stehen in den Rebbergen, um zu „wimme“, „wüm(m)e“, „wimle“ oder „wümle“. So sagt man in der östlichen Hälfte der Deutschschweiz und, räumlich isoliert, in der Variante „wimde, wimdu“ auch im Wallis dem Ernten der Trauben. In den andern Landesgegenden spricht man hingegen von „läse“ und „Läset“ oder von „herbschte“ und „Herbscht“. Das Verb „wimme“ uä. geht über verschiedene ältere Zwischenstufen auf lateinisch „vindemiare“, die Weinlese halten, zurück. Es handelt sich dabei um eines derjenigen lateinischen Wörter, die im Zusammenhang mit der Übernahme römischer, den Germanen vorher noch unbekannter Kulturtechniken schon sehr früh ins Deutsche gelangt sind. Andere Beispiele – die es, anders als „wimme“, in die deutsche Gemeinsprache geschafft haben – sind „Wii/Wein“ (lat. vinum), „Muur/Mauer“ (lat. murus; die Germanen kannten nur die aus Zweigen geflochtene und mit Lehm verklebte „Wand“), „Ziegel“ (lat. tegula; die Germanen kannten nur Stroh-, Erdsoden- und Holzdächer) oder „Fäischter/Fenster“ (lat. fenestra; die germanischen Häuser hatten lediglich das ins Dach eingelassene „Windauge“, vgl. englisch „window“). (3. Oktober 2012, Christoph Landolt)

 

Finken

Das Wort der Woche ist die schweizerdeutsche Bezeichnung für die Hausschuhe. Belegt sind die „Finken“, um die es hier geht, erstmals in einer alemannischen Glosse des 13. Jahrhunderts; sie werden dort mit „eine Art Fussbekleidung der Mönche“ erklärt. Das Wort stammt vermutlich von spätlateinisch „fico“, Plural „ficones“, und dürfte aus der Klostersprache des Hochmittelalters in unsere Mundarten gelangt sein. Woher allerdings dieses „fico“ kommt, ist ganz unsicher. – Ein anderer Erklärungsversuch ist die Herleitung vom Vogelnamen Fink: Hausschuhe wurden früher aus Stoffresten hergestellt und waren deshalb buntscheckig wie der gleichnamige Vogel. Gut möglich, dass der Vogelname auf das spätlateinische „fico“ eingewirkt hat und zum Entstehen unserer „Finken“ beigetragen hat. Genaueres wissen wir jedoch nicht... (26. September 2012, Christoph Landolt)

 

Hundenamen im Jahre 1504

Wie nannte man vor fünfhundert Jahren seinen Hund? Auskunft gibt der sogenannte Zürcher Glückshafenrodel von 1504. Ein Glückshafen war das, was wir heute Lotterie nennen, und um die eigenen Gewinnchancen zu erhöhen, liess man nicht nur sich selbst, sondern oft auch alle Familienangehörigen, das Gesinde und sogar die Haustiere namentlich in das Verzeichnis eintragen. Im Folgenden führen wir eine repräsentative Auswahl aus rund achtzig Hundenamen an.

Manchmal trugen Hunde gewöhnliche menschliche Rufnamen wie „Ännly“ (zu Anna) oder „Bennly“ (zu Benedikt), häufiger jedoch waren edle, aus der damals geläufigen Literatur bekannte Namen wie „Arttus“, „Fortuna“, „Melesinn“ und „Venus“. Auch „Fürst(li)“, „Löw“ und „Schell(i)“ (= Hengst) zeugen von Wertschätzung. Andere wiederum dachten ganz praktisch und riefen ihre Vierbeiner schlicht und einfach mit einer Befehlsform: „Heb ann“ (= halt an, oder vielleicht: halt ihn), „Weck“ (= wecke [mich, wenn etwas geschieht]), „Wer dich“ (= wehr dich), „Zuck“ (= fass, zu „zucken, zücken“, schnell ergreifen). Wie auch heute noch konnte das Aussehen namengebend sein: „Mörli“ und „Brendli“ waren sicher Hunde mit schwarzem Fell, „Hotz“ und „Hüdelli“ solche mit zottigem Fell, „Dammast“ und „Sattin“ solche mit glattem Fell; das „Stümpli“ hatte wohl einen Stummelschwanz, der „Stern“ einen hellen Stirnfleck. Auf die Schnelligkeit verweisen Namen wie „Yl“ (= eile), „Renni“ oder „Fürbas“ (= vorwärts), auf die Art der Fortbewegung „Häderli“ und „Zyberlin“ (zu „häderlen“ bzw. „ziberlen“ = mit raschen kurzen Schritten laufen). Das Motiv des Jagens und Verjagens liegt etwa bei „Veng“ (= fangend), „Stöibli“ (zu „stäuben“ = verjagen, aufscheuchen) oder „Weidman“ vor. Einige Hunde waren schlicht namenlos und wurden ganz phantasielos „Menli“ (= Männlein) oder „Vötschli“, „Föitz“ (= Hündin) gerufen. Es gab aber auch Tiere, die scherzhafte Namen trugen wie „Wer weisd“ (= wer weiss) und „Niemen“ (= niemand) – diese waren ganz praktisch, denn hatte der Hund Mist gebaut und fragte jemand den Hundebesitzer, wer das getan habe, konnte dieser ohne schlechtes Gewissen mit „Wer weiss“ bzw. „Niemand“ antworten...

(18. September 2012, Christoph Landolt; Quellen: Der Glückshafenrodel des Freischiessens zu Zürich 1504, hg. von Friedrich Hegi, Zürich 1942 sowie Hans Wanner, Hundenamen aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts, in: Festschrift für Ernst Ochs, hg. von Karl Friedrich Müller, Lahr 1951)

 

Chnuupesaager (Chnuppesaager)

Das Wort der Woche ist der „Chnuupe-“ oder „Chnuppesaager“, was „Geizhals, Rappenspalter“ bedeutet. Ein „Chnuupe“ oder „Chnuppe“ ist ein Knollen, und ein „Saager“ ist der Besitzer einer Säge, ein Sägmüller. Diesem wurde vielfach eine Neigung zum Geiz nachgesagt. Er soll die kleinsten „Chnuupe“ noch einmal zersägt haben, um selbst aus dem geringsten Holzstück einen kleinen Gewinn zu erwirtschaften. Ganz ähnliche Wortbildungen sind „Chümisaager“, „Chümispalter“ und “Chriidesaager” – nicht einmal ein Kümmelsamen bzw. ein Stück Kreide ist dem Geizhals zu klein, als dass er es nicht noch einmal zerteilen würde. (Hans-Peter Schifferle, 12. September 2012)

 

Chilbi

Das Wort der Woche ist zu Ehren der in dieser Jahreszeit vielerorts stattfindenden Chilbenen die „Chilbi“, die schweizerische Bezeichnung für den Jahrmarkt und den Rummelplatz. „Chilbi“ geht zurück auf altalemannisch „kilchwîhi“, bedeutet also ursprünglich „Kirchweihe“. Die heutigen Chilbenen sind terminlich oft von den alten Kirchweihtagen losgelöst; dass aber etwa der Termin des Zürcher Knabenschiessens mit seiner grossen Chilbi auf das zweite Septemberwochenende fällt, ist eine Erinnerung an die alte „Züri-Chilbi“, die zur Feier der Zürcher Stadtpatrone Felix und Regula jeweils am 11. September stattfand. (Christoph Landolt, 5. September 2012)

 

tschegge

Das Wort der Woche ist „tschegge“, kapieren. Wie wir alle wissen, steckt das englische „to check“ dahinter. Allerdings: Das englische Verb kennt die Bedeutung „begreifen“ gar nicht, es bedeutet vielmehr „anhalten, hemmen, prüfen“. Seine Grundbedeutung ist jedoch der Ruf, der unserem deutschen „Schach!“ entspricht; "to check" meint also ursprünglich „Schach bieten“. Letztlich geht das Wort zurück auf persisch „shâh“, zu deutsch „König“. (Christoph Landolt, 29. August 2012, mit Dank an Christian Schmid: „Stuune“, Muri bei Bern 2011.)

 

löie (lüe, lüwe, liwwe)

Das heutige Wort der Woche ist „löie“, „lü(w)e“ oder „liwwe“, wie die Berner, Entlebucher, Freiburger und westlichen Deutschwalliser für „ausruhen“ sagen. Für die Sprachwissenschafter ein schwieriges Wort! Zwar finden wir es auch in Quellen des 15., 16. und 17. Jahrhunderts belegt, aber weiter zurück ist es schwierig zu verfolgen. Falls es im Wallis seit alters vorkommt, warum haben die um 1200 ausgewanderten Walser dann statt „liwwe“ das althochdeutsche „resten“ (das heute im Wallis nicht mehr existiert) mitgenommen, als sie ins Aostatal und ins Piemont zogen? Und was hat der Hegauer Dichter Hugo von Langenstein 1293 mit „geliuwen“ wirklich gemeint? Und mit welchen andern Wörtern könnte es verwandt sein? Man hat bairisch „launen“ = schläfrig sein, niederländisch „lui“ = faul und isländisch „lyja“ = ermüden beiziehen wollen, aber stehen diese Vergleiche auf sicherem Boden? Nur eines wissen wir sicher: Der unbekannte, im Idiotikon zitierte Berner hat mit seinem „Votre Majesté veut-elle lionner ici?“ nicht die richtigen Schlüsse gezogen... (Christoph Landolt, 22. August 2012)

 

Landjäger

Passend zur Wandersaison ist das Wort der Woche der „Landjäger“. Diese geräucherte und luftgetrocknete Wurst ist kein zu Fleisch verarbeiteter Polizist (früher „Landjäger“ genannt), sondern es liegt wahrscheinlich eine Umdeutung aus „lang tige“ vor. Das Dialektwort „tige“ (eigentlich identisch mit hochdeutsch „gediegen“) bedeutet im Schweizerdeutschen „getrocknet, gedörrt, geräuchert“. Eine andere, ebenfalls von „tige“ ausgehende Umdeutung zeigt sich bei der durchaus tigerfleisch-freien, aber ebenfalls geräucherten „Tigerwurst“. (Christoph Landolt, 15. August 2012)

 

Tschoope (Schoope)

Das Wort der Woche ist der „Tschoope“ oder „Schoope“, wie man, vom Bernbiet und der Nordwestschweiz abgesehen, dem Veston (Sakko, Herrenjackett) sagt. Das Idiotikon kann den „schopen“ schon für das Jahr 1330 aus einer Schaffhauser Quelle belegen. Es handelt sich dabei um eine sehr frühe Entlehnung von italienisch „giubba“. Das Italienische hat das Wort seinerseits aus dem Arabischen übernommen, wo die „ğubba“ ein langes Obergewand ist. Übrigens geht auch der „Jupe“, ein Kleidungsstück für Frauen und Mädchen, auf dieses arabische Wort zurück, hat aber seine Wanderung über das Französische gemacht und ist erst im 19. Jahrhundert ins Schweizerdeutsche gelangt. (Christoph Landolt, 8. August 2012)

 

Cervelat

Das Wort zum 1. August ist der oder die Cervelat, die Schweizer Nationalwurst, hierzulande (anders als in Frankreich!) eine Brühwurst aus Rindfleisch, Schwarten und Speck. Das Wort geht via das Französische und Italienische auf lateinisch „cerebellum“ 'Gehirn, Hirn' zurück, womit auch schon gesagt ist, was die Wurst ursprünglich enthielt. Die frühere Schweizer Nationalhymne „Heil dir, Helvetia“ (die mit der Melodie von „God save the Queen“ gesungen wurde) parodierte man übrigens wie folgt: „Heil dir, Helvetia, Brodwurscht und Serwela cha me bim Metzger ha, und die sind guet.“ (Christoph Landolt, 31. Juli 2012)

 

Chlüppli, Chlüpperli, Chlupperli

Wort der Woche ist das zürcherische und ostschweizerische „Chlüppli, Chlupperli, Chlüpperli“, die Wäscheklammer. Es handelt sich dabei um eine Verkleinerungsform von „Chluppe“, zangenartiges, festklemmendes Gerät. Letztlich gehört unser Wort zu mundartlich „chlüübe“, kneifen, das seinerseits auf althochdeutsch „kliuban“, spalten, zurückgeht – die „Urchluppen“ und „Urchlüppli“ waren schlicht ein gespaltenes Stück Holz. (Christoph Landolt, 25. Juli 2012)

 

Maleschlössli (Maler-, Malet-, Malze-, Mare-, Marfel-, Made-, Maneschlössli)

Das Wort der Woche bzw. zur Bade- und Reisesaison ist das „Male-, Maler-, Malet-, Malze-, Mare-, Marfel-, Made- oder Maneschlössli“ – das Vorhängeschloss, womit man ein Garderobekästchen oder einen Koffer sichert. Wie schon die Vielfalt der Varianten (hier werden nur die wichtigsten aufgelistet) zeigt, ist das erste Glied des Wortes seit langem undurchsichtig geworden. Zugrunde liegt mittelhochdeutsch „malche“, was 'Reisesack, Reisetasche' bedeutete. Französisch „malle“ 'Reisekoffer, Kofferraum' stammt übrigens ebenfalls von diesem deutschen Wort. (Christoph Landolt, 18. Juli 2012)
 

Bänne, Benne

Das Wort der Woche ist die „Bänne“ oder „Benne“, die das ein- oder zweirädrige Transportgerät bezeichnet, oft auch nur den offenen Kasten auf einem solchen Karren – und heute auch scherzhaft ein altes Auto meint. Es handelt sich dabei um eines der wenigen ursprünglich keltischen Wörter, die es geschafft haben, in den Nachfolgesprachen und -dialekten bis in unsere Gegenwart zu überdauern, und ist eine Erinnerung an die hohe Professionalität der Kelten im Wagenbau. (Christoph Landolt, 11. Juli 2012)
 

Bünzli

Das Wort der Woche ist der „Bünzli“. Ursprünglich ein Zürcher Familienname, der entweder auf mittelhochdeutsch „bin[e]z“ (= Binse, grasartige Sumpfpflanze) oder auf mittelhochdeutsch „punze“ (= geeichtes Weinfässchen) zurückgeht, hat das Wort im 20. Jahrhundert die Bedeutung „Spiessbürger“ bekommen. Ausgangspunkt hierfür dürfte die ordentliche und sparsame Züs Bünzli aus Gottfried Kellers Novelle „Die drei gerechten Kammacher“ (1856) sein. Die populäre Bühnenfigur Heiri Bünzli aus Fredy Scheims Dialektposse „Käsefabrikant Heiri Bünzli“ und aus den von ihm geschriebenen Filmen „Bünzli's Grossstadt-Erlebnisse“ (1930; Regie: Robert Wolmuth) und „Ohä lätz! De Bünzli wird energisch!“ (1935) haben zweifellos das Ihrige dazu beigetragen, die heutige Bedeutung Spiessbürger im allgemeinen Sprachgebrauch zu verankern. (Christoph Landolt & Martin Graf, 4. Juli 2012)

 

Lins, wi cha de Fisel tschaane!

Das „Wort der Woche“ präsentiert zur Abwechslung einmal etwas aus der Sprache der Schweizer Fahrenden: „Lins, wi cha de Fisel tschaane!“ bedeutet „schau, wie kann der Bub rennen!“ „Linse“ ist sprachgeschichtlich unsicher, vgl. allenfalls bairisch „linsen“ = lauschen, horchen. „Fisel“ kommt von mittelhochdeutsch „visel“ = Penis. Und „tschaane“ geht auf romani „dschal“ = er/sie/es geht, reist zurück. (Quelle: Hans-Jörg Roth: Jenisches Wörterbuch, Frauenfeld 2001.) (Christoph Landolt, 27. Juni 2012)

 

Pfifolter

Wort der Woche: Was im Mittelland der „Summervogel“ ist, heisst im alpinen Raum „Pfifolter“ und ähnlich: der Schmetterling. In diesem Wort, das in der Lautung „fifaltar(a)“ schon althochdeutsch vorkommt, steckt ein redupliziertes (d.h. eine verdoppelte Stammsilbe aufweisendes) "Falter". Urnerisch „Fliggholter“, schwyzerisch „Zwifalter“ und sarganserländerisch „Pipolter“ sind weitere Umformungen dieses nicht mehr durchsichtigen Wortes. Ob der Falter übrigens etwas mit „flattern“ zu tun hat, ist umstritten. (Christoph Landolt, 20. Juni 2012)

 

tschuute (tschutte, schuute, schutte)

Das Wort der Woche ist – wie könnte es anders sein! – „tschuute“ (oder „tschutte“, „schuute“, „schutte“), Fussball spielen. Es kommt von englisch „to shoot“ = „schiessen; den Ball kicken“, und erinnert daran, dass der Fussballsport aus England in die Schweiz gekommen ist. Auch die Namen einiger der ältesten Fussballclubs sind englisch, man denke etwa an den „Grasshopper Club Zürich“ (gegründet 1886), die „Old Boys Basel“ (1894) oder die Berner „Young Boys“ (1898). (Christoph Landolt, 13. Juni 2012)

 

 (v)ergalschtere, (v)ergelschtere

Das Wort der Woche: „(v)ergalschtere“ oder „(v)ergelschtere“ kommt in vielen Bedeutungsnuancen vor, zum Beispiel bedeutet „sich ergelschtere“ sich ereifern, sich aufregen, oder „vergelschteret“ meint verblüfft, fassungslos, verwirrt. Die älteste Bedeutung aber ist „verzaubern, verhexen“. Im mittelalterlichen Deutsch gab es ein Wort „galster“, das „(Zauber-)Gesang“ bedeutete und zu einem Verb „galan“ mit der Bedeutung „singen“ (besonders „Zauberformeln singen“) gehörte. „Nachtigall“ heisst übrigens wörtlich „Nachtsängerin“. (Christoph Landolt, 6. Juni 2012)
 

gheie/ghyye

Das Wort der Woche: „gheie/ghyye“ hat eine der verrücktesten Bedeutungsentwicklungen hinter sich. Althochdeutsch („hiwen“) bedeutete es „heiraten“. Hieraus hat sich die Bedeutung „begatten“ ergeben, die in der älteren Sprache gut belegt ist. „Begatten“ kann leicht zum Schimpfwort werden – so wurden die alten Schweizer „Küe-Gehyer“, also „Kuh-Beischläfer“, gescholten –, und hieraus entwickelte sich die allgemeinere, heute aber veraltete Bedeutung „plagen, quälen, misshandeln“. Wer jemanden misshandelt, kann ihn zu Boden werfen, womit es zur heutigen Bedeutung „werfen“ kommt. Was aber geworfen wird, wird losgelassen, und damit wären wir zur zweiten heutigen Bedeutung, nämlich „fallen“, gelangt. (Christoph Landolt, 30. Mai 2012)

 

Gänterli

Das Wort der Woche ist das „Gänterli“. Dieses vornehmlich innerschweizerische Wort für Küchenschrank ist eigentlich die Verkleinerungsform von „Gänter“, was Gitter bedeutet. Das „Gänterli“ war also ursprünglich ein mit Gitterwerk versehener Kasten. „Gänter“ seinerseits geht zurück auf lateinisch „cantherius“, ein Wort für Dachsparren oder Sparren als Fassunterlage. (Christoph Landolt, 23. Mai 2012)

 

Ammedyysli

Das Wort der Woche ist das „Ammedyysli“, baseldeutsch für Pulswärmer. Es kommt von französisch „amadis“, wo es den engen Hemd- oder Halbärmel bezeichnet. Laut Christian Schmids Buch „Botz heitere Faane“ (Muri b/B. 2007) wurden solche Ärmel im Gefolge der 1684 uraufgeführten Oper „Amadis“ populär, in welcher die Hauptfigur dieses Kleidungsstück trug. Thema der Oper waren die Heldentaten und Tugenden des Ritters Amadis von Gallien, einer in der Renaissance beliebten Romanfigur. (Christoph Landolt, 16. Mai 2012)

 

Marienkäfer

Das Wort der Woche: Für einmal keine Worterklärung, sondern eine Liste aller (?) Dialektausdrücke, die das Schweizerdeutsche für den Marienkäfer kennt: Himelgüegeli, Himels-Tierli, Jesus-Tierli, Herrgotts-Chäferli, Herrgotts-Tierli, Herrgottsgüegeli, Lieberherrgotts-Chäferli, Lieberherrgotts-Tierli, Liebgottchäferli, Liebgotttierli, Liebgottchüeli, Heereloobeli, Muetergottes-Chäferli, Muetergottesgüegeli, Mueterchäferli, Frauechäferli, Frauetierli, Mariechäferli, Katriin(e)li, Katriinechäferli, Katriinetierli, Katriinegüegeli, Chäfertriinli, Anketriin(e)li, Anketierli, Ankechäferli, Brunnechüeli, Meiechüeli, Goldgüegeli, Maartigoldgüegeli. Fehlt etwas? (Christoph Landolt, 9. Mai 2012)

 

Buttitschifra

Das Wort der Woche: Dem Büstenhalter sagen die Walliser im Scherz „Buttitschifra“. „Butti“ ist ein ursprünglich ammensprachlicher Begriff für die weibliche Brust. „Tschifra“ ist ein Lehnwort aus dem Lombardischen und bezeichnet den traditionellen, aus Weidenruten geflochtenen Korb, der an zwei Bändern auf dem Rücken getragen wird. (Christoph Landolt, 2. Mai 2012)

 

Appenzeller Biber

Das Wort der Woche: Hat die Appenzeller Lebkuchenspezialität namens „Biber“ etwas mit dem gleichnamigen Nagetier zu tun? Nein. Der essbare „Biber“ ist aus „Biberzelten“ oder „Biberfladen“ gekürzt und hiess im Spätmittelalter „Bimen(t)zelten“. Der Wortbestandteil „Biment“ geht zurück auf lateinisch „pigmentum“, was „Nelkenpfeffer“, also ein Gewürz, bedeutet. (Christoph Landolt, 25. April 2012)

 

welsch

Das Wort der Woche: „Welsch“ meint westschweizerisch, französisch (vgl. „wallonisch“ in Belgien), älter auch italienisch, rätoromanisch. Ursprünglich bedeutete das Wort „keltisch“ (vgl. englisch „Welsh“, walisisch); es geht letztlich auf den gallischen Volksstamm der Volcae zurück. Übrigens: „Walensee“ bedeutet „See bei den Welschen“, denn dort lag früher die deutsch-rätoromanische Sprachgrenze. (Christoph Landolt, 18. April 2012)

 

(ume)plegere

Das Wort der Woche: Sitzen oder liegen wir faul herum, dann tun wir „(ume)plegere“. Das schöne Wort hat eine weniger schöne Herkunft: „Plegere“ geht auf „Blag“ zurück, ein altes Wort für Tierleiche, Aas, Kadaver. „Plegere“ meint somit eigentlich „in Fäulnis übergehen“, „dahinsiechen“. (Christoph Landolt, 11. April 2012)
 

Uustag, Huustage & Langsi, Lanzig

Das Wort der Woche: „Uustag“ oder „Huustage“ sowie „Langsi“ oder „Lanzig“ sind schweizerdeutsche Wörter für Frühling. Ersteres meint ursprünglich „Tag, an dem der Winter aus ist“ (die Interpretation als „Haustage“ zeigt, dass das Wort nicht mehr verstanden wurde). Letzteres ist eine Ableitung zu „lang“ und meint wörtlich „Jahreszeit, in der die Tage länger werden“. (Christoph Landolt, 4. April 2012)

 
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Warum heisst das Idiotikon «Idiotikon»? 

Idiotikon ist eine auf griechisch ídios 'eigen, eigentümlich' zurückgehende Wortschöpfung und meint wörtlich ein 'Verzeichnis der einer bestimmten Mundart eigenen Besonderheiten'.